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DIMA — Digitalisierung & Change Management · Prof. Rohleder · Modelle + Methoden

Digitalisierung – Grundlagen

Status: GEPRÜFT (1,0)

Dieses Kapitel klĂ€rt die Begriffe, mit denen die Vorlesung startet: Was Digitalisierung ĂŒberhaupt heißt, welche Ebenen und technischen Schichten sie hat, warum sie ein Megatrend ist und in welcher Welt (VUCA/BANI) Wandel heute stattfindet. Digitalisierung dient in DIMA durchgehend als Beispiel fĂŒr einen Change-Prozess – wer ihre Probleme versteht, versteht Transformation allgemein.

1. Was ist Digitalisierung? (Definitionen)

Digitalisierung (enger, technischer Begriff) ist die Umwandlung analoger, stufenlos darstellbarer Werte in diskrete, digitale Werte, die sich zur Verarbeitung oder Speicherung in digitaltechnischen Systemen eignen. Die Information wird in ein digitales Signal umgewandelt, das nur aus diskreten Werten besteht (aktuell und ĂŒblich: Nullen und Einsen).

  • KĂŒnftige Digitalisierung wird „anders sein“ → Stichwort Quantencomputing (nicht mehr rein binĂ€r).
  • Wichtige Warnung (prĂŒfungsrelevant): Verschiedene Betrachtungsebenen erzeugen verschiedenes BegriffsverstĂ€ndnis. Verschiedene Personen meinen Verschiedenes mit dem gleichen Begriff → MissverstĂ€ndnispotenzial (Bezug Watzlawick; Beispiel „Business-IT-Gap„).

Abzugrenzen sind drei Begriffe (Rohleder betont die saubere Verwendung):

Begriff Bedeutung
Digitalisierung (i.e.S.) Analog → digital umwandeln (Technik: Werte in Nullen/Einsen)
Digitalisierung (i.w.S.) Durchdringung von Wirtschaft, Gesellschaft, Verwaltung mit digitalen Technologien
Digitale Transformation Tiefgreifender, strategisch getriebener Wandel von GeschÀftsmodellen, Prozessen und Kultur durch digitale Technologien (nicht nur Technik, sondern organisatorischer Wandel)

1a. Was Digitalisierung IST — und was sie NICHT ist (Rohleders Kernabgrenzung)

Aus dem Video-Screencast („Digitalisierung“): Rohleder warnt davor, Digitalisierung mit bloßer Medien-Umstellung zu verwechseln. Kernsatz: „Es reicht nicht, BĂŒcher nicht als Print herauszugeben, sondern die Printvorlage als PDF-Datei zu verkaufen. Das ist nicht Digitalisierung. Digitalisierung ist es tatsĂ€chlich, die neuen Chancen eines neuen Mediums komplett zu erfassen und zu nutzen.„

  • Gegenbeispiel „Versicherung“: Policen als Commodity online abschließen und Unterlagen als PDF ins Online-Postfach legen ist noch nicht Digitalisierung zu Ende gedacht. Weitergedacht wĂ€re z. B. eine App, die per Reservierung auf einem Kreditkarten-/Wahlkonto (Prinzip „Versicherung auf Gegenseitigkeit“) Schutz gewĂ€hrt — und damit die „Heerschar von Vertriebs- und Verwaltungsmitarbeitenden“ weitgehend ĂŒberflĂŒssig macht. Folge: starker Personalabbau bei gleichzeitig neuen ArbeitsplĂ€tzen mit anderem Qualifikationsprofil (Programmierung, digitale GeschĂ€ftsmodelle statt Vor-Ort-Vertrieb).
  • Gegenbeispiel „Bank“: GeschĂ€ftsbanken waren frĂŒhe Digitalisierungspioniere (Kontoauszug-KĂ€sten → Selbstbedienungsdrucker → Online-Konto → PDF-Postfach). Jede Stufe diente v. a. der Kostensenkung. Zu Ende gedacht stellt sich die Frage, „wer eigentlich noch ein Girokonto bei einer GeschĂ€ftsbank braucht“ (PayPal, Krypto, mögliche Zentralbank-Konten fĂŒr Privatleute) — eine ganze Branche muss prĂŒfen, ob Teile ihres GeschĂ€fts obsolet werden.
  • Analogie „abgefilmtes Theater“: Die ersten Kinofilme waren abgefilmte TheaterauffĂŒhrungen — eine Kamera vor die BĂŒhne gestellt. Erst als die Medienform ihre eigenen Möglichkeiten begriff, entstand das heutige Kino. Jede Industrie muss die Reife entwickeln, das neue Medium eigenstĂ€ndig zu nutzen, statt das Alte nur abzufilmen.
  • Nötig ist der richtige Mindset: „Es geht hier um Change Management — dass man agil bleibt im Kopf und im Handeln.“ Rohleder rahmt Digitalisierung als Sturm („Wind in den Segeln oder die Welle, in der das Schiff sinkt — entscheiden Sie durch Qualifizierung“). Positives Kontrastbeispiel: Israel, wo wĂ€hrend des Wehrdiensts breit programmieren gelernt wird → großes ziviles Digitalisierungspotenzial (nicht als DE-Blaupause, sondern als Illustration staatlichen Umgangs).

Bezug zur Payload-Warnung: Diese Illustrationen sind Rohleders eigene Meinung/EinschĂ€tzung (so im Screencast angesagt) — in der Klausur zĂ€hlt die abgewogene Argumentation, nicht das NacherzĂ€hlen der Beispiele.

2. Ebenen der Digitalisierung (nach Betroffenheit)

Digitalisierung wirkt auf mehreren gesellschaftlichen Ebenen mit je eigenen Chancen und Risiken:

  • Gesellschaft (Summe der Privatanwender): besserer Zugang zu Informationen, verbesserte Bildungschancen. Risiken: Informationsblasen („digitale Dorfdeppen: ungebremst, ungefiltert, ungestraft“), glĂ€serner Mensch.
  • Wirtschaft: Industrie 4.0, eCommerce, ERP-Systeme (Steuerung aller Prozesse in der Supply Chain).
  • Wissenschaft: Beschleunigung von Innovation und Forschung.
  • Technik: „papierloses BĂŒro“ / papierlose Fabriken (kritische Frage: Ist ein PDF nur eine „bessere Digitaldruckvorlage“?).

3. Technische Ebenen / Schichten (erweitertes OSI-Modell)

Die technische Digitalisierung lĂ€sst sich ĂŒber das OSI-Schichtenmodell ordnen, in der Vorlesung um Schicht 0 und die Layer 8–10 erweitert. Merkhilfe: Schichten 0–4 = transportorientiert, Schichten 5–7 = anwendungsorientiert, Schichten 8–10 = human/organisational/rechtlich.

Schicht Name Funktion / Inhalt
0 Übertragungsmedium Verkabelung & Hardware: Kupfer, Glasfaser, WLAN, Richtfunk, Bluetooth LE, Zigbee/Matter, GSM/5G, Sigfox (LPWAN fĂŒr IoT)
1 BitĂŒbertragung Umwandlung der Bits in ein zum Medium passendes Signal, physikalische Übertragung
2 Sicherung Segmentierung in Frames, HinzufĂŒgen von PrĂŒfsummen
3 Vermittlung Routing der Datenpakete zum nÀchsten Knoten
4 Transport Zuordnung der Datenpakete zu einer Anwendung
5 Sitzung Steuerung der Verbindungen und des Datenaustauschs
6 Darstellung Umwandlung systemabhÀngiger Daten in ein unabhÀngiges Format
7 Anwendung Funktionen fĂŒr Anwendungen, Dateneingabe/-ausgabe
8 Human Layer Das Individuum – „Problem vorm Rechner“, AngriffsflĂ€che fĂŒr Social Engineering
9 Organization Layer Die Organisation
10 Legal & External Compliance Layer Der Staat / rechtliche und externe Vorgaben

Quellen: OSI-Modell und „Layer 8“ (Wikipedia), wie in der Vorlesung genutzt.

Die Layer 8–10 sind der BrĂŒckenschlag zum Change Management: Die schwierigsten Probleme der Digitalisierung liegen nicht in der Technik (0–7), sondern beim Menschen, in der Organisation und im rechtlichen Rahmen (8–10).

4. Digitalisierung als Megatrend – Ausgangshypothese

Rohleders Ausgangshypothese zur Rolle der Digitalisierung:

  • Digitalisierung betrifft alle.
  • Sie wird eher noch umfangreicher, verliert nicht an Bedeutung → „Megatrend“.
  • Status quo: „ausbaufĂ€hig“.

5. VUCA (und BANI) – die Welt, in der Wandel stattfindet

VUCA beschreibt die Rahmenbedingungen moderner FĂŒhrung und Transformation:

Buchstabe Englisch Deutsch
V Volatility VolatilitÀt / UnbestÀndigkeit
U Uncertainty Unsicherheit
C Complexity KomplexitÀt
A Ambiguity Mehrdeutigkeit

VUCA erklĂ€rt, warum starre MasterplĂ€ne versagen und agile, feedbackgetriebene AnsĂ€tze nötig werden (siehe Kapitel „Change-Methoden (agil)“). Als neueres Nachfolgemodell wird BANI (Brittle, Anxious, Nonlinear, Incomprehensible) genannt.

Wichtige begriffliche Unterscheidung (Rohleder):

  • Unsicherheit vs. Ungewissheit – Unsicherheit lĂ€sst sich mit Wahrscheinlichkeiten fassen; Ungewissheit betrifft prinzipiell Unvorhersehbares.

6. Exkurse: Urteilsvermögen, Bildung, Desinformation

Rohleder rahmt Digitalisierung bewusst gesellschaftlich (relevant fĂŒr die argumentative Tiefe, die er bewertet):

  • Rolle der Bildung: jahrzehntelanges Underfunding des Bildungssektors, fehlende WertschĂ€tzung fĂŒr Bildung.
  • Missbrauch von „Information“: gezielte Desinformation einst und heute – „Flood the zone with 
“ (ÜberwĂ€ltigungstaktik): Fakten werden systematisch in Bergen von LĂŒgen begraben, bis Menschen die Unterscheidung von wahr und falsch verlieren (Bezug Hannah Arendt, Elemente und UrsprĂŒnge totaler Herrschaft, 1955).
  • Rolle der RegierungsqualitĂ€t: handwerklich schlechte Gesetzgebung, problematisches Agenda-Setting (falsche Themen, falsche PrioritĂ€ten).

Nota bene (zwei KernsÀtze):

  1. Um das Verhalten der Menschen zu verÀndern, muss man es verstehen. Wichtiges Hemmnis: Existenzangst.
  2. Kommunikation braucht Sender und EmpfĂ€nger – die Leute mĂŒssen auch hören und verstehen wollen bzw. können.