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đŸ§© Change-Modelle (Lewin·Kotter·ADKAR·Bridges)

DIMA — Digitalisierung & Change Management · Prof. Rohleder · Modelle + Methoden

Change-Modelle

Status: GEPRÜFT (1,0)

Dieses Kapitel stellt die klassischen und individuellen VerĂ€nderungsmodelle vor, die in DIMA behandelt wurden. Je Modell: Kernidee, Phasen/Schritte, Einsatz, Kritik. Grobe Einteilung: strukturell-zeitliche Prozessmodelle (Lewin, Kotter, KrĂŒger, McKinsey 7-S) und psychologisch-individuelle Modelle (ADKAR, Transition, VerĂ€nderungskurve, TTM). Die agilen Modelle (Lean Change, Duales Betriebssystem) stehen im eigenen Kapitel „Change-Methoden (agil)“.

A. Strukturelle & zeitliche Prozessmodelle

1. 3-Phasen-Modell (Kurt Lewin) – „Vater aller Phasenmodelle“

Kernidee: VerĂ€nderung ist ein Ablösen eines stabilen Gleichgewichts, das ĂŒber drei Phasen in ein neues ĂŒberfĂŒhrt wird. Grundlage ist die Kraftfeldanalyse: In jedem System wirken treibende und hemmende KrĂ€fte; Wandel gelingt, indem hemmende KrĂ€fte reduziert (nicht nur treibende verstĂ€rkt) werden.

Phasen:

  1. Unfreezing (Auftauen) – bestehende Strukturen/Einstellungen lockern, VerĂ€nderungsbereitschaft schaffen.
  2. Moving / Changing (VerĂ€ndern) – die eigentliche VerĂ€nderung umsetzen.
  3. Refreezing (Stabilisieren / Einfrieren) – den neuen Zustand verankern und stabilisieren.
1 · Unfreezing Auftauen 2 · Moving VerĂ€ndern 3 · Refreezing Stabilisieren ⚠ „Refreeze" heute umstritten (VUCA)
Auftauen → VerĂ€ndern → Einfrieren. Grundlage ist die Kraftfeldanalyse: Wandel gelingt, indem man die hemmenden KrĂ€fte reduziert (nicht nur die treibenden verstĂ€rkt). DIMA-Kritik: Das dritte „Refreeze" ist in einer VUCA-Welt problematisch — die Organisation soll in Bewegung bleiben („liquid metal"), kein echter Stillstand.

Einsatz: klassischer Grundansatz fĂŒr organisatorischen Wandel; didaktisch einfach. Kritik (DIMA-relevant): Das „Refreeze“ ist heute problematisch – in einer VUCA-Welt darf es keinen echten Stillstand geben, die Organisation muss in Bewegung bleiben („liquid metal“). Quelle: Lewin 1947/1963; Polzin & Weigl S. 201.

2. 8-Stufen-Modell (John P. Kotter)

Kernidee: Ein schrittweiser Leitfaden von der Erzeugung von Dringlichkeit bis zur Verankerung des Wandels in der Kultur.

Acht Stufen:

  1. Dringlichkeit erzeugen (GefĂŒhl der Dringlichkeit wecken)
  2. FĂŒhrungskoalition aufbauen (richtungsweisende Personen vereinen)
  3. Vision und Strategie entwickeln
  4. Die Vision kommunizieren / vermitteln
  5. Hindernisse aus dem Weg rÀumen (Eigendynamik und Handlungsfreiheit ermöglichen)
  6. Kurzfristige, sichtbare Erfolge (Quick Wins) anstreben
  7. Erreichte Verbesserungen konsequent ausbauen / Wandel weiter antreiben
  8. VerÀnderungen im Alltag / in der Kultur verankern
12 34 56 78 Kultur
Acht Stufen von der Dringlichkeit bis zur Kultur. 1 Dringlichkeit · 2 FĂŒhrungskoalition · 3 Vision & Strategie · 4 Vision kommunizieren · 5 Hindernisse rĂ€umen · 6 Quick Wins · 7 Erfolge ausbauen · 8 im Alltag/Kultur verankern. DIMA-Kritik zu Stufe 8: Muss Wandel nicht kontinuierlich und intrinsisch getragen werden — statt einmalig „verankert"? Jede*r ist verantwortlich.

Einsatz: strukturierte Großtransformationen, top-getrieben. Kritik (in der Vorlesung diskutiert): Frage bei Stufe 8 – muss VerĂ€nderung nicht kontinuierlich und intrinsisch von den Handelnden getragen werden statt „von den Verantwortlichen“? Jede*r ist verantwortlich. Quelle: Kotter 1995/1996; Polzin & Weigl S. 201–204.

3. 5-Phasen-Modell (Wilfried KrĂŒger)

Kernidee: prozessuales Modell des Wandels in fĂŒnf Phasen. Phasen: 1. Initialisierung → 2. Konzipierung → 3. Mobilisierung → 4. Umsetzung → 5. Verstetigung. Quelle: KrĂŒger 2014.

4. 3W-Modell (KrĂŒger)

Kernidee: Bezugsrahmen, der drei ZielgrĂ¶ĂŸen des Wandels in den Mittelpunkt stellt:

  • Wandlungs­bedarf – wie viel VerĂ€nderung ist nötig?
  • Wandlungs­bereitschaft – wollen die Menschen?
  • Wandlungs­fĂ€higkeit – können die Menschen/die Organisation?

Einsatz: Diagnose der Change-Voraussetzungen (Grundlage fĂŒr das EiC-Barometer, siehe Diagnosewerkzeuge). Quelle: KrĂŒger 2014.

5. 7-S-Modell (McKinsey)

Kernidee: Analysiert das Zusammenspiel von sieben Faktoren, die fĂŒr erfolgreichen Wandel im Gleichgewicht sein mĂŒssen. Unterschieden werden harte (Strategie, Struktur, Systeme) und weiche Faktoren.

Hard Facts Soft Facts
Strategy (Strategie) Skills (Spezialkenntnisse/FĂ€higkeiten)
Structure (Struktur) Staff (Stammpersonal)
Systems (Systeme) Style (Stil / FĂŒhrungskultur)
Shared Values (gemeinsame Werte – Zentrum)

Einsatz: ganzheitliche Organisationsanalyse. Quelle: Waterman et al. 1980.

6. Weitere Prozessmodelle (KurzĂŒberblick)

  • Integrativer Ansatz (Vahs): verknĂŒpft die methodische Seite des Projektmanagements mit der psychologischen Ebene der Betroffenen (Vahs & Weiand 2010).
  • MOEW-Modell (Kaune): „Moderne Organisationsentwicklung“; Strukturmerkmale wie Partizipations- und Konfliktmanagement (Kaune 2010).
  • 4C-Transformationsansatz (Schröder et al.): handlungsorientiert ĂŒber die Ebenen Change, Collaborate, Challenge – strebt dauerhafte Konsistenz im Wandel an (Schröder et al. 2025).
  • Phasenmodell des Wandels (Change fĂŒr Dummies): Analyse → Orientierung → Krise steuern → Vision entwickeln → Konzept → Experimentieren ermutigen → Umsetzen → Change verankern.

B. Psychologische & individuelle VerÀnderungsmodelle

Fokus: emotionale Reaktionen und individuelle Akzeptanz der Menschen (Abdullah: „Human Factor“).

7. ADKAR-Modell (Jeff Hiatt / Prosci)

Kernidee: Individuelle VerĂ€nderung gelingt in fĂŒnf aufeinander aufbauenden Stufen – jede Stufe ist Voraussetzung fĂŒr die nĂ€chste; fehlt eine, stockt der Wandel (Diagnose des „schwĂ€chsten Glieds“).

Stufe Bedeutung
A – Awareness Bewusstsein fĂŒr die Notwendigkeit der VerĂ€nderung
D – Desire Wunsch/Bereitschaft, den Wandel zu unterstĂŒtzen
K – Knowledge Wissen, wie man sich verĂ€ndert
A – Ability FĂ€higkeit, neue Fertigkeiten/Verhalten umzusetzen
R – Reinforcement VerstĂ€rkung/Verankerung, damit der Wandel bleibt
AAwareness DDesire KKnowledge AAbility RReinforce. BewusstseinWunschWissenFĂ€higkeitVerankerung
Eine Kette — so stark wie ihr schwĂ€chstes Glied. Jede Stufe ist Voraussetzung fĂŒr die nĂ€chste: fehlt z. B. der Wunsch (Desire), nĂŒtzt alles Wissen nichts. Deshalb ist ADKAR vor allem ein Diagnose-Werkzeug: An welcher Stufe hakt die einzelne Person? Genau dort ansetzen.

Einsatz: individuelle Change-Begleitung, Diagnose blockierter Stufen; auch als Assessment im Lean Change Management genutzt. Quelle: Hiatt 2006.

8. Transition Model (William Bridges & Bridges)

Kernidee: Trennt die Ă€ußere VerĂ€nderung (Change) vom inneren psychologischen Übergang (Transition). These: Wandel scheitert oft nicht an der Maßnahme, sondern daran, dass der psychologische Übergang der Menschen zu wenig beachtet wird.

Drei Phasen:

  1. Ending (Loslassen) – Endpunkte und Verluste klar benennen, Abschied ermöglichen.
  2. Neutral Zone (neutrale Zone) – Phase der Unsicherheit/Orientierungslosigkeit; aktiv begleiten, nicht vorschnell beenden (kann Wochen bis Monate dauern).
  3. New Beginning (Neuanfang) – Neubeginn markieren, mit klaren Erwartungen verbinden.

Einsatz: Reorganisation, Merger, Rollenwechsel, Kulturwandel. Kritik: erklĂ€rt keine kognitiven Ursachen; fĂŒr rein technische, kaum betroffene Änderungen wenig geeignet. Gut kombinierbar mit VerĂ€nderungskurve und SCARF. Quelle: William Bridges, „Managing Transitions“, Erstauflage 1991; erweitert Bridges & Bridges 2016/2018.

9. VerĂ€nderungskurve (KĂŒbler-Ross / Streich)

Kernidee: Phasenmodell fĂŒr emotionale Reaktionen auf VerĂ€nderung. Die Trauerphasen von KĂŒbler-Ross (Elisabeth KĂŒbler-Ross, On Death and Dying, 1969) werden von Richard K. Streich (1997) auf Organisationen ĂŒbertragen und auf sieben Phasen erweitert. Charakteristisch: das „Tal der TrĂ€nen“ – ein Einbruch der wahrgenommenen eigenen Kompetenz.

Sieben Phasen (Streich):

  1. Schock 2. Verneinung 3. Einsicht 4. Akzeptanz 5. Ausprobieren 6. Erkenntnis 7. Integration
wahrgen. Kompetenz Zeit → Ausgangsniveau 123 4567 „Tal der TrĂ€nen"
Erst runter ins „Tal der TrĂ€nen", dann höher hinaus. Die wahrgenommene eigene Kompetenz bricht ein, bevor der Wandel gelingt — am Ende liegt sie ĂŒber dem Ausgangsniveau. Phasen: 1 Schock · 2 Verneinung · 3 Einsicht · 4 Akzeptanz · 5 Ausprobieren · 6 Erkenntnis · 7 Integration. Besonders begleiten: Phase 2 (konfrontative Klarheit) und Phase 5 (aktive Ermutigung).

Interventionshinweis: Besonders intensiv begleiten in Phase 2 (Verneinung → konfrontative Klarheit) und Phase 5 (Ausprobieren → aktive Ermutigung). Einsatz: emotional stark besetzte VerĂ€nderungen; gut fĂŒr Organisationen mit wenig Change-Erfahrung. Kritik: erklĂ€rt keine kognitiven Ursachen; bei sehr vielen parallelen Projekten wird die individuelle Phasenzuordnung aufwendig. Hinweis: KĂŒbler-Ross (1969) ist ursprĂŒnglich ein Sterbe-/Trauermodell (5 Phasen: Nicht-wahrhaben, Zorn, Verhandeln, Depression, Akzeptanz); Streich (1997) adaptierte es fĂŒr Organisationen.

10. Transtheoretisches Modell (TTM, Prochaska & DiClemente)

Kernidee: Misst die individuelle Bereitschaft fĂŒr neues Verhalten ĂŒber fĂŒnf Stadien. FĂŒnf Stadien: Absichtslosigkeit → Absichtsbildung → Vorbereitung → Handlung → Aufrechterhaltung (von „Absichtslosigkeit bis Aufrechterhaltung“). Quelle: Prochaska & DiClemente 1982.

11. SCARF-Modell (Rock) und Kognitive Trias (Rexer)

Beide werden im Kapitel „Psychologie des Wandels“ ausfĂŒhrlich behandelt (neurobiologische bzw. kognitiv-motivationale ErklĂ€rung von Widerstand). Kurz:

  • SCARF (Rock 2008): fĂŒnf soziale Bedrohungs-/Belohnungsdimensionen – Status, Certainty, Autonomy, Relatedness, Fairness.
  • Kognitive Trias (Rexer 2024): drei kognitive Treiber der Change-Bereitschaft – Change-Wirksamkeit, Ergebniserwartung, Ergebnisvalenz.
  • ABC-Modell (Aiken/Keller 2009): Verhaltenssteuerung durch Beeinflussung von Antecedents – Behaviour – Consequences (Rahmenbedingungen und Konsequenzen).

Vergleich auf einen Blick

Modell Typ Phasen/Kern Fokus
Lewin Prozess Unfreeze – Move – Refreeze Grundlogik des Wandels
Kotter Prozess 8 Stufen (Dringlichkeit 
 Verankern) Top-down-Steuerung
KrĂŒger 5-Phasen Prozess Initialisierung 
 Verstetigung Projektablauf
KrĂŒger 3W Bezugsrahmen Bedarf / Bereitschaft / FĂ€higkeit Diagnose
McKinsey 7-S Analyse 7 Faktoren (hart/weich) Organisationsanalyse
ADKAR Individuell Awareness 
 Reinforcement Individuelle Stufen
Transition (Bridges) Psychologisch Ending – Neutral Zone – New Beginning Innerer Übergang
VerÀnderungskurve Psychologisch 7 Phasen (Schock 
 Integration) Emotionale Reaktion
TTM Psychologisch 5 Stadien (Absichtslosigkeit 
 Aufrechterhaltung) Verhaltensbereitschaft