Beschaffungsmarktforschung
Status: ERARBEITET aus den Vorlesungsfolien (kein offizielles Lösungsblatt).
Worum es geht: Rolle der Information
Der Leitsatz lautet: âJede Entscheidung ist nur so gut wie die dazugehörige Information." Information wird damit als Produktionsfaktor verstanden, nicht als Nebenprodukt.
Mit der richtigen Information
- werden Chancen besser erkennbar,
- wird die technische Entwicklung besser beobachtbar/vergleichbar,
- vereinfacht sich die Lieferantenauswahl.
Die Beschaffungsmarktforschung ermöglicht ein geplantes und strategisches Vorgehen unter BerĂŒcksichtigung der gewonnenen Informationen, statt situativ zu reagieren.
Beispiel: Wer weiĂ, dass ein Elektronikbauteil bei nur zwei Herstellern weltweit gefertigt wird, verhandelt anders (und legt frĂŒher SicherheitsbestĂ€nde an) als jemand, der das erst beim Lieferausfall erfĂ€hrt.
Definition und Hauptziel
Definition âBeschaffungsmarktforschung": Systematische Ermittlung des aktuellen und zukĂŒnftigen Lieferangebots hinsichtlich aller relevanten Merkmale (Sortiment, Menge, Preis, Know-How des Lieferanten, Konditionen, âŠ).
Hauptziel: Informationslieferant zur Entscheidungsfindung.
Beitrag zur Entscheidungsfindung:
- Entwicklungen und Trends frĂŒher erkennen
- FrĂŒhwarnindikatoren erhalten
- Chancen und Risiken besser einschÀtzen können
- Vermeidung von Engpasssituationen
- bessere Lieferantenauswahl
- wirtschaftliche, rechtliche und technische Rahmenbedingungen leichter verstehen
ZusĂ€tzlich wirkt der Einkauf ĂŒber die Marktforschung als Quelle fĂŒr Know-How, als Argumentationshilfe und Beratungskompetenz im Unternehmen.
Beispiel FrĂŒhwarnindikator: Steigende Notierungen auf dem Vormarkt (z. B. Aluminium-Rohpreis) kĂŒndigen Preiserhöhungen beim Halbfabrikat an, bevor der Lieferant sie ankĂŒndigt.
Die drei Teilgebiete: Marktanalyse, Marktbeobachtung, Marktprognose
| Teilgebiet | Kernmerkmal | Konkretes Beispiel |
|---|---|---|
| Marktanalyse | Zeitpunktbetrachtung, oft anlassbezogen; zeigt die Marktstruktur zu einem gegebenen Zeitpunkt (Anbietersituation, KapazitÀten, Marktanteile, Vormaterialien, Sortimentsbreite) | Beschaffungsmarktanalyse zur Produktgruppe 08/15: Anzahl Anbieter in Deutschland, Anzahl Anbieter mit bestehendem Kontakt, GesamtproduktionskapazitÀt aller Anbieter in D, Marktanteile, wichtigste Vormaterialien, Produktspektrum |
| Marktbeobachtung | Zeitraumbetrachtung; Ziel: Entwicklungen und Trends aufzeigen; erkennt VerĂ€nderungen der Beschaffungsmarktdaten, Verschiebungen der Produktnachfrage, Konzentrationstendenzen der Anbieter; auch Beobachtung der VormĂ€rkte | Laufendes Verfolgen, dass sich in einer Branche drei Anbieter zu einem Konzern zusammenschlieĂen (Konzentrationstendenz) â Verhandlungsposition verschlechtert sich |
| Marktprognose | Baut auf Analyse + Beobachtung auf; Vorschau auf kommende Marktgegebenheiten; Basis fĂŒr Entscheidungen im Einkauf; Ziel: langfristige Sicherstellung der Versorgung; Ableitung von Beschaffungsstrategien | Aus beobachtetem KapazitĂ€tsabbau + steigender Nachfrage wird die Verknappung fĂŒr die nĂ€chste Saison prognostiziert â Rahmenvertrag wird vorgezogen |
Welche Informationen werden erhoben?
Ăber das Produkt (z. B. Rohstoff / Halbfabrikat):
- Technologiestand (up to date; Beispiel: Bluetooth im Auto)
- Versorgungssicherheit (wie lange am Markt? solvent?)
- Rechte und Lizenzen
- Herstellverfahren (Kinderarbeit, Fernost, âŠ)
Ăber den Anbieter:
- Produkte und Leistungen
- QualitÀt(sanspruch), z. B. ISO-9000-Zertifizierung
- Preise/Konditionen, Preisniveau, AGB's
- Forschung und Entwicklung
- Serviceverhalten
- FlexibilitÀt bei Anpassungen
- Standort, Management (Unternehmen aus der Region; Management kennt sich)
- BonitÀt
Dazu Informationen ĂŒber Preise, ĂŒber den Markt und ĂŒber die gesamtwirtschaftlichen Rahmenbedingungen.
Informationsquellen
| Art | Quellen | Beispiel |
|---|---|---|
| Intern | Vertrieb, Marketing, Produktmanagement, F&E, Service | Der Vertrieb meldet aus KundengesprÀchen, dass ein Wettbewerbsprodukt auf ein neues Bauteil umgestellt hat |
| Extern (Internet-Suchmaschinen fĂŒr den Einkauf) | alibaba.com · europages.com (europĂ€ische Business-Suchmaschine, 2,6 Mio. exportorientierte Unternehmen aus 35 europĂ€ischen Staaten) · seibt.de (B2B-Datenbank des Seibt-Verlages zu Industriebranchen) · businessdeutschland.de (Gelbe Seiten Business Deutschland) · thomas-global.de (weltweiter EinkaufsfĂŒhrer, ĂŒber 700.000 Unternehmen) · kompass.com (5 Mio. Unternehmen in 66 LĂ€ndern) · diedeutscheindustrie.de | Suche nach Zweitlieferanten fĂŒr ein Normteil ĂŒber kompass.com |
Hinweis: Die AufzÀhlung der externen Informationsquellen wird in Aufgabe 3a vertieft.
Ziele der Beschaffungsmarktforschung
- Markttransparenz erhöhen, um beschaffungsrelevante Entwicklungen zu erkennen
- Versorgung der EntscheidungstrÀger mit Informationen aus den BeschaffungsmÀrkten
- ErschlieĂung neuer Beschaffungsquellen
- Ermittlung von SubstitutionsgĂŒtern
- Umsetzen der gewonnenen Kenntnisse in Beschaffungspolitik
- Erreichen der materialwirtschaftlichen Ziele
- Einfluss auf Leistungen und Konditionen der Lieferanten
- Langfristige Sicherstellung einer optimalen Versorgung durch Erweiterung des Beschaffungsradius
- Eigenfertigung oder Fremdbezug (Make or Buy)
Internationale Beschaffung: Herausforderungen der Importmarktforschung
Transportkosten · Sprachschwierigkeiten · Zoll- und WÀhrungsfragen · FormalitÀten bei der Einfuhr · HandelsbrÀuche · Importfinanzierung · Korruption · MentalitÀt · Know-How-Verlust.
Beispiel: Ein in China gefertigtes GehĂ€use ist im StĂŒckpreis gĂŒnstiger, die Kalkulation muss aber Zoll, Seefracht, WĂ€hrungsrisiko und lĂ€ngere Wiederbeschaffungszeit mittragen.
Make or Buy
Eigenfertigung vs. Fremdbezug. Tendenz: Verlagerung ehemals unternehmenseigener AktivitÀten an Lieferanten und Dienstleister.
Dazu gilt der Merksatz: Outsourcing ist das Ergebnis einer Make-or-Buy-Entscheidung!
Entscheidungskriterien: Kosten · Absatzwirkung · QualitÀt · Sicherheit der Materialversorgung · potentielle AbhÀngigkeit · LiquiditÀtsbelastung.
Vorteile pro Beschaffungsart
| Eigenfertigung | Fremdfertigung |
|---|---|
| Wirksame Kontrolle von QualitĂ€t und Fertigung | Weniger Kosten fĂŒr Lager, SicherheitsbestĂ€nde, Kapitalbindung |
| Geheimhaltung von Eigenentwicklungen | Niedrige Fertigungstiefe und weniger Fixkosten |
| Erhöhung der Kernkompetenz | Schnellere Anpassung an NachfrageÀnderungen |
| Kompakte Zusammenarbeit von Entwicklung, Einkauf, Produktion | Weniger Produktionsrisiko, Ausschusskosten, Ăberstunden |
| Bessere Auslastung von Maschinen und Personal | Nutzung der Fertigungskompetenzen des Zulieferers |
Historische Illustration: Ford-Werke âRiver Rouge" (Detroit) als Extrem hoher Fertigungstiefe gegenĂŒber dem VW-Werkslayout Resende (ehemals MAN) als Beispiel fĂŒr weitgehende Verlagerung an Modullieferanten.
Rechenverfahren
| Verfahren | Zweck | Kern |
|---|---|---|
| Break-Even-Analyse | Ab welcher Menge lohnt Eigenfertigung? | Gleichsetzen der KostenverlÀufe von Make und Buy; Schnittpunkt = kritische Menge |
| Kostenvergleichsrechnung | Direkter Kostenvergleich der beiden Alternativen | GegenĂŒberstellung der jeweiligen Kostenblöcke pro Periode/StĂŒck |
| Kritischer Preis (Praxisbeispiel Firma Walter) | Bis zu welchem Einstandspreis ist Fremdbezug gĂŒnstiger? | Eigenfertigungskosten je StĂŒck = variable StĂŒckkosten + (AnnuitĂ€t der Investition + Personalkosten) / Menge |
Praxisbeispiel Firma Walter: Bezugsmenge 1.200 StĂŒck, Einstandspreis 1.210 âŹ, Investition bei Eigenfertigung 2.160.000 âŹ, stĂŒckbezogene auszahlungswirksame Kosten 864 âŹ, zusĂ€tzliche Personalkosten 52.000 ⏠je Periode, Nutzungsdauer 6 Jahre, AnnuitĂ€tenfaktor 0,229607 (i = 10 %). Gefragt sind (a) der kritische Preis und (b) die Menge, ab der Eigenfertigung bzw. Fremdbezug gĂŒnstiger ist.
VollstÀndiger Rechenweg (alle Werte nachgerechnet):
| Schritt | Rechnung | Ergebnis |
|---|---|---|
| AnnuitĂ€tenfaktor (i = 10 %, n = 6) | 0,1 · 1,1â¶ / (1,1â¶ â 1) | 0,229607 |
| AnnuitĂ€t der Investition | 2.160.000 ⏠à 0,229607 | 495.951,12 âŹ/Periode |
| Fixer Block je Periode | 495.951,12 ⏠+ 52.000 ⏠| 547.951,12 ⏠|
| Fixkosten je StĂŒck (bei 1.200 StĂŒck) | 547.951,12 ⏠/ 1.200 | 456,63 ⏠|
| a) Kritischer Preis | 864 ⏠+ 456,63 ⏠| 1.320,63 âŹ/StĂŒck |
| Entscheidung bei 1.200 StĂŒck | Marktpreis 1.210 ⏠< 1.320,63 ⏠| Fremdbezug gĂŒnstiger |
| b) Kritische Menge | 547.951,12 ⏠/ (1.210 ⏠â 864 âŹ) | 1.583,7 â 1.584 StĂŒck |
| Kontrolle bei 1.200 StĂŒck | Buy 1.452.000 ⏠vs. Make 1.584.751,12 ⏠| Differenz 132.751,12 ⏠fĂŒr Buy |
Bis ca. 1.584 StĂŒck ist der Fremdbezug gĂŒnstiger, darĂŒber die Eigenfertigung.
Logik dahinter: AnnuitĂ€t der Investition + Personalkosten = fixer Block je Periode; dieser geteilt durch die Menge plus die 864 ⏠variable StĂŒckkosten ergibt die Eigenfertigungskosten je StĂŒck = kritischer Preis. Die kritische Menge folgt aus: fixer Block / (Einstandspreis â variable StĂŒckkosten): das ist die Menge, ab der die Fixkostendegression den Preisvorteil des Lieferanten aufzehrt.
Make-or-Buy-Portfolio: Klassifikation strategischer Optionen. Die Entscheidung wird nicht nur ĂŒber Kosten, sondern ĂŒber die strategische Bedeutung des Objekts getroffen.
Beschaffungsstrategien
Die Strategien lassen sich der Lieferantenpyramide zuordnen: Je nÀher am OEM und je komplexer/strategischer das Objekt, desto partnerschaftlicher die Strategie.
| Ebene | Leitkriterium | Strategien |
|---|---|---|
| System-/Modullieferanten | Partnerschaft | Modular Sourcing, Single Sourcing, Local Sourcing |
| Komponentenlieferanten | QualitÀt, Kosten, Preis | Dual Sourcing, Local/Domestic Sourcing |
| Rohmaterial-, Halbfabrikate-, DIN-/Normteilelieferanten | Kosten (Preis) | Multiple Sourcing, Global Sourcing |
Die Strategien im Einzelnen
| Strategie | Kern | Vorteile | Nachteile |
|---|---|---|---|
| Single Sourcing (Einquellenbezug) | GrĂŒndliche Vorab-Analyse des Lieferanten, Einbeziehung schon bei der Produktentwicklung, vertragliche Bindung, gegenseitige AbhĂ€ngigkeit | Engere Zusammenarbeit; geringere Preise durch höheres Bestellvolumen; geringere Transaktionskosten; weniger Lieferanten = weniger Administration; bessere Kontrolle | AbhĂ€ngigkeit vom Lieferanten; geringe FlexibilitĂ€t; kurzfristiger Wechsel schwierig/kostspielig; Preisgabe von Firmen-Know-How; EngpĂ€sse beim Ausfall des Lieferanten |
| Dual Sourcing (Zweiquellenbezug) | Zwei Lieferanten im Wettbewerb zueinander, z. B. 70 %/30 %; Versorgungssicherheit im Vordergrund; z. B. fĂŒr strategische Rohstoffe wie Aluminium oder Engpassartikel | Versorgungssicherheit; da durch anhaltenden Preisdruck immer mehr Zulieferer in die Insolvenz gehen, wĂ€hlen OEMs mindestens 2 Zulieferer; ansonsten Ă€hnlich Single Sourcing | AbhĂ€ngigkeit vom Lieferanten; Preisgabe von Firmen-Know-How; nur mittlere FlexibilitĂ€t |
| Multiple Sourcing | Mehrere Bezugsquellen; Erhöhung der Konkurrenz; fĂŒr Waren mit geringer Spezifikation, z. B. C-Artikel | Geringere Kosten, geringeres Risiko (siehe Bewertungsmatrix unten) | (ErgĂ€nzung:) keine enge Zusammenarbeit, hoher Administrationsaufwand pro Lieferant |
| Local Sourcing | Waren und Dienstleistungen aus unmittelbarer Nachbarschaft; ausdrĂŒcklich âfĂŒr hochwertige Beschaffungsobjekte" | Logistische Störungen auf Minimum reduziert; gleiche MentalitĂ€t und Sprache; FlexibilitĂ€t bei Ănderungen | Oft höhere Preise |
| Global Sourcing | Weltweiter Bezug; bei Massenprodukten aus NiedriglohnlÀndern | Kostenvorteile; Risikoverteilung; max. FlexibilitÀt; weltweite Auswahl der besten Lieferanten; Nutzung von Wechselkursschwankungen; geringe AbhÀngigkeit, höherer Wettbewerb zwischen Lieferanten | Zollprobleme; Korruption, MentalitÀt, Sprache; Verzögerungen (z. B. Sturm, Ausfall); Logistikprobleme, KomplexitÀt; ZuverlÀssigkeit; QualitÀtsrisiko |
| Modular Sourcing | Wenige Lieferanten liefern komplexe Systeme/Baugruppen; Just in Time / Just in Sequence. Beispiel: Automobilzulieferer Magna baut den X3 fĂŒr BMW | Reduktion der Anzahl direkter Lieferantenbeziehungen; Reduktion Lagerhaltung; Reduktion Logistikkosten; Konzentration auf Kernkompetenzen | Gegenseitige AbhĂ€ngigkeit; hoher Abstimmungsaufwand; Lieferantenwechsel schwierig; Abgabe von Know-How |
Bewertungsmatrix
| Beschaffungsstrategie | Geringere Kosten | Bessere Leistung | Geringeres Risiko | Höhere FlexibilitÀt |
|---|---|---|---|---|
| Single Sourcing | X | X | ||
| Dual Sourcing | X | X | ||
| Multiple Sourcing | X | X | ||
| Global Sourcing | X | X | X* | X |
| Local Sourcing | X | X | ||
| Modular Sourcing | X | X | ||
| Just-in-Time | X | X | ||
| Beschaffungskooperation | X |
* Scheinbarer Widerspruch, den man kennen sollte: Die Matrix gibt Global Sourcing ein X bei âGeringeres Risiko", obwohl fĂŒr das Global Sourcing sechs Risiko-Nachteile aufgefĂŒhrt sind (Zoll, Korruption/MentalitĂ€t/Sprache, Verzögerungen, LogistikkomplexitĂ€t, ZuverlĂ€ssigkeit, QualitĂ€tsrisiko). Gemeint ist in der Matrix die Streuung des Lieferantenausfallrisikos ĂŒber mehrere LĂ€nder und Anbieter (âRisikoverteilung", âgeringe AbhĂ€ngigkeit"), nicht ein niedrigeres operatives Risiko im TagesgeschĂ€ft. Operativ steigt das Risiko sogar.
Zusammenfassung: zu untersuchende Kriterien
- Marktpotenzial
- Beschaffungsmenge (Lieferzeit, Lose)
- Beschaffungsmarktstruktur: Monopole, Oligopole, Polypole
- ZukĂŒnftige Marktentwicklung: technisch, wirtschaftlich, konjunkturell, politisch
- Verhalten der Wettbewerber
- Marktrisiken
- EngpÀsse
Ăbungsaufgaben â gelöst
a) interne AnlĂ€sse fĂŒr eine Marktanalyse sein? (min. zwei)
b) externe AnlĂ€sse fĂŒr eine Marktanalyse sein? (min. zwei)
a) Interne AnlÀsse (Auslöser liegt im eigenen Unternehmen):
- Neuentwicklung / neues Produkt: FĂŒr ein neues Bedarfsobjekt existiert noch kein Lieferant; die Teilprozesse der Beschaffungsmarktforschung unterscheiden sich ausdrĂŒcklich nach der Neuartigkeit der Bedarfsobjekte.
- Anstehende Make-or-Buy-Entscheidung: Vor der Verlagerung einer bisher eigengefertigten Leistung muss das Lieferangebot systematisch erhoben werden (Ziel âEigenfertigung oder Fremdbezug").
- Unzufriedenheit mit dem bestehenden Lieferanten (QualitĂ€t, Serviceverhalten, FlexibilitĂ€t, Preisniveau) â Suche nach Alternativen, ErschlieĂung neuer Beschaffungsquellen.
- Mengen-/BedarfsÀnderung (starkes Wachstum, Auslauf einer Baureihe): Reichen die KapazitÀten der bisherigen Anbieter noch?
- Strategiewechsel im Einkauf, z. B. Umstellung von Single auf Dual Sourcing zur Erhöhung der Versorgungssicherheit.
- Kostensenkungsprogramm / Suche nach SubstitutionsgĂŒtern (Ziel âErmittlung von SubstitutionsgĂŒtern").
b) Externe AnlÀsse (Auslöser liegt im Markt):
- Preiserhöhung oder Preisverfall am Beschaffungsmarkt bzw. auf den VormÀrkten.
- Konzentrationstendenzen der Anbieter: Fusionen und Ăbernahmen verschlechtern die Verhandlungsposition.
- Insolvenz oder Ausfall eines Lieferanten bzw. drohende Engpasssituation.
- Neuer Anbieter oder neue Technologie am Markt (Kriterium Technologiestand).
- VerĂ€nderte rechtliche/politische Rahmenbedingungen (Zölle, EinfuhrformalitĂ€ten, Sanktionen, Umwelt-/Sozialauflagen wie das Herstellverfahren âKinderarbeit").
- Konjunkturelle VerĂ€nderungen und Wechselkursschwankungen (zukĂŒnftige Marktentwicklung technisch/wirtschaftlich/konjunkturell/politisch).
a) Beratungskompetenz
b) Argumentationshilfe
Im Unternehmen durch den Einkauf.
Grundlage: Die Beschaffungsmarktforschung ist ausdrĂŒcklich Quelle fĂŒr Know-How, Argumentationshilfe und Beratungskompetenz. Der Unterschied: Beratungskompetenz berĂ€t bei der Gestaltung (nach innen, gestaltend), Argumentationshilfe untermauert eine Position mit Marktdaten (nach innen oder gegenĂŒber dem Lieferanten, belegend).
a) Beratungskompetenz (zwei Beispiele):
- Beratung der Entwicklung bei der Werkstoff- oder Bauteilwahl: Der Einkauf weiĂ aus der Marktbeobachtung, welcher Technologiestand marktĂŒblich ist und welche Bauteile von vielen Anbietern verfĂŒgbar sind. Er berĂ€t, ein Norm-/DIN-Teil statt einer Sonderanfertigung zu konstruieren: das eröffnet Multiple Sourcing statt Single Sourcing.
- Beratung der GeschĂ€ftsfĂŒhrung bei einer Make-or-Buy-Entscheidung: Der Einkauf bringt aus der Marktanalyse Anbieterzahl, KapazitĂ€ten und Preisniveau ein und zeigt, ob am Markt ĂŒberhaupt ein leistungsfĂ€higer Fremdbezug möglich ist (Kriterien: Kosten, QualitĂ€t, Sicherheit der Materialversorgung, potentielle AbhĂ€ngigkeit).
- (weiteres) Beratung zu SubstitutionsgĂŒtern, wenn ein Rohstoff knapp oder politisch riskant wird.
b) Argumentationshilfe (zwei Beispiele):
- In der Preisverhandlung mit dem Lieferanten: Der Einkauf belegt mit Marktdaten (Preisniveau der Wettbewerber, gesunkene Notierungen auf dem Vormaterialmarkt), dass die geforderte Preiserhöhung nicht marktgerecht ist.
- GegenĂŒber internen BedarfstrĂ€gern: Wenn die Fachabteilung auf einem Wunschlieferanten besteht, belegt der Einkauf mit der Marktanalyse (BonitĂ€t, KapazitĂ€t, Marktanteil, Zertifizierung nach ISO 9000), warum ein anderer Anbieter die geringeren Risiken bietet, oder warum der teure Local-Sourcing-Lieferant sich durch FlexibilitĂ€t und geringere logistische Störungen rechnet.
b) Folgende BeschaffungsfĂ€lle können ĂŒber das Internet bearbeitet werden. Welche Optionen bieten sich dabei fĂŒr die Beschaffungsmarktforschung? Welche Internetquellen und welche Vergleichskriterien wĂŒrden Sie jeweils nutzen?
I. Einkauf von Laptops fĂŒr AuĂendienstmitarbeiter.
II. Auswahl von FlĂŒgen zu Kundenterminen fĂŒr AuĂendienstmitarbeiter.
a) Externe Informationsquellen (ohne Internet, Zeitschriften, Bibliothek), mindestens fĂŒnf:
- Messen und Ausstellungen (Fachmessen der Branche: AnbieterĂŒberblick, neue Technologien, direkter Erstkontakt)
- Lieferanten selbst: Kataloge, Preislisten, Angebote, SelbstauskĂŒnfte, Werksbesuche/Lieferantenaudits
- Industrie- und Handelskammern (IHK), AuĂenhandelskammern (AHK), Branchen- und FachverbĂ€nde
- Auskunfteien und BonitĂ€tsdienste (z. B. fĂŒr die geforderte Information âBonitĂ€t"), GeschĂ€ftsberichte der Anbieter
- Statistische Ămter und Wirtschaftsinstitute (Statistisches Bundesamt, Konjunktur- und Preisindizes fĂŒr gesamtwirtschaftliche Rahmenbedingungen)
- Persönliche Kontakte und Erfahrungsaustausch: EinkÀufer-Netzwerke, Fachkongresse, Tagungen, Seminare
- Beratungsunternehmen / Marktforschungsinstitute, Handelsvertreter und Makler
b) I. Einkauf von Laptops fĂŒr AuĂendienstmitarbeiter
Optionen fĂŒr die Beschaffungsmarktforschung: Es handelt sich um ein standardisiertes, gut spezifizierbares Gut mit vielen Anbietern â das Internet erlaubt hier eine nahezu vollstĂ€ndige Markttransparenz und begĂŒnstigt Multiple Sourcing bzw. Ausschreibung/Preisvergleich. Der Beschaffungsradius lĂ€sst sich ohne Aufwand erweitern.
Internetquellen:
- Hersteller-Websites und deren Business-/Direktvertrieb (technische Spezifikationen, Produktroadmaps)
- B2B-HĂ€ndler- und Distributoren-Shops sowie Preisvergleichs-/Marktplatzportale
- die oben genannten Einkaufs-Suchmaschinen zur Anbieteridentifikation (kompass.com, businessdeutschland.de, thomas-global.de, europages.com, diedeutscheindustrie.de)
- Test- und Fachportale zur technischen Bewertung, Bewertungen/Referenzen anderer GeschÀftskunden
Vergleichskriterien:
- Preis/TCO: Einstandspreis, Rabatt-/Staffelkonditionen bei BĂŒndelung, Zahlungs- und Lieferkonditionen
- Technische Spezifikation: Prozessor, RAM, SSD, Display, Gewicht/Akkulaufzeit (auĂendiensttauglich), Schnittstellen, DockingfĂ€higkeit
- Technologiestand und Produktlebenszyklus/Nachkaufbarkeit identischer Modelle fĂŒr Nachbestellungen
- Service: Garantiedauer, Vor-Ort-Service, Reaktionszeiten, AustauschgerĂ€testellung; fĂŒr den AuĂendienst besonders kritisch
- VerfĂŒgbarkeit/Lieferzeit und KapazitĂ€t des Anbieters
- AnbieterqualitÀt: BonitÀt, Marktanteil, Zertifizierungen, AGB
- Sicherheits-/Compliance-Anforderungen (VerschlĂŒsselung, Support fĂŒr die IT-Standards des Unternehmens)
II. Auswahl von FlĂŒgen zu Kundenterminen
Optionen fĂŒr die Beschaffungsmarktforschung: Es handelt sich um eine Dienstleistung mit stark schwankenden, tagesaktuellen Preisen. Die Marktforschung ist hier weniger einmalige Analyse als laufende Marktbeobachtung der Preisentwicklung; zusĂ€tzlich strategische Option, statt Einzelbuchungen einen Rahmenvertrag/Firmentarif mit einer Airline oder einem GeschĂ€ftsreisebĂŒro zu verhandeln (BĂŒndelung des Volumens = geringere Preise, vgl. Single-Sourcing-Vorteil).
Internetquellen:
- Flugpreis-Suchmaschinen und Metasuchen sowie Online-Reiseportale (MarktĂŒberblick ĂŒber Verbindungen und Preise)
- Direkte Airline-Websites (Firmenkundenprogramme, Direktpreise, Umbuchungsbedingungen)
- Buchungsportal / Online-Booking-Tool des beauftragten GeschĂ€ftsreisebĂŒros
- Bahn-/Alternativverkehrsmittel-Portale fĂŒr den Vergleich der Gesamtreisezeit auf Kurzstrecken
Vergleichskriterien:
- Gesamtreisekosten, nicht nur Ticketpreis: GepÀck, Sitzplatz, Transfer zum/vom Flughafen
- Gesamtreisezeit inkl. Umsteigen, nicht die reine Flugzeit; Direktflug vs. Umsteigeverbindung
- Abflug-/Ankunftszeiten passend zum Kundentermin (ProduktivitÀt des Mitarbeiters)
- FlexibilitÀt der Tarife: Umbuch- und Stornierbarkeit, bei Kundenterminen der zentrale Werttreiber
- ZuverlĂ€ssigkeit/PĂŒnktlichkeit der Airline und Verbindung (Risiko âVerzögerungen")
- Firmentarife, Vielflieger-/Bonusprogramme, Reiserichtlinien-KonformitÀt des Unternehmens
www.alibaba.com
www.diedeutscheindustrie.de
Die Antwort in einem Satz, ohne jede Zahl: alibaba.com ist ein weltweiter, transaktionsfĂ€higer B2B-Marktplatz asiatischer PrĂ€gung (Produktlistings mit Preisen, Anfragefunktion/RFQ, Mindestbestellmengen/MOQ, Bestell- und Zahlungsabwicklung, KĂ€uferschutz/Handelsabsicherung, verifizierte Anbieter). diedeutscheindustrie.de ist dagegen ein nationales deutsches Firmen- und Branchenverzeichnis ohne Transaktionsfunktion: es weist Unternehmen mit Branche und Kontaktdaten nach, gekauft wird anschlieĂend auĂerhalb des Portals.
Fachlich dahinter steht der Gegensatz Global Sourcing âïž Domestic/Local Sourcing.
| alibaba.com | diedeutscheindustrie.de | |
|---|---|---|
| Reichweite | weltweit, Schwerpunkt Asien | national (Deutschland) |
| Funktion | Marktplatz: Anbahnung und Abwicklung | Verzeichnis: nur Anbahnung |
| Sourcing-Strategie | Global Sourcing | Domestic / Local Sourcing |
| Chancen | Kostenvorteile, weltweite Auswahl der besten Lieferanten, hoher Wettbewerb, Risikoverteilung | geringe logistische Störungen, gleiche Sprache und MentalitĂ€t, FlexibilitĂ€t bei Ănderungen |
| Risiken | Zoll- und WÀhrungsfragen, Sprache/MentalitÀt, Verzögerungen, LogistikkomplexitÀt, ZuverlÀssigkeits- und QualitÀtsrisiko | oft höhere Preise, kleineres Anbieterfeld |
| Sprache | ĂŒberwiegend Englisch/Chinesisch | Deutsch |
Hinweis: Anders als fĂŒr europages, seibt, businessdeutschland, thomas-global und kompass liegen fĂŒr diese beiden Portale keine Kennzahlen vor. Die obige Charakterisierung beschreibt deshalb den Portaltyp; konkrete Anbieterzahlen sind bewusst nicht genannt.
RecherchegerĂŒst: was zusĂ€tzlich je Portal nachzuschlagen ist, damit der Vergleich vollstĂ€ndig wird
- Betreiber und Herkunftsland des Portals, GrĂŒndungsjahr, GeschĂ€ftsmodell (kostenfreie Suche? bezahlte Anbieterprofile? Provision?).
- Geografischer Abdeckungsbereich: weltweit vs. national (Deutschland); daraus folgt direkt die Zuordnung zu Global Sourcing vs. Local/Domestic Sourcing.
- Anzahl der gelisteten Anbieter/Produkte (aktuelle Angaben der Seite selbst) und Branchenabdeckung.
- Art der EintrÀge: reines Firmenverzeichnis/Branchenbuch mit Kontaktdaten vs. transaktionsfÀhiger Marktplatz mit Produktlisting, Preisangaben, Mindestbestellmengen (MOQ), Anfragefunktion (RFQ), Bestellabwicklung und Zahlungsabwicklung.
- Suchlogik: Suche nach Firmen, nach Produkten, nach Branchen-/Warengruppen-Systematik; verfĂŒgbare Filter (Region, Zertifizierung, UnternehmensgröĂe).
- Verifizierungs-/QualitĂ€tsmechanismen: geprĂŒfte Anbieter, Zertifikatsangaben (z. B. ISO 9000), Bewertungen, Handelsabsicherung/KĂ€uferschutz.
- Sprache und Kommunikation (Sprachschwierigkeiten als Herausforderung der Importmarktforschung).
- Angaben zu Logistik/Lieferbedingungen, Incoterms, Zoll- und Einfuhrhinweise.
a) Einen Handwerksbetrieb mit der SpezialitĂ€t âParkettverlegung" ohne eigene Herstellung, aber mit Parkettverkauf und entsprechenden PrĂ€sentationsrĂ€umen.
b) Einen BĂ€ckereibetrieb mit eigener Herstellung und 3 Verkaufsfilialen.
Welche Beschaffungsstrategien wĂŒrden Sie den beiden Unternehmen jeweils empfehlen und warum? Welche Vorteile ergeben sich dadurch jeweils fĂŒr das Unternehmen?
a) Handwerksbetrieb Parkettverlegung (Handelsware + Dienstleistung, keine eigene Herstellung)
Charakteristik des Bedarfs: Das Parkett ist hochwertiges, erklĂ€rungsbedĂŒrftiges Handelsgut, das der Kunde in den PrĂ€sentationsrĂ€umen sieht und auswĂ€hlt. Die Wertschöpfung des Betriebs liegt in der Verlegung, nicht in der Fertigung. Die Fertigungstiefe ist null, das Beschaffungsobjekt ist zugleich das Verkaufsobjekt (Absatzwirkung als Make-or-Buy-Kriterium).
Empfohlene Strategien:
- Single Sourcing bzw. eng begrenztes Dual Sourcing fĂŒr das Hauptsortiment. BegrĂŒndung: Der Betrieb braucht die engere Zusammenarbeit mit einem Herstellerpartner (Musterkollektionen und Ausstellungsware fĂŒr die PrĂ€sentationsrĂ€ume, Schulung, NachlieferfĂ€higkeit exakt derselben Charge/Optik bei Nacharbeiten und Reklamationen). Ăber die BĂŒndelung des gesamten Volumens auf einen Lieferanten ergeben sich geringere Preise durch höheres Bestellvolumen, geringere Transaktionskosten und weniger Administration, also genau die Single-Sourcing-Vorteile. FĂŒr die Absicherung des Engpassrisikos (Nachteil: âEngpĂ€sse beim Ausfall des Lieferanten") empfiehlt sich ein Zweitlieferant fĂŒr die gĂ€ngigsten Standardhölzer â Dual Sourcing mit klarem Schwerpunkt (z. B. 70/30).
- Local Sourcing fĂŒr Verbrauchs- und Hilfsmaterial (Kleber, Leisten, Schleifmittel, Lack) sowie fĂŒr kurzfristigen Nachschub: Vorteile sind logistische Störungen auf ein Minimum reduziert, FlexibilitĂ€t bei Ănderungen, gleiche Sprache/MentalitĂ€t. FĂŒr einen Handwerksbetrieb, der auf der Baustelle kurzfristig nachordern muss, ist Termintreue mehr wert als der letzte Prozentpunkt Preis (Nachteil: oft höhere Preise).
â ïž Bewusste Abweichung von der Lehrmeinung: Local Sourcing wird ausdrĂŒcklich âfĂŒr hochwertige Beschaffungsobjekte" empfohlen. Hier wird es fĂŒr geringwertiges Verbrauchsmaterial vorgeschlagen, begrĂŒndet ĂŒber das Kriterium FlexibilitĂ€t/Termintreue, nicht ĂŒber den Wert. Wer der Lehrmeinung strikt folgt, ordnet Local Sourcing hier dem Hauptsortiment Parkett zu (hochwertig, erklĂ€rungsbedĂŒrftig, regionaler Hersteller) und das Verbrauchsmaterial dem Multiple Sourcing. Beides ist vertretbar; in der Klausur die gewĂ€hlte Zuordnung begrĂŒnden.
- Multiple Sourcing fĂŒr C-Artikel (Befestigungsmittel, Arbeitsschutz, BĂŒromaterial): geringe Spezifikation â Konkurrenz erhöhen, Preis optimieren.
Vorteile fĂŒr den Betrieb: verlĂ€ssliche Optik- und QualitĂ€tskonstanz gegenĂŒber dem Endkunden, bessere Einkaufskonditionen durch VolumenbĂŒndelung, geringer Administrationsaufwand im kleinen Betrieb, hohe ReaktionsfĂ€higkeit auf der Baustelle.
b) BĂ€ckereibetrieb mit eigener Herstellung und 3 Filialen
Charakteristik des Bedarfs: Verderbliche Rohstoffe (Mehl, Milch, Eier, Butter, Hefe) mit hoher Umschlagsgeschwindigkeit, tĂ€gliche Produktion, keine Möglichkeit zu groĂer Lagerhaltung; Produktionsstillstand bei fehlendem Mehl bedeutet sofortigen Umsatzausfall in allen drei Filialen â Sicherheit der Materialversorgung ist das dominierende Kriterium.
Empfohlene Strategien:
- Dual Sourcing fĂŒr die kritischen Hauptrohstoffe (v. a. Mehl). BegrĂŒndung: Zwei Lieferanten stehen im Wettbewerb zueinander (z. B. 70/30), Versorgungssicherheit steht im Vordergrund, also der Fall fĂŒr Engpassartikel. FĂ€llt eine MĂŒhle aus, lĂ€uft die Backstube weiter.
- Local Sourcing fĂŒr Frischeprodukte und regionale Rohstoffe (Milch, Eier, regionales Getreide): kurze Wege = minimale logistische Störungen und FlexibilitĂ€t bei kurzfristigen Ănderungen, bei verderblicher Ware unverzichtbar; zusĂ€tzlich als Verkaufsargument gegenĂŒber dem Endkunden nutzbar. Der Nachteil âoft höhere Preise" wird durch geringeren Verderb und Frische aufgewogen.
- Multiple Sourcing fĂŒr C-Artikel (Verpackungen, TĂŒten, Reinigungsmittel, BĂŒromaterial): geringe Spezifikation â Konkurrenz erhöhen, geringere Kosten.
- Kein Global Sourcing fĂŒr die Frischrohstoffe: Verzögerungen, LogistikkomplexitĂ€t und QualitĂ€tsrisiko sind mit verderblicher Ware und Tagesproduktion unvereinbar; allenfalls fĂŒr lagerfĂ€hige Zutaten mit langer Haltbarkeit denkbar.
- Make or Buy: Die eigene Herstellung ist die Kernkompetenz des Betriebs (Vorteile der Eigenfertigung: âErhöhung der Kernkompetenz", âwirksame Kontrolle von QualitĂ€t und Fertigung"): sie bleibt. FĂŒr Randsortimente (z. B. TiefkĂŒhl-Teiglinge fĂŒr Spitzenzeiten, Konditorei-Halbfabrikate) ist Fremdbezug erwĂ€genswert: weniger Produktionsrisiko, Ausschusskosten und Ăberstunden, schnellere Anpassung an NachfrageĂ€nderungen.
- Beschaffungskooperation mit anderen HandwerksbĂ€ckereien bzw. ĂŒber eine Einkaufsgenossenschaft: bĂŒndelt Volumen und senkt die Kosten, fĂŒr einen Kleinbetrieb der wirksamste Kostenhebel.
Vorteile fĂŒr den Betrieb: durchgehende ProduktionsfĂ€higkeit (kein Umsatzausfall in den Filialen), Frische- und QualitĂ€tssicherung, Preisvorteil trotz kleiner Einzelmenge durch BĂŒndelung/Kooperation, geringes Lagerrisiko.
Der Unterschied in einem Satz: Beim Parkettbetrieb dominiert die Absatzwirkung des Beschaffungsobjekts (Partnerschaft mit einem Hersteller, Optik- und Nachlieferkonstanz) â Single/Dual Sourcing plus Local Sourcing beim Zubehör; bei der BĂ€ckerei dominiert die Versorgungssicherheit verderblicher Rohstoffe â Dual Sourcing plus konsequentes Local Sourcing.
b) Audi verlagert Teile seiner Produktion nach Ungarn. Welche neuen Aufgaben ergeben sich in diesem Fall fĂŒr die Beschaffungsmarktforschung?
c) Der Hauptlieferant eines Ihrer Rohstoffe (hoher Anteil der Gesamtmaterialkosten) informiert Sie, dass in wenigen Wochen eine Preiserhöhung von 10% stattfinden wird. Welche AktivitĂ€ten löst diese AnkĂŒndigung in der Beschaffungsmarktforschung aus?
a) Auswirkungen des Global Sourcing auf die Beschaffungsmarktforschung
Global Sourcing bedeutet den weltweiten Bezug von Beschaffungsobjekten; der Beschaffungsradius wird erweitert. FĂŒr die Marktforschung folgt daraus:
- Massiv gröĂerer Untersuchungsraum: Statt einiger nationaler Anbieter ist ein weltweiter Markt zu erfassen. Der Aufwand fĂŒr Analyse, Beobachtung und Prognose steigt; ohne systematische Vorgehensweise und geeignete Quellen (Einkaufs-Suchmaschinen, AHK, Messen) ist der Markt nicht mehr zu ĂŒberblicken.
- Die Marktforschung wird zur Importmarktforschung und muss zusÀtzliche Felder abdecken: Transportkosten, Sprachschwierigkeiten, Zoll- und WÀhrungsfragen, FormalitÀten bei der Einfuhr, HandelsbrÀuche, Importfinanzierung, Korruption, MentalitÀt, Know-How-Verlust.
- Neue Bewertungsdimensionen: Nicht mehr der Angebotspreis entscheidet, sondern die Gesamtkosten inkl. Fracht, Zoll, Versicherung, WÀhrungsrisiko und Wiederbeschaffungszeit; hinzu kommen Risikobewertungen zu ZuverlÀssigkeit, QualitÀtsrisiko, LogistikkomplexitÀt und Verzögerungen (Sturm, Ausfall).
- ZusĂ€tzlich zu bewerten: politische und rechtliche Rahmenbedingungen des Beschaffungslandes, Herstellverfahren (z. B. Kinderarbeit), Zertifizierungen. Diese Punkte zĂ€hlen ausdrĂŒcklich zu den âInformationen ĂŒber das Produkt" bzw. zu den Herausforderungen der internationalen Beschaffung.
- Chancenseite: höhere Markttransparenz weltweit erschlieĂt Kostenvorteile, Risikoverteilung, die weltweite Auswahl der besten Lieferanten, die Nutzung von Wechselkursschwankungen und erhöht den Wettbewerb zwischen den Lieferanten, also genau die Global-Sourcing-Vorteile. Ohne belastbare Marktforschung sind sie nicht realisierbar.
- Konsequenz fĂŒr die Organisation: laufende Marktbeobachtung mehrerer LĂ€nder- und WĂ€hrungsrĂ€ume statt punktueller Analyse; ggf. EinkaufsbĂŒros vor Ort, Sprachkompetenz, ReisetĂ€tigkeit, Lieferantenaudits im Ausland.
b) Audi verlagert Teile der Produktion nach Ungarn: neue Aufgaben
Der Bezugspunkt der Marktforschung verschiebt sich: Es ist nicht nur ein neuer Beschaffungsmarkt zu erforschen, sondern der Beschaffungsmarkt rund um den neuen Produktionsstandort.
- Aufbau eines lokalen Lieferantenmarktbildes in Ungarn / Mittelosteuropa: Welche Anbieter existieren vor Ort, welche KapazitĂ€ten, Marktanteile, QualitĂ€tsniveaus, Zertifizierungen (ISO 9000), welche BonitĂ€t? Das ist eine klassische Marktanalyse nach dem bekannten Muster (Anbieterzahl, KapazitĂ€t, Marktanteile, Vormaterialien, Sortimentsbreite), nur eben fĂŒr ein neues Land.
- PrĂŒfung von Local Sourcing am neuen Standort: NĂ€he zum Werk reduziert logistische Störungen und ermöglicht Just in Time / Just in Sequence, was bei Automobilfertigung (Modular Sourcing, Beispiel Magna/BMW X3) Voraussetzung ist. Zu klĂ€ren ist, ob lokale Anbieter die geforderte QualitĂ€t und Anlieferdisziplin ĂŒberhaupt leisten können.
- Neuberechnung der Logistik- und Gesamtkosten: Welche bisherigen Lieferanten liefern kĂŒnftig ĂŒber gröĂere Distanz an das ungarische Werk? Transportkosten, Laufzeiten, SicherheitsbestĂ€nde und CO2-/Verkehrsrisiken sind neu zu bewerten; ggf. muss der Lieferant selbst mitwandern oder ein Lieferantenwechsel eingeleitet werden.
- Erhebung der landesspezifischen Rahmenbedingungen: Zoll- und Steuerfragen, EinfuhrformalitĂ€ten, WĂ€hrungsfragen (Forint), HandelsbrĂ€uche, Rechtslage, Lohn- und Lohnnebenkostenniveau, VerfĂŒgbarkeit qualifizierten Personals, Infrastruktur.
- Risikoerhebung: politische StabilitÀt, Korruptionsrisiko, MentalitÀts- und Sprachbarrieren, Know-How-Abfluss (sÀmtlich Herausforderungen der Importmarktforschung).
- Beobachtung der VormĂ€rkte und der Konkurrenzsituation vor Ort: Andere OEM und Zulieferer siedeln sich in derselben Region an â Konkurrenz um KapazitĂ€ten, Vormaterial und Personal; Konzentrations- und Preistendenzen sind laufend zu beobachten (Marktbeobachtung).
- Ableitung einer Standort-Beschaffungsstrategie und -prognose: Welche Warengruppen werden lokal (Local Sourcing), welche weiterhin global oder aus Deutschland beschafft? Die Prognose sichert die langfristige Versorgung des neuen Werks.
c) AngekĂŒndigte Preiserhöhung von 10 % beim Hauptlieferanten eines wichtigen Rohstoffs
Wegen des hohen Anteils an den Gesamtmaterialkosten hat die Erhöhung unmittelbare Ergebniswirkung. Die Marktforschung liefert die Faktenbasis fĂŒr Verhandlung und Alternativen.
- Ursachenanalyse / Verifikation der BegrĂŒndung: Ist die Erhöhung marktgerecht? PrĂŒfung der VormĂ€rkte und Preisnotierungen des Rohstoffs, der Energie- und Transportkosten, der Wechselkurse und der konjunkturellen Lage. Ergebnis ist die Argumentationshilfe in der Verhandlung: Ist der Vormaterialpreis nur um 3 % gestiegen, lĂ€sst sich die 10-%-Forderung nicht halten.
- Marktstrukturanalyse: Wie ist der Beschaffungsmarkt strukturiert: Monopol, Oligopol, Polypol? Erhöhen alle Anbieter die Preise oder nur dieser eine? Anzahl und KapazitĂ€ten der ĂŒbrigen Anbieter erheben.
- Suche nach alternativen Bezugsquellen (Ziel âErschlieĂung neuer Beschaffungsquellen"): Wettbewerbsangebote einholen, ggf. den Beschaffungsradius erweitern (Global Sourcing): dabei die Gesamtkosten inkl. Zoll/Fracht/WĂ€hrung gegenrechnen.
- PrĂŒfung von SubstitutionsgĂŒtern: Gibt es einen anderen Werkstoff oder eine andere QualitĂ€t, die die technische Anforderung erfĂŒllt? Abstimmung mit F&E/Entwicklung erforderlich.
- Strategiewechsel prĂŒfen: Umstellung von Single auf Dual Sourcing (Wettbewerb zwischen zwei Lieferanten, z. B. 70/30); das reduziert die AbhĂ€ngigkeit dauerhaft und diszipliniert das Preisverhalten.
- Make-or-Buy prĂŒfen: Ist Eigenfertigung/Eigenaufbereitung bei diesem Preisniveau wirtschaftlich? Kritischer Preis und kritische Menge per Kostenvergleich/Break-Even-Rechnung ermitteln.
- Kurzfristige MaĂnahmen bis zum Stichtag: Vorziehen von Bestellungen / Bevorratung zum alten Preis, soweit LagerfĂ€higkeit, Kapitalbindung und LiquiditĂ€t es zulassen; PrĂŒfung bestehender VertrĂ€ge und Preisgleitklauseln.
- Vertragliche Absicherung fĂŒr die Zukunft: RahmenvertrĂ€ge mit Preisbindung oder Preisgleitklauseln an einen Index, lĂ€ngere Laufzeiten, Mengenstaffeln.
- Prognose und interne Information: Auswirkungen auf die eigene Kalkulation und die Materialkostenplanung berechnen und die EntscheidungstrĂ€ger (Kalkulation, Vertrieb, GeschĂ€ftsfĂŒhrung) informieren; die Beschaffungsmarktforschung ist ausdrĂŒcklich fĂŒr die Versorgung der EntscheidungstrĂ€ger mit Informationen zustĂ€ndig. AnschlieĂend die Beobachtung des Marktes intensivieren, um FrĂŒhwarnindikatoren kĂŒnftig vor der LieferantenankĂŒndigung zu erhalten.
Offene Zwischenfragen â beantwortet
Zu Make or Buy stellen sich drei Zwischenfragen, die offen bleiben. Sie sind klausurrelevant, weil sie den Rechenteil um die qualitative Argumentation ergÀnzen.
1. Bei welchen AnlĂ€ssen ist eine frĂŒher getroffene Make-or-Buy-Entscheidung infrage zu stellen?
Eine Make-or-Buy-Entscheidung gilt nur unter den Annahmen, unter denen sie getroffen wurde. Sobald sich eine dieser Annahmen verschiebt, ist sie neu zu rechnen:
Kostenseitige AnlÀsse
- Preiserhöhung des Lieferanten bzw. deutlicher Preisverfall am Beschaffungsmarkt (dieselbe Logik wie in Aufgabe 6c)
- MengenĂ€nderung: Die StĂŒckzahl ĂŒber- oder unterschreitet die berechnete kritische Menge, bei der Firma Walter also der Sprung ĂŒber ca. 1.584 StĂŒck
- Ănderung der eigenen Kostenstruktur: Lohn-, Energie- oder Materialkosten, Wegfall/Neuanfall von Fixkosten
- Auslaufende Abschreibung oder anstehende Ersatzinvestition: Ist die Anlage abgeschrieben, sieht die Eigenfertigung plötzlich gĂŒnstig aus; steht eine Neuinvestition an, kippt es zurĂŒck
KapazitÀts- und Technikseite
- Freie KapazitÀten (Unterauslastung von Maschinen und Personal) oder umgekehrt KapazitÀtsengpass bei steigendem Absatz
- Neue Fertigungstechnologie senkt die Eigenfertigungskosten (Automatisierung) â oder macht die eigene Anlage veraltet
- Produkt- oder KonstruktionsĂ€nderung, neue Baureihe, verĂ€nderte StĂŒckliste
Lieferanten- und Marktseite
- QualitÀts- oder Termintreueprobleme des Lieferanten
- Insolvenz, Ausfall oder Ăbernahme des Lieferanten; Konzentrationstendenzen am Anbietermarkt â wachsende AbhĂ€ngigkeit
- Neuer leistungsfÀhiger Anbieter am Markt, neue Beschaffungsquelle oder Substitutionsgut
- Wechselkurs-, Zoll- oder RechtsÀnderungen bei Auslandsbezug
Strategische AnlÀsse
- Neubewertung der Kernkompetenz: die Leistung wird strategisch wichtig (dann Make) oder verliert diese Bedeutung (dann Buy)
- Know-how-Schutz: Die Preisgabe von Firmen-Know-How wird zum Risiko
- LiquiditĂ€tslage Ă€ndert sich (Kriterium âLiquiditĂ€tsbelastung")
- Nachhaltigkeits-/Compliance-Anforderungen an das Herstellverfahren
2. Typische Outsourcing-Szenarien bei Dienstleistungen
Bei Dienstleistungen ist das Outsourcing-Potenzial besonders hoch, weil sie meist nicht zur Kernkompetenz gehören, gut abgrenzbar und ĂŒber Service Level messbar sind:
- IT-Dienstleistungen: Rechenzentrum/Server, Cloud-Betrieb, Anwendungsbetreuung, Helpdesk/User-Support, Softwareentwicklung
- Facility Management: GebĂ€udereinigung, Sicherheits-/Werkschutz, Hausmeisterdienste, GrĂŒnpflege, Winterdienst, Wartung der GebĂ€udetechnik
- Logistik: Transport und Spedition, Lagerbetrieb, Kommissionierung, Verpackung, Zollabwicklung (Kontraktlogistik / 3PL)
- Personalnahe Dienste: Lohn- und Gehaltsabrechnung, Personalverwaltung, Recruiting, Zeitarbeit, Schulung/Weiterbildung
- KaufmÀnnische Prozesse: Buchhaltung, Debitoren-/Kreditorenbuchhaltung, Forderungsmanagement/Inkasso, Steuerberatung
- Kundenkontakt: Call-Center, After-Sales-Hotline, Reklamationsbearbeitung
- Werksnahe Dienste: Kantine/Catering, Fuhrpark- und Reisemanagement, Instandhaltung, Werkzeugbau, QualitĂ€tsprĂŒfung/Messtechnik, Kalibrierung
- Sonstige: Marketing- und Werbeleistungen, Ăbersetzungen, Rechtsberatung, Druck- und Dokumentenmanagement, Entsorgung
Muster dahinter: Ausgelagert wird, was standardisierbar, nicht wettbewerbsdifferenzierend und von Spezialisten mit besserer Auslastung gĂŒnstiger erbringbar ist, also genau die Vorteile der Fremdfertigung (niedrige Fertigungstiefe, weniger Fixkosten, Nutzung der Kompetenzen des Zulieferers, Konzentration auf Kernkompetenzen).
3. Kostenblöcke von Eigenfertigung und Fremdbezug im Vergleich
| Eigenfertigung (Make) | Fremdbezug (Buy) |
|---|---|
| Fertigungsmaterial (Rohstoffe, Halbfabrikate, Kaufteile) | Einstandspreis / Einkaufspreis des Zukaufteils (abzĂŒglich Rabatte, Skonti, Boni) |
| Fertigungslöhne inkl. Lohnnebenkosten, Ăberstunden | Beschaffungsnebenkosten: Fracht, Verpackung, Versicherung, Zoll |
| Maschinenkosten: Abschreibung, kalkulatorische Zinsen auf die Investition (â AnnuitĂ€t), Energie, Instandhaltung, Werkzeuge | Bestell-/Prozesskosten je Bestellvorgang: Anfrage, Angebotsvergleich, Verhandlung, Bestellung, Wareneingang, RechnungsprĂŒfung |
| Anlaufkosten: Entwicklung, Konstruktion, Werkzeugbau, Musterbau, Qualifizierung | Lieferantenmanagement: Auswahl, Audit, Qualifizierung, Lieferantenentwicklung |
| Fertigungsgemeinkosten: Arbeitsvorbereitung, Meister, Raum, Versicherung | QualitĂ€tskosten: WareneingangsprĂŒfung, Reklamationsabwicklung |
| QualitĂ€tskosten der eigenen Fertigung: PrĂŒfung, Ausschuss, Nacharbeit | Lager- und Kapitalbindungskosten (i. d. R. geringer; Vorteil âweniger Kosten fĂŒr Lager, SicherheitsbestĂ€nde, Kapitalbindung") |
| Lager- und Kapitalbindungskosten fĂŒr Roh-, Hilfs- und Betriebsstoffe sowie Halbfertigerzeugnisse | Transaktions- und Vertragskosten: Vertragsgestaltung, Absicherung, ggf. WĂ€hrungssicherung |
| Verwaltungsgemeinkosten der Fertigung | Transportkosten und Wiederbeschaffungszeit-Risiko (bei Global Sourcing: Zoll, WÀhrung, Verzögerungen) |
Zusammengefasst: Die Eigenfertigung ist fixkostenlastig (Investition, Personal, Struktur: sie fallen unabhĂ€ngig von der Menge an), der Fremdbezug ist variabel (im Wesentlichen Preis Ă Menge). Daraus entsteht die kritische Menge: Unterhalb davon zahlt man die Fixkosten auf zu wenige StĂŒcke um, oberhalb greift die Fixkostendegression und die Eigenfertigung wird gĂŒnstiger.