Grundlagen des Einkaufs
Status: ERARBEITET aus den Vorlesungsfolien (kein offizielles Lösungsblatt).
Warum der Einkauf so wichtig ist
Der Einkauf ist kein reiner Kostenverursacher, sondern ein zentraler Gewinnhebel. Weil in produzierenden Unternehmen ein sehr großer Teil der Verkaufserlöse durch Kosten der Materialwirtschaft aufgezehrt wird, wirkt jede Einsparung im Einkauf unmittelbar auf das Betriebsergebnis.
- Faustformel (PKW-Bau): Rund 2/3 der Kosten beim Bau eines PKW sind Materialkosten. Eine Einsparung von 1 % bei Material/Materialgemeinkosten bringt so viel Zusatzgewinn wie eine Umsatzsteigerung von mindestens 10 %.
- Bei Firmenübernahmen sind laut McKinsey die größten Einsparungen in den ersten beiden Jahren im Einkauf zu erzielen.
- Leitgedanke (Cicero): „Die Menschen verstehen nicht, welche große Einnahmequelle in der Sparsamkeit liegt." Bzw. Henry Ford: „Reich wird man nicht durch das, was man verdient, sondern durch das, was man nicht ausgibt."
Begriffsbestimmung: Was ist Einkauf?
Einkauf = „Summe aller operativen und strategischen Tätigkeiten eines privaten oder öffentlichen Unternehmens, die im Rahmen der Beschaffung von Werkstoffen, Waren, Betriebsmitteln und Dienstleistungen durchzuführen sind." (Gabler-Wirtschaftslexikon)
Kern ist die Optimierung des Preis-/Leistungsverhältnisses. Die zentralen operativen Hauptaktivitäten sind:
- Beschaffungsmarktforschung
- qualifizierter Angebotsvergleich
- Vergabeverhandlung
- Bestellung
Beispiel: Ein Maschinenbauer, der Antriebsmotoren von drei Lieferanten anfragt, die Angebote auf Basis des Einstandspreises vergleicht, mit dem günstigsten verhandelt und dann bestellt, durchläuft genau diese vier operativen Tätigkeiten.
Abgrenzung: Einkauf, Beschaffung, Materialwirtschaft, Logistik, SCM
| Begriff | Kerninhalt |
|---|---|
| Einkauf | Summe aller operativen und strategischen Tätigkeiten im Rahmen der Beschaffung, inkl. Make-or-Buy-Entscheidung und Lieferantenmanagement |
| Beschaffung | Alle Tätigkeiten zur Versorgung mit Material, Dienstleistungen, Betriebs-/Arbeitsmitteln sowie Rechten und Informationen aus unternehmensexternen Quellen; sichert kostengünstige Versorgung; zusätzlich zum Einkauf: Bedarfsermittlung |
| Materialwirtschaft | Planung und Steuerung der Materialbewegungen innerhalb des Unternehmens und mit seiner Umwelt; koordiniert den Warenfluss zwischen Lieferanten, Kunden, Bedarfsträgern und Lagern (auch „Warenwirtschaft") |
| Logistik | Sichert die Verfügbarkeit nach den „Seven Rights" (Plowman): richtiges Gut, richtige Menge, richtiger Zustand, richtiger Ort, richtige Zeit, richtiger Kunde, richtige Kosten; integrierte Planung/Koordination/Durchführung/Kontrolle der Güterflüsse |
| Supply Chain Management | Aufbau und Verwaltung integrierter Logistikketten über den gesamten Wertschöpfungsprozess, von der Rohstoffgewinnung über die Veredelungsstufen bis zum Endverbraucher; koordiniert unternehmensübergreifend alle beteiligten Partner |
Zur Abgrenzung Einkauf ↔︎ SCM: Der Einkauf ist einzelunternehmensbezogen. Er versorgt ein Unternehmen, und zwar gerade aus unternehmensexternen Quellen (Güter- und Dienstleistungsmärkte). SCM ist dagegen unternehmensübergreifend: es baut und verwaltet integrierte Logistikketten über den gesamten Wertschöpfungsprozess von der Rohstoffgewinnung bis zum Endverbraucher und koordiniert alle beteiligten Partner (Lieferanten, Händler, Logistikdienstleister, Kunden). Nicht mehr Einzelunternehmen, sondern vernetzte Lieferketten konkurrieren miteinander; deshalb müssen die Mitglieder des Systems „Lieferkette" integriert und koordiniert werden. Der Einkauf ist damit ein Teilbereich innerhalb der Supply Chain.
⚠️ Klausur-Falle: „Einkauf = internes Thema" ist falsch. Intern ist nur die Zuständigkeit (eine Funktion eines Unternehmens) — die Beschaffungsquellen sind definitionsgemäß extern. Der Unterschied zum SCM liegt in der Reichweite (ein Unternehmen vs. gesamte Kette), nicht in „innen vs. außen".
Direkter vs. indirekter Einkauf
| Direkter Einkauf | Indirekter Einkauf | |
|---|---|---|
| Definition | Materialien, die direkt in das Endprodukt einfließen | Einkäufe, die nicht direkt ins Endprodukt eingehen |
| Charakter | meist Kerngeschäft im Einkauf | unterstützend |
| Anteil (Industrie) | ca. 70–85 % des Gesamteinkaufsvolumens | Rest |
| Beispiele | Stahl, Antriebsmotoren, Zulieferteile | Dienstleistungen, IT, Marketing |
Einkaufsorganisation
Dezentrale Einkaufsorganisation: jede Geschäftseinheit/jeder Standort hat einen eigenen Einkauf, der ohne Abstimmung agiert.
- Vorteile: kürzere Entscheidungswege (keine Abstimmung nötig), kürzere Lieferzeiten bei lokaler Beschaffung, Flexibilität, kürzere Prozesszeiten.
- Nachteile: Bündelungspotenzial nicht erschließbar (Maverick Buying), keine Transparenz über die Aktivitäten der Einheiten, kein Standardisierungspotenzial.
Zentrale Einkaufsorganisation: Einkauf an einer zentralen Stelle, verantwortlich für sämtliche Beschaffungstätigkeiten.
- Vorteile: Bündelungen möglich, Preisvorteile, Transparenz, einheitliches Controlling und Reporting.
- Nachteile: lange Entscheidungswege / hoher Abstimmungsaufwand, wenig Kontakt zu internen Kunden, Geschäftsbereiche verlieren u. U. die Motivation zur Kostenoptimierung.
Hybride Einkaufsorganisation: Mischform, die die Vorteile beider Formen vereint:
- Lead-Buyer-Konzept: Experte für alle strategischen Aufgaben eines speziellen Beschaffungsmarkts/einer Warengruppe.
- Entwicklung einer Warengruppenstrategie, Rolle des Category Managers.
- Erschließen von Bündelungspotenzialen über verschiedene Standorte/Unternehmenseinheiten.
Projekteinkauf vs. Serieneinkauf
- Projekteinkäufer beschaffen Güter, die vor dem Serienanlauf nötig sind; fest einem Kunden- oder Entwicklungsprojekt zugeordnet, gestalten Produkte mit und vertreten die Einkaufsinteressen.
- Serieneinkäufer beschaffen die Umfänge, die innerhalb der laufenden Serienproduktion notwendig sind.
Warengruppenportfolio (4 Felder)
Einteilung nach Beschaffungsrisiko und Einfluss auf das Betriebsergebnis / wertmäßigem Anteil:
| Warengruppe | Beispiel | Merkmale | Strategie |
|---|---|---|---|
| Hebelmaterialien | elektronische Kleinbauteile | geringes Beschaffungsrisiko, hoher Ergebniseinfluss, hoher Wertanteil, meist einfache Einzelteile | standardisieren → Mengenbündelung, Marktpotenzial zur Preisreduzierung nutzen, Wettbewerb fördern, Global Sourcing, gezielte Preis-/Verhandlungsstrategien |
| Strategische Materialien | Cockpits, Getriebe | aufwendig zu beschaffen, hoher Wertanteil | enge, langfristige Partnerschaft mit Lieferant, Lieferantenentwicklung |
| Standardmaterialien | Büromaterial | einfach zu beschaffen, geringer Anteil am Volumen | Beschaffung einfach/standardisiert abwickeln, evtl. an Dienstleister abgeben, Mengenbündelung |
| Engpassmaterialien | Türgriffe | geringer Wertanteil, aber schwierig zu beschaffen (wenige Lieferanten) | durch Standardmaterialien ersetzen, Zusammenarbeit mit marktkundigem Dienstleister, Versorgungsrisiko reduzieren, Lieferantenkontrolle, Bestandssicherheit |
Objekte der Beschaffung
Traditionelle Objekte:
- Material (Roh-, Hilfs-, Betriebsstoffe)
- Betriebsmittel, Anlagen
- Zulieferteile, Ersatzteile
- Personal
Daneben bedient der Einkauf auch nicht-traditionelle Beschaffungsfelder (z. B. Dienstleistungen, IT, Marketing, Energie, Rechte, Informationen).
Die Materialwirtschaft stellt die Versorgung der Produktion mit Material (Roh-, Hilfs- und Betriebsstoffen), Zulieferteilen und Halbfabrikaten sicher sowie allgemein die Versorgung mit indirekten Gütern (Büroartikel, Ersatzteile, Serviceleistungen).
Materialarten (wichtig für die Gliederung):
Die folgenden Definitionen sind die Standardgliederung nach Arnolds/Heege, „Materialwirtschaft und Einkauf" (Literaturempfehlung der Vorlesung). Sie werden für Übungsaufgabe 3 gebraucht.
- Rohstoffe: gehen als Hauptbestandteil direkt ins Endprodukt ein (z. B. Roheisen).
- Hilfsstoffe: gehen ins Produkt ein, aber nur als Nebenbestandteil (z. B. Lacke).
- Betriebsstoffe: werden beim Produktionsprozess verbraucht, gehen nicht ins Produkt ein (z. B. Reinigungsmittel, Energie).
- Zulieferteile: fremdbezogene, bereits fertige Teile, die eingebaut werden (z. B. Antriebsmotoren).
- Halbfabrikate (Halbzeuge): fremdbezogene Teile, die bereits eine Fertigungsstufe durchlaufen haben, aber noch weiterbearbeitet werden, bevor sie ins Endprodukt eingehen (z. B. Zahnradrohlinge, Bleche, Profile).
Hauptaufgaben des Einkaufs
a) Kostengünstige Versorgung
- terminlich richtiger Anlieferungszeitpunkt
- auf den Betriebsbedarf abgestimmte Menge
- gefordertes Qualitätsniveau
- unter Beachtung von Nebenbedingungen
- zu einem günstigen Einstandspreis
Kostenkategorien: Anschaffungskosten · Bestellabwicklungskosten · Lagerhaltungskosten · Fehlmengenkosten.
Was können Nebenbedingungen sein?
Nebenbedingungen sind die Rahmenbedingungen, die neben Termin, Menge, Qualität und Preis eingehalten werden müssen. In Betracht kommen vor allem:
- Qualitätsvorgaben und Normen: Spezifikationen, Eingangsprüfungen, ISO-Vorschriften 9000–9004, Anforderungen aus der Produkthaftung.
- Innerbetriebliche Vorgaben: Unternehmenspolitik, Beschaffungsprogramm, verfügbares Beschaffungsvolumen (Einflussfaktoren bei Einkaufsentscheidungen).
- Marktseitige Vorgaben: Beschaffungsmarktform, Konjunktur, Festlegung auf einen Einzellieferanten oder Multiple Sourcing.
- Konditionen des Lieferanten: Mindestbestellmengen (sonst Mindermengenzuschläge), Liefer- und Zahlungsbedingungen, Skonto- und Rabattstaffeln.
- Versorgungssicherheit: Vermeidung von Abhängigkeit/Monopolisierung, Bestandssicherheit bei Engpassmaterialien.
Ergänzung: Weitere branchenübliche Nebenbedingungen sind Umwelt-, Arbeitsschutz- und Compliance-Vorgaben sowie begrenzte Lagerkapazitäten.
Welche Kosten pro Kostenkategorie entstehen, beantwortet die Kostenwirkungstabelle weiter unten.
Berechnung des Einstandspreises (schafft Vergleichbarkeit der Angebotspreise):
| Rechenschritt | Position |
|---|---|
| Angebotspreis | |
| + | Zuschläge |
| − | Rabatte und Boni |
| = | bereinigter Einkaufspreis |
| − | Skonto |
| + | Fracht, Verpackung, Versicherung |
| = | Einstandspreis |
Kostenwirkung im Einkauf:
| Kostenkategorie | Realisierung | Kostenwirkung |
|---|---|---|
| Menge | richtig | Kostenoptimum |
| Menge | zu hoch | überhöhte Lagerhaltungskosten |
| Menge | zu niedrig | Fehlmengenkosten, Mindermengenzuschläge, überhöhte Bestellabwicklungskosten |
| Zeit/Termin | richtig | Kostenoptimum |
| Zeit/Termin | zu früh | überhöhte Lagerhaltungskosten |
| Zeit/Termin | zu spät | Fehlmengenkosten, Preisaufschläge, überhöhte Bestellabwicklungskosten |
| Qualität | richtig | Kostenoptimum |
| Qualität | zu hoch | überhöhte Anschaffungskosten |
| Qualität | zu niedrig | Fehlmengenkosten, Umarbeitungskosten, überhöhte Bestellabwicklungskosten |
| Preis | richtig | Kostenoptimum |
| Preis | zu hoch | überhöhte Anschaffungskosten |
Quelle der Tabelle: Arnolds/Heege, Materialwirtschaft und Einkauf.
b) Sichere Versorgung
- Qualität ist entscheidend (Produkthaftung, Verkaufserfolg): Spezifikationen, Eingangsprüfungen, ISO-Vorschriften 9000–9004.
- Frühwarnsysteme warnen vor: Versorgungsengpässen bei Rohstoffen/Zulieferern, Existenzgefährdung bei Zulieferern, Monopolisierung, Streiks und politischen Entwicklungen.
Welche Möglichkeiten hat das Unternehmen, einem Materialengpass zu begegnen (evtl. schon vorbeugend)?
Vorbeugend:
- Frühwarnsystem installieren, das Versorgungsengpässe, Existenzgefährdung und Monopolisierung bei Zulieferern sowie Streiks und politische Entwicklungen frühzeitig meldet.
- Multiple Sourcing statt Einzellieferant: Bedarf auf mehrere Lieferanten verteilen, um Abhängigkeit zu vermeiden.
- Global Sourcing: zusätzliche Beschaffungsmärkte und damit zusätzliche Bezugsquellen erschließen.
- Bestandssicherheit: Sicherheitsbestände für Engpassmaterialien aufbauen; dazu Lieferantenkontrolle.
- Engpassmaterialien durch Standardmaterialien ersetzen (Standardisierung bzw. Substitution), damit mehrere Anbieter liefern können.
- Langfristige Partnerschaft und Lieferantenentwicklung bei strategischen Materialien, damit die Versorgung auch in Knappheitsphasen gesichert ist.
- Zusammenarbeit mit einem Dienstleister, der über sehr gute Kenntnisse der Beschaffungsmärkte verfügt.
Akut im Engpass:
- Ausweichen auf alternative Lieferanten bzw. bereits qualifizierte Zweitquellen.
- Substitution durch ein technisch gleichwertiges Ersatzmaterial.
- Make-or-Buy neu bewerten: Eigenfertigung des Umfangs statt Fremdbezug.
- Bewusste Inkaufnahme von Preisaufschlägen/Mindermengenzuschlägen, solange sie unter den drohenden Fehlmengenkosten liegen.
Wertbeitrag des Einkaufs: quantitativ vs. qualitativ
Zu beantworten ist die Frage „Welche Hebel zum Wertbeitrag in einem Unternehmen können durch den Einkauf genutzt werden?" Zu unterscheiden sind dabei zwei Spalten: quantitativer und qualitativer Wertbeitrag.
| Quantitativer Wertbeitrag | Qualitativer Wertbeitrag | |
|---|---|---|
| Kern | in Geld messbar, direkt im Betriebsergebnis sichtbar | nicht direkt in Euro messbar, wirkt indirekt und langfristig |
| Hebel | Senkung des Einstandspreises (Preisverhandlung, Angebotsvergleich); Mengenbündelung über Standorte; Global Sourcing; Wettbewerb unter Lieferanten; Reduzierung von Prozess-/Bestellabwicklungskosten durch E-Procurement; niedrigere Lagerhaltungs- und Fehlmengenkosten durch richtige Menge und Termine | Versorgungssicherheit (Frühwarnsysteme, Zweitquellen); Qualitätssicherung (Spezifikationen, Eingangsprüfungen, ISO 9000–9004) und damit Absicherung von Produkthaftung und Verkaufserfolg; Zugang zu Lieferanten-Know-how und Innovationen; Lieferantenentwicklung und langfristige Partnerschaften; Standardisierung und Transparenz; Mitgestaltung von Produkten durch den Projekteinkauf |
| Nachweis | Beispiel: 4 % weniger Materialkosten heben das Betriebsergebnis von 6 auf 8 Mio €; 1 % Materialeinsparung entspricht mindestens 10 % Umsatzsteigerung | zeigt sich in ausbleibenden Bandstillständen, Reklamationen, Rückrufen und Insolvenzen von Lieferanten: also in vermiedenen Kosten und gesicherter Wettbewerbsfähigkeit |
Der quantitative Wertbeitrag ist das, was der Einkauf einspart; der qualitative das, was er absichert und ermöglicht. Deshalb kann eine billige Komponente unter Umständen eine sehr teure Entscheidung sein. Und deshalb braucht die Lieferanten- und Produktauswahl mehr als einen Entscheidungsparameter.
Einflussfaktoren bei Einkaufsentscheidungen
- Innerbetrieblich: Beschaffungsvolumen, Unternehmenspolitik, Beschaffungsprogramm.
- Außerbetrieblich: Beschaffungsmärkte/-marktform, Konjunktur, Einzellieferant vs. Multiple Sourcing.
Bedeutung für das Betriebsergebnis
50 (bis 70) % der Verkaufserlöse werden durch Kosten der Materialwirtschaft absorbiert.
Rechenbeispiel: Umsatz 100 Mio €, Aufwendungen für Roh-/Betriebsstoffe 50 Mio € (50 % vom Umsatz), Umsatzrendite 6 % → 6 Mio € Betriebsergebnis. Wird der Materialkostenblock um 4 % gesenkt, sinken die Materialkosten um 2 Mio € (von 50 auf 48 Mio €). Dieser Betrag fließt voll ins Ergebnis: 8 Mio € statt 6 Mio € (Umsatzrendite steigt von 6 % auf 8 %). Um denselben Gewinn allein über Umsatz zu erreichen, wäre bei 6 % Rendite ein Umsatz von rund 133 Mio € nötig, also gut 33 Mio € Zusatzumsatz. Daran zeigt sich die Hebelwirkung des Einkaufs.
Die Zahlen sind vorgegeben, die Auswirkungen als offene Fragen formuliert; die Rechnung oben ist die eigene Auflösung.
Charakteristika des professionellen Einkaufs
Der professionelle Einkauf …
- versteht, dass eine billige Komponente unter Umständen eine sehr teure Entscheidung ist,
- versteht, dass es mehr als einen Entscheidungsparameter bei der Lieferanten-/Produktauswahl geben sollte,
- benötigt eine strategische Ausrichtung,
- benötigt qualifizierte, hoch motivierte Mitarbeiter,
- benötigt E-Procurement-Werkzeuge zur Rationalisierung.
Erwartungen an den Einkauf (die „richtigen"): richtiges Material · richtige Qualität · richtige Menge · richtiger Ort · richtige Zeit · richtige Kosten. Dazu kommt die zusätzliche Kosteneinsparung als Wertbeitrag.
Wiederholungsfragen — beantwortet
1. Welche nicht-traditionellen Beschaffungsfelder werden vom Einkauf bedient? Dienstleistungen (Montage, Engineering, Wartung, Beratung, Logistik/Transport), IT (Hard- und Software, Lizenzen), Marketing-Leistungen (Werbung, Messen), Energie, Personal-/Leiharbeitsleistungen, Finanz- und Versicherungsleistungen, Facility Management sowie Rechte und Informationen (Patente, Lizenzen, Marktdaten). Gemeinsames Merkmal: Sie gehen nicht direkt ins Endprodukt ein und gehören damit zum indirekten Einkauf.
2. Nennen Sie die zentralen operativen Tätigkeiten des Einkaufs. Beschaffungsmarktforschung · qualifizierter Angebotsvergleich · Vergabeverhandlung · Bestellung. Ziel dieser operativen Tätigkeit ist die Optimierung des Preis-/Leistungsverhältnisses.
3. Grenzen Sie den Begriff „Supply Chain Management" vom Begriff Einkauf ab. Der Einkauf ist die Summe aller operativen und strategischen Tätigkeiten eines Unternehmens im Rahmen der Beschaffung (inkl. Make-or-Buy-Entscheidung und Lieferantenmanagement). Er ist einzelunternehmensbezogen und versorgt dieses eine Unternehmen aus unternehmensexternen Quellen (Güter- und Dienstleistungsmärkte). Das SCM bezeichnet Aufbau und Verwaltung integrierter Logistikketten (Material- und Informationsflüsse) über den gesamten Wertschöpfungsprozess, von der Rohstoffgewinnung über die Veredelungsstufen bis zum Endverbraucher. Es plant und managt Lieferantenwahl, Beschaffung, Umwandlung und alle Logistikaufgaben und koordiniert insbesondere die Zusammenarbeit der beteiligten Partner (Lieferanten, Händler, Logistikdienstleister, Kunden). Begründung: Nicht mehr Einzelunternehmen, sondern vernetzte Lieferketten konkurrieren miteinander, wodurch Integration und Koordination der Kettenmitglieder nötig werden. Kurzformel: Einkauf = ein Unternehmen, externe Quellen. SCM = die ganze Kette, unternehmensübergreifend. Der Einkauf ist ein Teilbereich des SCM.
4. Welche Kosten können bei zu niedriger Qualität der eingekauften Halbfabrikate entstehen? Halbfabrikate sind fremdbezogene Teile, die bereits eine Fertigungsstufe durchlaufen haben und im eigenen Betrieb weiterbearbeitet werden. Ist ihre Qualität zu niedrig, entstehen laut Kostenwirkungstabelle drei Kostenarten:
- Fehlmengenkosten: mangelhafte Teile fallen als Ausschuss aus, das Material fehlt in der Fertigung (Produktionsstillstand, Terminverzug, Konventionalstrafen, entgangene Deckungsbeiträge).
- Umarbeitungskosten: Nacharbeit, Sortier- und Prüfaufwand, Ausschuss und Ersatzbeschaffung.
- Überhöhte Bestellabwicklungskosten: Reklamationsabwicklung, Nach- und Eilbestellungen, zusätzlicher Verwaltungs- und Transportaufwand.
Hinzu kommt: Qualität ist wegen Produkthaftung und Verkaufserfolg entscheidend. Ein qualitativ schwaches Halbfabrikat, das unentdeckt ins Endprodukt gelangt, verursacht Gewährleistungs-, Rückruf- und Haftungskosten sowie Imageschaden. Das meint der Satz des professionellen Einkaufs: Eine Entscheidung für eine billige Komponente kann unter Umständen eine sehr teure Entscheidung sein.
5. Wie viel % der Verkaufserlöse werden in produzierenden Unternehmen durch Kosten der Materialwirtschaft absorbiert? 50 bis 70 %. Beleg aus der Siemens-Konzern-GuV: Umsatzkosten / Umsatz = 46,1 Mrd € / 71,9 Mrd € ≈ 64,1 %. Daraus folgt die Hebelwirkung: Wer an diesem Block spart, wirkt unmittelbar auf das Betriebsergebnis.
Übungsaufgaben — gelöst
a) „Der Einkauf befasst sich fast ausschließlich mit der Versorgungsfunktion.“
b) „Der Einkauf ist Preisdrücker und Bestellabwickler im Unternehmen.“
c) „Der Vertrieb verdient das Geld, und der Einkauf gibt es aus.“
d) „Einsparungen beim Materialeinkauf wirken sich unmittelbar auf eine Erhöhung des Unternehmenserlöses aus.“
e) „Ein Einkäufer benötigt, um als Verhandlungspartner ernst genommen zu werden, gutes Fachwissen.“
a) Falsch bzw. zu eng. Der Einkauf umfasst laut Definition die Summe aller operativen und strategischen Tätigkeiten, inkl. Make-or-Buy-Entscheidung, Lieferantenmanagement, Beschaffungsmarktforschung und Warengruppenstrategie. Die reine Versorgungsfunktion (sichere, kostengünstige Bereitstellung) ist nur eine Hauptaufgabe. Der moderne, professionelle Einkauf ist strategisch ausgerichtet und liefert einen aktiven Wertbeitrag.
b) Falsch (überholtes Bild). „Preisdrücker und Bestellabwickler" beschreibt bestenfalls den rein operativen Teil. Der professionelle Einkauf denkt in mehreren Entscheidungsparametern (nicht nur Preis): Qualität, Termin, Menge, Versorgungssicherheit, langfristige Lieferantenbeziehungen. Dass eine billige Komponente unterm Strich sehr teuer sein kann, gehört zu seinem Selbstverständnis.
c) Falsch. Diese Aussage verkennt die Hebelwirkung des Einkaufs. Faustformel: 1 % Materialeinsparung entspricht mindestens 10 % Umsatzsteigerung. Da 50–70 % der Verkaufserlöse durch Kosten der Materialwirtschaft absorbiert werden, „verdient" der Einkauf über Einsparungen unmittelbar mit: er gibt nicht nur Geld aus, sondern ist ein zentraler Gewinnhebel.
d) Falsch in der Begrifflichkeit. Einsparungen erhöhen nicht den Erlös, sondern das Betriebsergebnis. Der Erlös (Umsatz) ergibt sich ausschließlich aus Absatzmenge × Verkaufspreis; eine Materialeinsparung erhöht ihn um null. Richtig ist der Wirkungsweg über die Kostenseite: gesparte Materialkosten fließen in voller Höhe ins Ergebnis. Rechenbeispiel: Umsatz 100 Mio €, Materialaufwand 50 Mio €, Betriebsergebnis 6 Mio € (6 % Umsatzrendite). Werden die Materialkosten um 4 % gesenkt (−2 Mio €), bleibt der Umsatz bei 100 Mio €, das Ergebnis steigt aber auf 8 Mio €. Diese Ergebniswirkung ist direkt und sofort — anders als eine Umsatzsteigerung, die erst zusätzliche Kosten verursacht (für 8 Mio € Gewinn über den Umsatz wären rund 133 Mio € Umsatz nötig).
e) Richtig. Ein Einkäufer verhandelt mit technisch versierten Lieferanten. Ohne fundiertes Fachwissen (Produkt, Markt, Kostenstrukturen, Beschaffungsmarktforschung) wird er als Verhandlungspartner nicht ernst genommen und kann Angebote nicht qualifiziert vergleichen. Deshalb setzt der professionelle Einkauf qualifizierte, hoch motivierte Mitarbeiter und eine strategische Ausrichtung voraus.
Hinweis zum Umfang: Das Lösungsraster der Original-Aufgabe ist von a) bis l) vorgegeben, erwartet werden also 12 Objekte. Wer weniger nennt, hat die Aufgabe nicht vollständig gelöst.
Ausgehend von den traditionellen Beschaffungsobjekten (Material, also Roh-, Hilfs- und Betriebsstoffe; Betriebsmittel/Anlagen; Zulieferteile/Ersatzteile; Personal) und den nicht-traditionellen Beschaffungsfeldern ergibt sich für einen Anlagenbauer folgende Liste:
a) Rohstoffe (z. B. Stahl, Roheisen; gehen als Hauptbestandteil in die Anlage ein) b) Hilfsstoffe (z. B. Schweißdraht, Schrauben, Lacke, Dichtungen) c) Betriebsstoffe (z. B. Schmier-/Reinigungsmittel, Energie, Strom, Gas) d) Zulieferteile / Baugruppen (z. B. Motoren, Getriebe, Pumpen, Steuerungen) e) Ersatzteile (für Wartung und Instandhaltung) f) Betriebsmittel / Anlagen / Maschinen (Werkzeugmaschinen, Fertigungsanlagen für die eigene Produktion) g) Werkzeuge (Bohrer, Fräser, Vorrichtungen) h) Dienstleistungen (Montage, Engineering, Logistik/Transport, Wartung, Beratung) i) IT (Hard- und Software, Lizenzen, CAD-/ERP-Systeme) j) Personal (Fach-/Leiharbeitskräfte, Ingenieure) k) Marketing-Leistungen (Werbung, Messeauftritte) l) Rechte und Informationen (Patente, Lizenzen, Marktdaten) sowie Büro-/Standardmaterial (Büroartikel)
b) Eine Großbäckerei benötigt Wasser, Mehl, Salz, Bürosessel. Um welche Objekte der Beschaffung handelt es sich jeweils?
Einordnungslogik: Rohstoffe = Hauptbestandteil des Produkts · Hilfsstoffe = gehen als Nebenbestandteil ins Produkt ein · Betriebsstoffe = werden im Prozess verbraucht, gehen nicht ins Produkt ein · Zulieferteile = fertig zugekaufte, eingebaute Teile.
Diese Abgrenzungskriterien folgen der Standardgliederung nach Arnolds/Heege, „Materialwirtschaft und Einkauf" (Literaturempfehlung der Vorlesung).
a) Werkzeugmaschinenfabrik (Endprodukt: Drehbank)
| Material | Einordnung | Begründung |
|---|---|---|
| Antriebsmotoren | Zulieferteil | fertig zugekauft und in die Drehbank eingebaut |
| Zahnradrohlinge | Rohstoff | werden weiterverarbeitet und gehen als Hauptbestandteil ins Produkt |
| Profileisen | Rohstoff | Hauptbestandteil des Maschinengestells |
| Roheisen | Rohstoff | Ausgangsmaterial, Hauptbestandteil |
| Lacke | Hilfsstoff | gehen als Nebenbestandteil (Oberfläche) ins Produkt ein |
| Reinigungsmittel | Betriebsstoff | wird im Prozess verbraucht, geht nicht ins Produkt ein |
Hinweis: Zahnradrohlinge lassen sich auch als Zulieferteil argumentieren, wenn sie ohne wesentliche Weiterbearbeitung verbaut würden. Da es sich um Rohlinge handelt (noch zu bearbeiten), ist die Einordnung als Rohstoff im geforderten Vier-Kategorien-Raster sachgerecht; in der weiteren Systematik wären sie präzise ein Halbfabrikat (bereits eine Fertigungsstufe durchlaufen, aber noch zu bearbeiten).
b) Großbäckerei (Endprodukt: Backwaren)
| Objekt | Einordnung | Begründung |
|---|---|---|
| Mehl | Rohstoff | Hauptbestandteil des Backprodukts |
| Wasser | Rohstoff (bzw. Hilfsstoff) | geht als Bestandteil in den Teig ein; als Reinigungswasser wäre es Betriebsstoff |
| Salz | Hilfsstoff | geht als Nebenbestandteil ins Produkt ein |
| Bürosessel | Betriebsmittel | Gebrauchsgut der Verwaltung, kein Material des Produkts (indirekter Einkauf) |
b) Welche Objekte eignen sich für eine zentrale Beschaffung (Beschaffung durch Beschaffungsspezialisten)? (Begründung)
a) Dienstleistungen gehören zu den nicht-traditionellen, aber bedeutenden Beschaffungsfeldern (IT, Marketing, Wartung, Logistik). Sie über Beschaffungsspezialisten einzukaufen ist sinnvoll, weil:
- der Einkäufer die operativen Kernaktivitäten professionell beherrscht (Beschaffungsmarktforschung, qualifizierter Angebotsvergleich, Vergabeverhandlung) und so bessere Konditionen erzielt;
- Dienstleistungen sonst dezentral und unkoordiniert von den Fachabteilungen bestellt würden (Maverick Buying), wodurch Bündelungspotenzial, Transparenz und Standardisierung verloren gehen;
- Dienstleistungen schwer vergleichbar sind (kein physisches Produkt); ein Spezialist kann Leistung sauber spezifizieren, den Einstandspreis/Gesamtkosten vergleichbar machen und mehrere Entscheidungsparameter berücksichtigen statt nur den Preis.
b) Für eine zentrale Beschaffung eignen sich besonders Objekte mit hohem Bündelungspotenzial und Standardisierbarkeit:
- Hebelmaterialien (z. B. elektronische Kleinbauteile): hoher Wertanteil, geringes Risiko → Mengenbündelung und Preisverhandlung zentral ausschöpfen.
- Standardmaterialien (z. B. Büromaterial): über viele Einheiten gleich, durch zentrale Bündelung Preisvorteile.
- Strategische Materialien: zentral, weil langfristige Lieferantenpartnerschaften und Warengruppenstrategien einheitlich gesteuert werden sollten (Lead-Buyer-Konzept).
Begründung: Die Vorteile der zentralen Organisation (Bündelungen, Preisvorteile, Transparenz, einheitliches Controlling) kommen dort zum Tragen, wo gleichartige Bedarfe über mehrere Standorte oder Einheiten hinweg auftreten. Lokal-spezifische, dringende oder kleinvolumige Bedarfe bleiben dagegen sinnvollerweise dezentral.
Das historische Vorbild ist Ignacio López: der Einkaufschef, der bei einem deutschen Automobilhersteller genau diesen Wechsel von kooperativ-technikorientiertem zu hartem, wettbewerbsorientiertem Einkaufsverhalten verkörpert. Die Aufgabe zielt auf dieses Muster.
Anknüpfend an die Strategien für Hebelmaterialien (Wettbewerb fördern, Marktpotenzial zur Preisreduzierung nutzen) sowie an die Einflussfaktoren bei Einkaufsentscheidungen:
- Wettbewerb / Lieferantenauswahl fördern: zusätzliche Lieferanten qualifizieren, Aufträge neu ausschreiben, gezielt neue Anbieter ins Verfahren holen.
- Multiple Sourcing statt Einzellieferant: Bedarf auf mehrere Lieferanten verteilen → weniger Abhängigkeit, mehr Verhandlungsmacht.
- Global Sourcing: internationale Beschaffungsmärkte einbeziehen, um günstigere Quellen und mehr Anbieter zu erschließen.
- Produktsubstitution / Standardisierung: Teile standardisieren und substituierbar machen, um sie einfacher am Markt ausschreiben und bündeln zu können.
- Mengenbündelung: Volumina über Standorte/Baureihen zusammenfassen und als Hebel in Verhandlungen einsetzen (Preisvorteile).
- Gezielte Preis- und Verhandlungsstrategien: Angebotsvergleich auf Einstandspreis-Basis, harte Vergabeverhandlungen, Zielpreisvorgaben.
Hauptaufgaben:
- Kostengünstige Versorgung: richtiger Anlieferungszeitpunkt, bedarfsgerechte Menge, gefordertes Qualitätsniveau, Beachtung von Nebenbedingungen, günstiger Einstandspreis. Dazu gehört die Steuerung der Kostenkategorien Anschaffungs-, Bestellabwicklungs-, Lagerhaltungs- und Fehlmengenkosten.
- Sichere Versorgung: Qualitätssicherung (Spezifikationen, Eingangsprüfungen, ISO 9000–9004) und Frühwarnsysteme gegen Versorgungsengpässe, Lieferanteninsolvenz, Monopolisierung, Streiks und politische Risiken.
Weitere strategische Aufgaben: Beschaffungsmarktforschung, qualifizierter Angebotsvergleich, Vergabeverhandlung, Bestellung, Make-or-Buy-Entscheidungen, Lieferantenmanagement und -entwicklung, Warengruppenstrategie sowie Erschließung von Bündelungspotenzialen.
Ziele (die „richtigen" plus Wertbeitrag):
| Ziel | Bedeutung |
|---|---|
| Richtiges Material | passendes Gut für den Bedarf |
| Richtige Qualität | gefordertes Qualitätsniveau (Produkthaftung, Verkaufserfolg) |
| Richtige Menge | auf den Betriebsbedarf abgestimmt (Kostenoptimum) |
| Richtiger Ort | Bereitstellung am Bedarfsort |
| Richtige Zeit | terminlich richtiger Anlieferungszeitpunkt |
| Richtige Kosten | günstiger Einstandspreis |
| + Wertbeitrag | zusätzliche Kosteneinsparung als aktiver Gewinnhebel |
Zur Aufteilung des Wertbeitrags in einen quantitativen und einen qualitativen Teil siehe den Abschnitt „Wertbeitrag des Einkaufs: quantitativ vs. qualitativ".