Beschaffungsprozess
Status: ERARBEITET aus den Vorlesungsfolien (kein offizielles Lösungsblatt).
Kapitel 4 der Vorlesung Einkauf (EINK), Prof. Dr. S. Gabriel. Inhaltliche Klammer des Kapitels: Zeitlicher Ablauf · Angebotsprüfung · Vergleichsfaktoren · Angebotsvergleich · Bestellung. Literaturempfehlung zum Selbststudium: Kummer/Grün, „Grundzüge der Beschaffung, Produktion und Logistik", Pearson, 3. Auflage, Kapitel 11 „Die Bestellung" (S. 165–175) und Kapitel 12 „Lieferantenmanagement" (S. 177–189).
1. Zeitlicher Ablauf des Beschaffungsprozesses
Der Beschaffungsprozess läuft in acht Schritten ab. Die Reihenfolge ist klausurrelevant: sie ist die Antwort auf die Kurzübungsfrage „Welche Phasen des Beschaffungsvorgangs kennen Sie?".
| # | Prozessschritt | Was dabei passiert | Beispiel |
|---|---|---|---|
| 1 | Operative Bedarfsmeldung | Der Bedarfsträger (Fertigung, Instandhaltung, Fachabteilung) meldet einen konkreten Bedarf an den Einkauf. | Die Montage meldet 5.000 Stück Sechskantschrauben M8 für die kommende Serie. |
| 2 | Bedarfsbündelung durch den Einkauf (Category Management) bzw. IT | Gleichartige Einzelbedarfe mehrerer Bedarfsträger/Werke werden zu einem Beschaffungsvolumen zusammengefasst, um Mengenmacht zu erzeugen. | Drei Werke melden je 5.000 Schrauben; der Category Manager bündelt zu 15.000 Stück und fragt diese als ein Los an. |
| 3 | Anfragen bei Lieferanten | Aufforderung an ausgewählte Anbieter, ein Angebot abzugeben; Grundlage ist die eigene Spezifikation. | Anfrage mit Zeichnung, Menge, Wunschliefertermin und eigenen Einkaufsbedingungen an vier Schraubenhersteller. |
| 4 | Angebotsbearbeitung / Angebotsvergleich | Eingegangene Angebote werden formell und materiell geprüft, analysiert und vergleichbar gemacht (Kern des Kapitels, siehe Abschnitte 2–5). | Vier Angebote werden über ein Punktungsverfahren auf eine gemeinsame Punkteskala gebracht. |
| 5 | Vergabeverhandlung | Schwachstellen der Angebote werden verhandelt; Ziel ist die Verbesserung einzelner Vergleichsfaktoren. | Der beste Anbieter wird auf 3 % Preisnachlass und Verkürzung der Lieferzeit von 21 auf 14 Tage verhandelt. |
| 6 | Bestellentscheidung | Auswahl des Lieferanten und interne Freigabe (Compliance, Unterschriftenregelung). | Der Einkaufsleiter zeichnet die Vergabeempfehlung für Lieferant B ab. |
| 7 | Bestellung | Rechtsverbindliche Willenserklärung an den Lieferanten, schriftlich und beweisbar (siehe Abschnitt 8). | Bestellformular mit Bestellnummer, Materialnummer, 15.000 Stück, Preis je ME, Liefertermin, AGB-Verweis. |
| 8 | Auftragsbestätigung | Der Lieferant bestätigt die Annahme. Je nach Ablauf ist dies die Annahme der Bestellung (dann kommt der Vertrag hiermit zustande) oder nur die Bestätigung eines bereits geschlossenen Vertrags (siehe Hinweis unten). In jedem Fall sind damit die Konditionen dokumentiert. | Der Lieferant bestätigt Menge, Preis und Termin. Weicht er ab, ist das keine Annahme mehr, sondern ein neues Angebot und muss geprüft werden. |
Präzisierung zum Vertragsschluss, bitte nicht pauschal antworten. Der Vertrag kommt durch Angebot und Annahme zustande; welche Erklärung das Angebot ist, hängt vom konkreten Ablauf ab:
- Der Regelfall im Einkauf: Der Lieferant gibt auf eine Anfrage hin ein verbindliches Angebot ab, der Einkauf bestellt daraufhin unverändert → die Bestellung ist bereits die Annahme, der Vertrag steht mit ihrem Zugang. Die Auftragsbestätigung ist dann nur noch deklaratorisch.
- Der andere Fall: Es liegt kein bindendes Angebot vor (freibleibendes Angebot, Katalogpreis, Bestellung ohne vorheriges Angebot) → die Bestellung ist das Angebot, und erst die Auftragsbestätigung ist die Annahme; der Vertrag kommt mit ihr zustande.
- Weicht die Auftragsbestätigung inhaltlich ab (andere Menge, anderer Termin, eigene Verkaufsbedingungen), ist sie keine Annahme, sondern ein neues Angebot; der Vertrag kommt dann erst durch die Reaktion des Einkaufs zustande. Deshalb muss die Auftragsbestätigung gegen die Bestellung geprüft werden.
In der Klausur genügt dieser Satz: „Der Vertrag kommt durch zwei übereinstimmende Willenserklärungen zustande. Lag ein verbindliches Lieferantenangebot vor, ist bereits die Bestellung die Annahme; sonst ist die Bestellung das Angebot und die Auftragsbestätigung die Annahme." (Vertiefung: Kapitel Vertragsmanagement.)
Merkhilfe: Bedarf → Bündeln → Anfragen → Vergleichen → Verhandeln → Entscheiden → Bestellen → Bestätigen.
2. Angebotsprüfung: formelle Prüfung
Leitfrage dieses Abschnitts: „Welche Kriterien kann ein Einkäufer hinsichtlich der Vergleichbarkeit zweier Angebote anwenden?" Darauf antworten die Abschnitte 2 bis 4 zusammen: erst die formelle Prüfung (steht überhaupt eine gemeinsame Basis?), dann die materielle Prüfung (Analyse je Angebot, danach Vergleich), und als inhaltliche Kriterienliste die Vergleichsfaktoren, einkäuferisch (Qualitätsniveau, Einstandspreis, Lieferzeit, Zuverlässigkeit, Kapazität, Service, Standort) wie unternehmenspolitisch. Wer die Frage in der Klausur so beantwortet, hat formelle Prüfung, materielle Prüfung und Vergleichsfaktoren in einem Aufbau zusammen.
Die formelle Prüfung klärt die Vorfrage, ob die Angebote überhaupt auf einer gemeinsamen Basis stehen. Verglichen wird jeweils angefragt gegen angeboten:
- Angefragte Qualität vs. angebotene Qualität
- Angefragte Menge vs. angebotene Menge
- Angefragte Lieferzeit vs. angebotene Lieferzeit
- Eigene Einkaufsbedingungen vs. Lieferanten-Verkaufsbedingungen
Festzuhalten ist: Angebote unterscheiden sich oft bei den zugrundeliegenden Geschäftsbedingungen sowie bei Qualität, Menge und Lieferzeit.
Warum das zuerst kommt: Ein Preisvergleich zwischen Angeboten, die verschiedene Mengen, Qualitäten oder AGB enthalten, ist wertlos: man vergleicht dann Äpfel mit Birnen. Erst die formelle Bereinigung schafft die Vergleichsbasis.
Beispiel: Angefragt sind 15.000 Schrauben in I. Wahl, Lieferung in 14 Tagen, zu eigenen Einkaufsbedingungen. Lieferant A bietet 15.000 Stück I. Wahl in 14 Tagen an, aber ausschließlich zu seinen eigenen Verkaufsbedingungen (Gerichtsstand am Lieferantensitz, verkürzte Rügefrist). Lieferant B bietet II. Wahl in 21 Tagen zu einem 8 % niedrigeren Preis. Ohne formelle Prüfung erschiene B als günstiger. Tatsächlich erfüllt B die Anfrage gar nicht.
3. Angebotsprüfung: materielle Prüfung
Die materielle Prüfung ist die inhaltliche Bewertung und zerfällt bewusst in zwei getrennte Arbeitsschritte:
- Angebotsanalyse: systematische Untersuchung der einzelnen Angebote, jedes für sich.
- Angebotsvergleich: die Ergebnisse aller Einzelanalysen werden zusammengestellt und gegeneinander gehalten.
Vorteile der getrennten Abarbeitung:
- Zeitersparnis: die Einzelanalysen können parallel bzw. arbeitsteilig erfolgen.
- Gründlichkeit: jedes Angebot wird vollständig durchdrungen, bevor verglichen wird; nichts geht im Quervergleich unter.
- Einsatz von IT: standardisierte Einzelanalysen lassen sich in Systeme (Spiegel, Vergleichstabellen, E-Procurement) überführen und automatisiert zusammenführen.
Beispiel: Bei sechs eingegangenen Angeboten für eine Werkzeugmaschine erstellt der Einkäufer zunächst je Angebot ein standardisiertes Analyseblatt (Preisbestandteile, Leistungsumfang, Garantie, Servicezusagen). Erst danach werden die sechs Blätter in einen Angebotsspiegel überführt.
4. Vergleichsfaktoren
4.1 Einkäuferische Vergleichsfaktoren
Vergleichsfaktoren geben Hilfestellung bei der Wahl des günstigsten Lieferanten. Sie zerfallen in rechenbare und nicht-rechenbare Faktoren.
Die einkäuferischen Vergleichsfaktoren im Überblick:
| Vergleichsfaktor | Bedeutung | Beispiel |
|---|---|---|
| Qualitätsniveau | Erfüllungsgrad der geforderten Spezifikation, Beanstandungsquote | I. Wahl vs. II. Wahl; 4 Beanstandungen bei 40 Lieferungen |
| Einstandspreis | Preis frei Empfangsort inkl. aller Nebenkosten, abzüglich Nachlässe | 1,25 €/Stück gegenüber 1,35 €/Stück |
| Lieferzeit | Zeitspanne von Bestellung bis Wareneingang | 14 Tage gegenüber 21 Tagen |
| Zuverlässigkeit | Termintreue in der Vergangenheit | „Termine werden immer eingehalten" vs. „öfter überschritten" |
| Kapazität | Fähigkeit, auch Bedarfsspitzen zu decken | Lieferant kann 30 % Mehrbedarf kurzfristig abdecken |
| Service | Umfang der Zusatzleistungen (Beratung, Ersatzteile, Schulung, Rücknahme) | „umfangreich" gegenüber „begrenzt" |
| Standort | Entfernung, Transportkosten, Zollraum, Reaktionszeit | Lieferant im Umkreis von 50 km statt in Fernost |
Entscheidend für die Klausur ist der Zusatz: Diese Faktoren haben direkten Bezug zu den Lagerhaltungs-, Fehlmengen-, Bestellabwicklungs- und Anschaffungskosten. Damit sind sie keine „weichen" Kriterien, sondern kostenwirksam: Eine lange Lieferzeit zwingt zu höheren Sicherheitsbeständen (Lagerhaltungskosten), schlechte Zuverlässigkeit erzeugt Fehlmengenkosten, schlechter Service erhöht den Abwicklungsaufwand.
4.2 Unternehmenspolitische Vergleichsfaktoren
Diese Faktoren entspringen der Unternehmenspolitik und führen zur Bevorzugung bestimmter Lieferanten aufgrund von:
- Konzernzugehörigkeit: der Schwesterbetrieb wird bevorzugt beliefert bzw. beauftragt.
- Priorisierung: strategisch als Vorzugslieferant gesetzte Partner.
- Erfahrungswerten: „mit denen hatten wir noch nie Ärger".
- Qualität: als grundsätzliche Politik (z. B. Premiumstrategie).
- Geografie, Image: regionale Verbundenheit, Reputationsschutz.
- Werbewert einer Herstellermarke: „Intel inside"-Effekt, die Zulieferermarke wird selbst zum Verkaufsargument.
- „Golfplatz-Verbindung": persönliche Beziehungen der Geschäftsleitung (bewusst ironisch aufgeführt; siehe dazu Kapitel 6 Korruption und Compliance).
Beispiel: Ein Automobilzulieferer kauft Elektronikkomponenten trotz 4 % höheren Einstandspreises bei der Konzernschwester, weil der Konzern-Deckungsbeitrag im Verbund höher ist als der Einzelvorteil.
Merke: Unternehmenspolitische Faktoren sind, anders als die einkäuferischen, meist nicht rechenbar und werden nicht aus Lieferantendaten, sondern aus Vorgaben der Geschäftsleitung abgeleitet. Daraus entstehen die Probleme, die die Kurzübung (Frage 4) und die Übungsaufgabe 1 b) adressieren.
5. Angebotsvergleich: die Verfahren (Klausurschwerpunkt)
Der Angebotsvergleich lässt sich wie folgt systematisieren:
- Einfaktorenvergleich: Entscheidung anhand eines einzigen Faktors, in der Praxis fast immer der Preis.
- Mehrfaktorenvergleich: mehrere Faktoren werden gleichzeitig berücksichtigt, typischerweise über Scoring-Modelle. Deren Kennzeichen:
- zahlenmäßige Benotung verbaler Ausdrücke (aus „gut" wird 8),
- Entscheidung auf der rationalen Ebene,
- Ziel: alle Vergleichsfaktoren additiv miteinander verknüpfbar machen.
- Die drei Scoring-Verfahren: Punktungsverfahren · Quotientenverfahren · Kennzahlenverfahren.
- Ergänzend als Differenzierung: Koeffizientenverfahren (Gewichtung der Faktoren).
Klausurhinweis: Wortlaut und Punkteaufteilung beachten. In der Beispielklausur lautet Aufgabe 2 (11 Punkte, a = 3 Punkte, b = 8 Punkte): a) „Nennen Sie mindestens 3 verschiedene Verfahren, um Angebote im Einkauf vergleichbar zu machen." b) „Erläutern Sie die in a) genannten Verfahren. Nennen Sie dabei auch Vor- und Nachteile."
Zwei Dinge folgen daraus unmittelbar:
- Reines Nennen bringt nur 3 der 11 Punkte. Die eigentliche Punktemasse liegt in b), im Erläutern plus Vor-/Nachteilen. Wer nur Verfahrensnamen auflistet, verschenkt 8 Punkte.
- b) ist an a) gebunden („die in a) genannten"). Man muss also genau die Verfahren erläutern, die man vorher genannt hat: nicht andere nachschieben, nicht mehr nennen, als man anschließend erläutern kann. Drei sauber erläuterte Verfahren schlagen fünf hingeworfene Namen.
Die sichere Antwort sind Punktungsverfahren, Quotientenverfahren und Kennzahlenverfahren; als viertes lässt sich das Koeffizientenverfahren (Gewichtung) ergänzen, als Abgrenzung der Einfaktorenvergleich. Die Übersichtstabelle in Abschnitt 5.6 enthält die eigentliche Antwort; fett markiert ist jeweils das, was in die Klausur gehört (siehe Zeitbudget-Hinweis dort).
Anmerkung: An drei Stellen dieses Kapitels weicht das eigene Rechenergebnis von dem in der Vorlesung genannten Wert ab. Die Abweichungen sind an den jeweiligen Stellen noch einmal ausführlich beschrieben: | # | Stelle | In der Vorlesung genannt | Rechnerisch | Abschnitt | |---|---|---|---|---| | 1 | Quotientenverfahren, Summe Lieferant A | 3,45 | 3,425 (aus keiner Rundung ableitbar) | 5.3 | | 2 | Quotientenverfahren, Bezugsgröße Rate Service | Definition: „÷ Summe aller Serviceleistungen" | gerechnet wird ÷ Anzahl Lieferungen — Definition und Rechnung passen nicht zusammen | 5.3 | | 3 | Kennzahlenverfahren, Vergleichspreis Lieferant B | 49,75 € | 49,95 € (45,00 × 1,110) | 5.4 |
In allen drei Fällen bleibt die Rangfolge unverändert; der eigene Rechenweg ist jeweils vollständig angegeben.
5.1 Einfaktorenvergleich
Prinzip: Es wird nur ein einziger Vergleichsfaktor herangezogen, praktisch immer der Einstandspreis. Wer am billigsten ist, bekommt den Auftrag.
Beispiel: Drei Angebote zu 1,25 €, 1,30 € und 1,35 € je Stück; Zuschlag an den Anbieter mit 1,25 €, ohne Blick auf Termintreue oder Qualität.
Bewertung: Der Einfaktorenvergleich ist schnell und völlig transparent, unterschlägt aber alle übrigen kostenwirksamen Faktoren. Genau darauf zielt die Frage nach den Nachteilen von Einfaktorenvergleichen und die Übungsaufgabe 1 a).
5.2 Punktungsverfahren
Prinzip: Bewertung der einzelnen Vergleichsfaktoren mit Punkten zwischen 1 und 10; die Punkte werden je Angebot addiert. Das höchste Punktetotal gewinnt.
Beispiel:
| Vergleichsfaktor | Ohne Punktung | Punktung | |
|---|---|---|---|
| Angebot A | Einstandspreis | 150 € | 8 |
| Qualität | II. Wahl | 6 | |
| Zuverlässigkeit | Befriedigend | 5 | |
| Service | Umfangreich | 8 | |
| 27 (Summe) | |||
| Angebot B | Einstandspreis | 140 € | 10 |
| Qualität | II. Wahl | 6 | |
| Zuverlässigkeit | Gut | 8 | |
| Service | begrenzt | 5 | |
| 29 (Summe) |
Rechenweg: A = 8 + 6 + 5 + 8 = 27; B = 10 + 6 + 8 + 5 = 29 → Angebot B wird gewählt (verifiziert).
Umgang mit nicht-rechenbaren Faktoren: Dafür können Merkblätter zur Bewertung genutzt werden. Beispiel „Lieferzuverlässigkeit":
| Sachverhalt | Punkte |
|---|---|
| Termine werden immer eingehalten | 10 |
| Lieferant hält die meisten Terminvorschriften ein | 8 |
| Termine werden öfter überschritten | 5 |
| Sehr viele Terminverzögerungen kommen vor | 3 |
Solche Merkblätter sind der eigentliche Trick des Verfahrens: Sie objektivieren die Übersetzung verbaler Urteile in Zahlen und machen die Bewertung zwischen verschiedenen Einkäufern reproduzierbar.
5.3 Quotientenverfahren
Prinzip: Errechnen von Raten für die einzelnen Vergleichsfaktoren. Die Raten liegen zwischen 0 und 1 und werden addiert; die höchste Summe gewinnt. Die Raten stammen aus echten Ist-Daten der Lieferantenhistorie, nicht aus einer Benotung.
Die Formeln:
- Rate Einstandspreis = niedrigster Einstandspreis ÷ individueller Einstandspreis
- Rate Terminzuverlässigkeit = 1 − (verspätete Lieferungen ÷ Summe Lieferungen)
- Rate Qualität = 1 − (Beanstandungen ÷ Summe Lieferungen)
- Rate Service = 1 − (Zahl fehlender Serviceleistungen ÷ Summe aller Serviceleistungen) — gerechnet wird abweichend von dieser Definition durch die Anzahl der Lieferungen; siehe Anmerkung nach dem Rechenweg
Ausgangsdaten:
| Lieferant | Einstandspreis | Anzahl Lieferungen | davon verspätet | davon beanstandet | davon mit Servicemangel |
|---|---|---|---|---|---|
| A | 1,25 | 40 | 8 | 4 | 11 |
| B | 1,35 | 50 | 4 | 2 | 0 |
| C | 1,30 | 60 | 7 | 4 | 11 |
Ergebnis:
| Lieferant | Rate Preis | Rate Termin | Rate Qualität | Rate Service | Summe |
|---|---|---|---|---|---|
| A | 1 | 0,80 | 0,90 | 0,725 | 3,45 |
| B | 0,93 | 0,92 | 0,96 | 1,00 | 3,81 |
| C | 0,96 | 0,88 | 0,93 | 0,82 | 3,59 |
Rechenweg Schritt für Schritt (nachgerechnet):
Lieferant A:
- Rate Preis = 1,25 ÷ 1,25 = 1,00
- Rate Termin = 1 − (8 ÷ 40) = 1 − 0,20 = 0,80
- Rate Qualität = 1 − (4 ÷ 40) = 1 − 0,10 = 0,90
- Rate Service = 1 − (11 ÷ 40) = 1 − 0,275 = 0,725 (zur Bezugsgröße 40 siehe die Anmerkung unten — hier wird nicht nach der oben genannten Formel gerechnet)
- Summe = 1,00 + 0,80 + 0,90 + 0,725 = 3,425
Lieferant B:
- Rate Preis = 1,25 ÷ 1,35 = 0,9259 ≈ 0,93
- Rate Termin = 1 − (4 ÷ 50) = 0,92
- Rate Qualität = 1 − (2 ÷ 50) = 0,96
- Rate Service = 1 − (0 ÷ 50) = 1,00
- Summe = 3,81
Lieferant C:
- Rate Preis = 1,25 ÷ 1,30 = 0,9615 ≈ 0,96
- Rate Termin = 1 − (7 ÷ 60) = 0,8833 ≈ 0,88
- Rate Qualität = 1 − (4 ÷ 60) = 0,9333 ≈ 0,93
- Rate Service = 1 − (11 ÷ 60) = 0,8167 ≈ 0,82
- Summe = 3,59
Ergebnis: Lieferant B gewinnt mit der höchsten Ratensumme — obwohl er den höchsten Einstandspreis hat. Das ist die Pointe des Verfahrens gegenüber dem Einfaktorenvergleich.
Anmerkung: Rechnerisch ergibt sich für Lieferant A eine Ratensumme von 3,425 (1,00 + 0,80 + 0,90 + 0,725); in der Vorlesung wurde 3,45 genannt. Der Wert 3,45 ist aus keiner Rundung der vier Raten ableitbar, es handelt sich also nicht um einen Rundungseffekt. An der Rangfolge B (3,81) > C (3,59) > A (3,43) ändert das nichts.
Anmerkung zur Bezugsgröße der Rate Service: Definiert ist die Rate Service als 1 − (Zahl fehlender Serviceleistungen ÷ Summe aller Serviceleistungen) — gerechnet wird dann aber 1 − (11 ÷ 40), also durch die Anzahl der Lieferungen (40) und nicht durch die Summe aller Serviceleistungen. Dieselbe Abweichung liegt bei C vor (11 ÷ 60). Definition und Rechnung passen damit nicht zusammen; wie viele Serviceleistungen insgesamt vereinbart waren, gibt die Aufgabenstellung nicht her. Deshalb wird hier mit der vorgegebenen Größe, der Anzahl der Lieferungen, gerechnet und die verwendete Bezugsgröße im Rechenweg mit angegeben. Sachlich richtig ist die Definition: Eine Servicequote gehört auf die Zahl der zugesagten Serviceleistungen bezogen, nicht auf die Zahl der Lieferungen — sonst werden zwei verschiedene Bezugsmengen in derselben Summenspalte gemischt.
5.4 Kennzahlenverfahren (Lieferantenkennzahl / vendor rating system)
Prinzip: Die Lieferantenkennzahl, auch „vendor rating system" oder Anbieterselektionssystem, hat als Basis den Wert 1,000. Davon ausgehend gilt:
- Strafpunkte für schlechte Leistungen werden addiert,
- Gutschriften für gute Leistungen werden subtrahiert.
Aus der Zusammenfassung aller Einzelwerte ergibt sich die Lieferantenkennzahl als Maßstab der Leistungsfähigkeit des Lieferanten. Diese wird mit dem Einstandspreis multipliziert; man erhält den Vergleichspreis. Gewinner ist der Lieferant mit dem niedrigsten Vergleichspreis (niedrigste Kennzahl = beste Leistung).
Beispielkatalog Vergleichsfaktor Lieferzuverlässigkeit:
| Sachverhalt | Punkte |
|---|---|
| Lieferung erfolgt > 4 Wochen zu früh | + 0,02 |
| Lieferung erfolgt 1 – 4 Wochen zu früh | + 0,01 |
| Lieferung erfolgt 0 – 1 Woche zu früh | 0,00 |
| Lieferung erfolgt 0 – 1 Woche zu spät | + 0,01 |
| Lieferung erfolgt 2 – 3 Wochen zu spät | + 0,05 |
| Lieferung erfolgt 4 – 6 Wochen zu spät | + 0,10 |
| Lieferung erfolgt > 6 Wochen zu spät | + 0,20 |
Beachtenswert: Auch zu frühe Lieferung wird bestraft: sie erzeugt ungeplante Lagerbestände und Kapitalbindung. Nur das Fenster „0 – 1 Woche zu früh" ist neutral (0,00).
Beispielrechnung:
| Lieferant | Termin | Qualität | Service | Lieferantenkennzahl |
|---|---|---|---|---|
| A | + 0,200 | + 0,010 | − 0,050 | 1,160 |
| B | 0,000 | + 0,100 | + 0,010 | 1,110 |
| C | 0,000 | + 0,050 | 0,000 | 1,050 |
| Lieferant | Einstandspreis | Lieferantenkennzahl | Vergleichspreis |
|---|---|---|---|
| A | 45,00 | 1,160 | 52,20 |
| B | 45,00 | 1,110 | 49,75 |
| C | 45,00 | 1,050 | 47,25 |
Rechenweg Schritt für Schritt (nachgerechnet):
Kennzahl = 1,000 + Strafpunkte − Gutschriften
- A: 1,000 + 0,200 + 0,010 − 0,050 = 1,160
- B: 1,000 + 0,000 + 0,100 + 0,010 = 1,110
- C: 1,000 + 0,000 + 0,050 + 0,000 = 1,050
Vergleichspreis = Einstandspreis × Lieferantenkennzahl
- A: 45,00 € × 1,160 = 52,20 €
- B: 45,00 € × 1,110 = 49,95 €
- C: 45,00 € × 1,050 = 47,25 €
Ergebnis: Bei identischem Einstandspreis von 45,00 € gewinnt Lieferant C mit dem niedrigsten Vergleichspreis von 47,25 €. Die Kennzahl übersetzt Leistungsmängel in einen Preisaufschlag: A zahlt für seine Terminprobleme faktisch 7,20 € Aufschlag je Einheit.
Anmerkung: Rechnerisch ergibt sich für Lieferant B ein Vergleichspreis von 49,95 € (45,00 × 1,110); in der Vorlesung wurde 49,75 € genannt. Die Rangfolge C (47,25 €) < B < A (52,20 €) bleibt davon unberührt.
Bleibt die Frage nach den Bedenken gegenüber dem Verfahren. Sie zielt auf die Scheingenauigkeit der dritten Nachkommastelle und die willkürliche Festlegung der Strafpunkthöhen (siehe Übungsaufgabe 2).
5.5 Koeffizientenverfahren (Gewichtung von Faktoren)
Ausgangsproblem: „In einer Maschinenfabrik ist für benötigte Stahlsorten das Qualitätsniveau entscheidender als der Einstandspreis." Daraus folgt: Die gleichgewichtige Nutzung von Vergleichsfaktoren ist problematisch → Wichtung der Vergleichsfaktoren (Koeffizientenverfahren).
Prinzip: Jeder Vergleichsfaktor erhält einen Koeffizienten (Gewicht), der seine Bedeutung abbildet. Die ungewichtete Punktzahl wird mit dem Koeffizienten multipliziert; die gewichteten Werte werden zur gewichteten Gesamtpunktzahl addiert.
| Vergleichsfaktor | Koeffizient | Angebot A ungewichtet | Angebot A gewichtet | Angebot B ungewichtet | Angebot B gewichtet |
|---|---|---|---|---|---|
| Preisniveau | 2 | 8 | 16 | 10 | 20 |
| Qualität | 6 | 6 | 36 | 6 | 36 |
| Zuverlässigkeit | 5 | 5 | 25 | 8 | 40 |
| Service | 2 | 8 | 16 | 5 | 10 |
| Gewichtete Gesamtpunktzahl | 93 | 106 |
Rechenweg (nachgerechnet):
- A: (2 × 8) + (6 × 6) + (5 × 5) + (2 × 8) = 16 + 36 + 25 + 16 = 93
- B: (2 × 10) + (6 × 6) + (5 × 8) + (2 × 5) = 20 + 36 + 40 + 10 = 106
Ergebnis: Angebot B gewinnt auch gewichtet. Der Vergleich mit dem Punktungsverfahren zeigt: Die Rangfolge bleibt hier gleich, aber der Abstand vergrößert sich deutlich (2 Punkte ungewichtet gegenüber 13 Punkten gewichtet), weil B gerade bei der hoch gewichteten Zuverlässigkeit stark ist. Bei anderer Gewichtung könnte die Rangfolge kippen; das ist Chance und Risiko des Verfahrens.
5.6 Übersicht: Verfahren × Vorteile × Nachteile
Diese Tabelle beantwortet die 11-Punkte-Klausuraufgabe zum Angebotsvergleich.
⏱️ Zeitbudget, bitte zuerst lesen, sonst führt diese Tabelle in die Irre. Die Klausur hat 60 Minuten für rund 99 Punkte, also grob 0,6 Minuten je Punkt. Für Aufgabe 2 (11 Punkte, a = 3 / b = 8) bleiben damit etwa 7 Minuten für die gesamte Aufgabe; bei drei erläuterten Verfahren sind das rund zwei Minuten pro Verfahren. In dieser Zeit sind nicht fünf Vor- und fünf Nachteile je Verfahren schreibbar.
Deshalb ist die Tabelle zweistufig zu lesen:
- Fett = Klausurantwort. Je Verfahren sind die ersten zwei Vorteile und die ersten zwei Nachteile fett; genau die schreibe ich hin. Das ist die punkteoptimale Menge, denn die Aufgabe verlangt „Vor- und Nachteile", nicht Vollständigkeit.
- Kursiv nach „Vertiefung:" = Lernstoff, nicht Antwortvorlage. Diese Punkte dienen dem Verständnis und der mündlichen Sicherheit; in der Klausur sind sie Zeitverlust, nicht Punktgewinn.
Zielformat je Verfahren (ca. 2 Minuten): ein Satz Funktionsweise mit einer Beispielzahl · zwei Vorteile · zwei Nachteile. Prof. Gabriels Formregel dazu: bei „erläutern" ausformulieren, nicht in Stichworten antworten, und präzise auf die gestellte Frage, keine Alternativ-Antworten nach dem Prinzip „irgendetwas davon wird schon stimmen".
| Verfahren | Kurzerläuterung (Funktionsweise) | Vorteile (fett = in der Klausur hinschreiben) | Nachteile (fett = in der Klausur hinschreiben) |
|---|---|---|---|
| Einfaktorenvergleich | Entscheidung anhand eines Vergleichsfaktors, praktisch immer des Einstandspreises: billigstes Angebot gewinnt. | 1. Sehr schnell und mit minimalem Aufwand durchführbar. 2. Vollständig transparent, ohne subjektive Bewertung, mit eindeutigem Ergebnis. Vertiefung: keine Diskussion über Gewichte nötig; für C-Teile wirtschaftlich vertretbar, weil der Bewertungsaufwand sonst den Vorteil übersteigt. |
1. Blendet alle übrigen kostenwirksamen Faktoren aus (Qualität, Termintreue, Service, Kapazität). 2. Nur scheinbar günstig: der niedrige Preis wird oft durch Fehlmengen-, Lager- und Abwicklungskosten überkompensiert. Vertiefung: fördert kurzfristiges Preisdenken statt Lieferantenentwicklung; verleitet Lieferanten zu Billigangeboten mit anschließender Nachverhandlung. |
| Punktungsverfahren (Scoring) | Jeder Vergleichsfaktor wird mit Punkten von 1 bis 10 benotet; die Punkte werden je Angebot addiert, höchste Summe gewinnt. Für nicht-rechenbare Faktoren dienen Merkblätter als Bewertungsraster. | 1. Macht auch nicht-rechenbare, verbale Kriterien („gut", „umfangreich") vergleichbar, und das für beliebig viele Faktoren gleichzeitig. 2. Einfach, ohne Spezialdaten anwendbar und damit auch für Neulieferanten geeignet. Vertiefung: Merkblätter objektivieren die Benotung und machen sie zwischen Einkäufern reproduzierbar; Ergebnis steht als eine Summe je Angebot sofort fest. |
1. Subjektivität bei der Punktvergabe bleibt: die Benotung verbaler Ausdrücke ist Ermessen. 2. Alle Faktoren zählen gleich viel, obwohl sie unterschiedlich wichtig sind (Gleichgewichtung). Vertiefung: Punktsummen sind dimensionslos, „wie viel Euro ist ein Punkt wert?" bleibt offen; Kompensationsproblem (Ausreißer werden durch gute Werte anderswo verdeckt); Scheingenauigkeit, weil aus einem Werturteil eine harte Zahl wird. |
| Quotientenverfahren (Scoring) | Für jeden Faktor wird eine Rate zwischen 0 und 1 aus echten Ist-Daten errechnet (z. B. Rate Termin = 1 − verspätete/gesamte Lieferungen; Rate Preis = niedrigster/individueller Preis); die Raten werden addiert, höchste Summe gewinnt. | 1. Beruht auf objektiven, messbaren Ist-Daten aus der Lieferantenhistorie statt auf Schulnoten: dadurch nachprüfbar und revisionssicher. 2. Automatisierbar aus ERP-Daten (Wareneingangs- und Reklamationsstatistik). Vertiefung: Raten sind auf 0–1 normiert und damit über Faktoren hinweg direkt vergleichbar; die Preisrate setzt automatisch den besten Anbieter als Referenz (100 %). |
1. Setzt eine belastbare Datenhistorie voraus → für Neulieferanten nicht anwendbar. 2. Raten sind ungewichtet: alle Faktoren zählen gleich viel. Vertiefung: Faktoren ohne Zähldaten (Image, Innovationskraft, Bonität) sind nicht abbildbar; Datenerhebung und -pflege aufwendig; unterschiedliche Bezugsmengen verzerren (40 vs. 60 Lieferungen, kleine Stichproben schlagen stark aus); die Preisrate ist relativ: fehlt der günstige Anbieter, verschiebt sich die gesamte Skala. |
| Kennzahlenverfahren / Lieferantenkennzahl („vendor rating system", Anbieterselektionssystem) | Basis ist der Wert 1,000; Strafpunkte für schlechte Leistungen werden addiert, Gutschriften für gute Leistungen subtrahiert. Die resultierende Kennzahl wird mit dem Einstandspreis multipliziert → Vergleichspreis; niedrigster Vergleichspreis gewinnt. | 1. Einziges Verfahren mit wirtschaftlich interpretierbarem Ergebnis: Euro-Vergleichspreis statt Punkte, verknüpft Preis und Leistung in einer Zahl. 2. Leistungsmängel werden direkt als Preisaufschlag sichtbar und damit gegenüber Fachabteilung und Geschäftsleitung argumentierbar. Vertiefung: Bewertungskatalog (z. B. Terminraster) ist standardisiert und wiederverwendbar; auch zu frühe Lieferungen werden bestraft, was die Kapitalbindung korrekt abbildet; gute Basis für laufendes Lieferantencontrolling und Zielvereinbarungen. |
1. Höhe der Straf- und Gutpunkte ist willkürlich festgelegt und selten empirisch aus echten Kosten abgeleitet. 2. Scheingenauigkeit durch drei Nachkommastellen, die eine Präzision suggerieren, welche die Datenbasis nicht hergibt. Vertiefung: multiplikative Verknüpfung mit dem Preis, dadurch wirken kleine Kennzahlunterschiede bei teuren Teilen riesig, bei billigen fast gar nicht; implizite Gewichtung (wer die Straftabellen entwirft, entscheidet über das Ergebnis); setzt ebenfalls eine Leistungshistorie voraus; hoher Einführungs- und Pflegeaufwand; manipulierbar durch Anpassen des Punktekatalogs; die Kennzahl kann Ursachen verdecken (einmaliger Ausreißer vs. dauerhafte Schwäche). |
| Koeffizientenverfahren (Gewichtung; Ergänzung zu Punkt-/Quotientenverfahren) | Jeder Vergleichsfaktor erhält einen Koeffizienten entsprechend seiner Bedeutung; ungewichtete Punktzahl × Koeffizient = gewichteter Wert, Summe = gewichtete Gesamtpunktzahl. | 1. Behebt den zentralen Mangel der additiven Scoring-Modelle, die Gleichgewichtung, und bildet die tatsächliche Beschaffungsstrategie ab (z. B. Qualität vor Preis bei kritischen Stahlsorten). 2. Flexibel je Warengruppe anpassbar (A-Teile anders gewichten als C-Teile). Vertiefung: zwingt das Unternehmen, seine Prioritäten explizit zu machen und zu dokumentieren. |
1. Die Festlegung der Koeffizienten ist selbst subjektiv: die Willkür wird nur eine Ebene nach oben verschoben. 2. Ergebnis ist hoch sensibel gegenüber der Gewichtung, eine kleine Änderung kann die Rangfolge drehen. Vertiefung: dadurch manipulierbar (Gewichte lassen sich nachträglich auf den Wunschlieferanten hin „passend" wählen); zusätzlicher Abstimmungsaufwand mit Fachabteilungen; das Kompensationsproblem bleibt bestehen. |
Antwortgerüst für die Klausur (11 Punkte, a = 3 / b = 8, rund 7 Minuten gesamt):
Teil a), 3 Punkte, ca. 1 Minute. Nur nennen, nichts erklären: Punktungsverfahren, Quotientenverfahren, Kennzahlenverfahren. Genau drei: die Aufgabe verlangt „mindestens 3", und jedes weitere Verfahren muss in b) mit erläutert werden und kostet dort Zeit. (Wenn Puffer bleibt: Koeffizientenverfahren als viertes, Einfaktorenvergleich als Abgrenzung.)
Teil b), 8 Punkte, ca. 6 Minuten, also rund 2 Minuten je Verfahren. Je Verfahren in dieser Reihenfolge:
- Funktionsweise in einem ausformulierten Satz mit einer Beispielzahl: Punkte 1–10 addieren · Raten 0–1 aus Ist-Daten addieren · Basis 1,000 ± Punkte, dann × Einstandspreis.
- Zwei Vorteile (die fett markierten aus der Tabelle oben).
- Zwei Nachteile (die fett markierten aus der Tabelle oben).
Roter Faden, der die Antwort zusammenhält: subjektive Benotung (Punktung) → objektive Ist-Daten (Quotient) → wirtschaftliche Ergebnisgröße in Euro (Kennzahl). Wenn noch Zeit bleibt, rundet ein Schlusssatz zum gemeinsamen Kernproblem aller additiven Verfahren ab: Gleichgewichtung und Kompensation, Lösung ist das Koeffizientenverfahren. Er ist Kür, nicht Pflicht.
6. Anforderungen an die Lieferantenauswahl in der Praxis
In der Praxis werden beispielhaft folgende Anforderungen an die Lieferantenauswahl gestellt:
- Lieferzeit darf nicht länger als 14 Tage sein
- Verfügbarkeit für den Vertrieb muss größer 97 % sein
- durchschnittlicher Lagerbestand muss weniger als 12,5 Mio. € betragen
- Kostenreduzierung im Unternehmen um 3 %
- Bedarfsschwankungen von 30 % sind abzusichern
- Lieferant muss eigene F&E betreiben
- Preisstabilität in den nächsten 12 Monaten
- alle Materialien müssen aus der EU kommen
- konstante Qualität
Beobachtung: Diese Anforderungen sind teils K.-o.-Kriterien (Lieferzeit ≤ 14 Tage, Herkunft EU) und teils Optimierungsziele (Kostenreduzierung 3 %). Sie stammen zudem aus verschiedenen Unternehmensbereichen (Vertrieb, Finanzen, Entwicklung, Compliance) und können sich widersprechen, etwa „Lagerbestand < 12,5 Mio. €" gegen „Bedarfsschwankungen von 30 % absichern".
Daran schließt die Frage an: „Welche Möglichkeiten sehen Sie zur Reduzierung des Aufwandes bei der Lieferantenauswahl?"
Antwortansätze aus dem Kapitelzusammenhang:
- Vorfilterung über K.-o.-Kriterien (Muss-Kriterien zuerst prüfen): Wer die Lieferzeit oder die EU-Herkunft nicht erfüllt, wird gar nicht erst bewertet: das reduziert die Zahl der aufwendig zu analysierenden Angebote drastisch.
- Getrennte Abarbeitung von Angebotsanalyse und Angebotsvergleich: Zeitersparnis durch Arbeitsteilung.
- Einsatz von IT: standardisierte Analyseblätter, automatische Angebotsspiegel, E-Procurement (Kapitel 7).
- Standardisierte Bewertungsraster/Merkblätter verkürzen die Bewertung und machen sie delegierbar.
- Quotienten-/Kennzahlenverfahren aus ERP-Daten automatisiert berechnen statt manuell benoten.
- Bedarfsbündelung und Reduzierung der Lieferantenzahl: weniger Vergabevorgänge, weniger zu bewertende Lieferanten.
- Differenzierung nach Materialbedeutung (ABC): Vollbewertung nur für A-Teile, vereinfachte oder automatisierte Vergabe für C-Teile.
- Rahmenverträge und Lieferantenlisten: einmalige Auswahl statt Einzelfallbewertung bei jedem Bedarf.
7. Vergabeverhandlung
7.1 Wann wird verhandelt?
Es gilt die Regel: Eine Bestellentscheidung allein aufgrund des Angebotsvergleichs erfolgt nur dann, wenn ein Angebot einen überragenden Eindruck hinterlässt. In allen anderen Fällen folgt die Vergabeverhandlung. Ziel ist die Verbesserung bei den einzelnen Vergleichsfaktoren. Voraussetzungen: gute sachliche Vorbereitung und ein Argumentationskatalog.
7.2 Zielsetzungen der Vergabeverhandlung
Vergabeverhandlungen sollen
- Schwachstellen der einzelnen Angebote beseitigen und
- Verbesserungen eines Angebots erreichen, konkret:
- Preiszugeständnisse
- Erhöhung der Liefermenge (bei gleichem Gesamtpreis)
- Lieferfristen an eigene Vorstellungen anpassen
- Qualitätssteigerungen
- Zusätzliche Serviceleistungen
- Zusätzliche Garantien
Beispiel: Das punktbeste Angebot hat eine Lieferzeit von 21 Tagen, gefordert waren 14. Statt das Angebot auszuschließen, wird verhandelt: Teillieferung von 5.000 Stück nach 14 Tagen, Rest nach 21 Tagen. Die Schwachstelle ist beseitigt, ohne den besten Anbieter zu verlieren.
7.3 Argumentationskatalog
| Mögliche Zielansprache | Argumente |
|---|---|
| Anlieferungszeitpunkt verkürzen | z. B. Konjunkturlage, Teillieferung, lange Geschäftsbeziehung, Hinweis auf Engpasssituation |
| Preise senken | z. B. Ergebnis der Preisstrukturanalyse, Auftragsgröße anpassen, Vorauszahlung, Mengenprognosen (in Zukunft höhere Abnahme) |
| Qualitätsniveau heben | z. B. Hinweis auf Substitutionsmaterial, Verarbeitungsschwierigkeiten in der Fertigung, Auftreten von Reklamationen bei einigen Produkten, Ergebnisse der Qualitätsprüfung (z. B. nur mäßige Qualität) |
| Übernahme der eigenen Einkaufsbedingungen durch den Lieferanten | z. B. eigene Stellung am Beschaffungsmarkt (Macht), starker Konkurrenzkampf der Lieferanten um Marktanteile, ansonsten evtl. Einigung auf abgeänderte AGB/AEB |
Merke: Zu jeder Zielansprache gehört ein sachliches Argument. Tragfähig sind durchgehend Fakten (Preisstrukturanalyse, Qualitätsprüfergebnisse, Marktstellung), keine reinen Machtdrohungen. Das ist der Grund für die Forderung nach „guter sachlicher Vorbereitung".
8. Bestellung
8.1 Definition
Bestellung = Willenserklärung einer Person / eines Unternehmens, näher bestimmte Leistungen bzw. Güter zu den mitgeteilten Bedingungen anzunehmen und zu bezahlen.
Damit ist die Bestellung ein rechtsverbindlicher Akt, nicht bloß eine Mitteilung. Sie erfolgt in schriftlicher Form, meist über Bestellformulare.
Beispiel: Die Bestellung „15.000 Stück Sechskantschraube M8, Materialnummer 4711, 0,12 €/Stück, Liefertermin KW 34, Zahlungsziel 30 Tage netto, es gelten unsere AEB" ist die Willenserklärung des Einkaufs. Ob mit ihr der Vertrag bereits zustande kommt (nämlich als Annahme eines zuvor abgegebenen verbindlichen Lieferantenangebots) oder erst mit der Auftragsbestätigung (nämlich als Annahme der Bestellung), hängt vom Ablauf ab (siehe die Präzisierung in Abschnitt 1).
8.2 Übermittlung und organisatorische Pflichten
Die Bestellung wird dem Lieferanten schriftlich übermittelt, mit Angaben zu:
- Produkt/Artikel (genaue Bezeichnung)
- Menge
- Preis
- Zahlungsbedingungen
- Nebenabsprachen
Sie muss sicher, zweifelsfrei und rechtlich beweisbar übermittelt werden. Zusätzlich gelten Anforderungen zu Compliance und Revision (vgl. Kapitel 6).
Pflicht zur Unterrichtung der beteiligten betrieblichen Stellen:
- Bedarfsträger (weiß, wann er womit rechnen kann)
- Terminkontrolle (überwacht den zugesagten Liefertermin)
- Warenannahme (kann Wareneingang gegen Bestellung prüfen)
- Rechnungsprüfung (dreiseitiger Abgleich Bestellung – Wareneingang – Rechnung)
8.3 Inhalte des Bestellformulars
- Zahlungs- und Transportbedingungen
- Gerichtsstand
- Rügefristen
- Sonderbedingungen, z. B. AGB
- Bestellnummer
- Bezeichnung/Materialnummer
- Qualitätsangaben/zugesicherte Eigenschaften
- Bestellmenge
- Lieferzeiten
- Liefertermin
- Verpackungsart und -größe
- Preis je Mengeneinheit und Gesamtpreis
Systematik zum Merken: Die Inhalte lassen sich in drei Blöcke gliedern:
- Rechtlicher Rahmen: Gerichtsstand, Rügefristen, AGB/Sonderbedingungen, Zahlungs- und Transportbedingungen.
- Identifikation: Bestellnummer, Bezeichnung/Materialnummer.
- Leistungsbeschreibung: Qualitätsangaben/zugesicherte Eigenschaften, Bestellmenge, Lieferzeiten und Liefertermin, Verpackungsart und -größe, Preis je Mengeneinheit und Gesamtpreis.
9. Kurzübung zum Kapitel
Diese sechs Fragen der Kurzübung sind eine typische Klausurvorlage:
- Welche Phasen des Beschaffungsvorgangs kennen Sie? → Abschnitt 1 (acht Schritte von der Bedarfsmeldung bis zur Auftragsbestätigung).
- Nach welchen Kriterien bewerten Sie Lieferanten für A-Artikel? → Abschnitt 4: bei A-Artikeln (hoher Wertanteil) steht nicht der Preis allein, sondern Qualitätsniveau, Zuverlässigkeit/Termintreue, Kapazität und Versorgungssicherheit im Vordergrund; Vollbewertung über Mehrfaktorenvergleich mit Gewichtung (Koeffizientenverfahren), zusätzlich Bonität, F&E-Fähigkeit und Preisstabilität.
- In der Praxis sind die Ergebnisse von Anfragetätigkeiten oft unbefriedigend. Welche Ursachen sehen Sie hierfür? → unpräzise/unvollständige Spezifikation in der Anfrage; zu kurze Angebotsfristen; Anfrage an ungeeignete oder desinteressierte Lieferanten; zu kleine Mengen/unattraktives Volumen; „Alibi-Anfragen" ohne echte Vergabeabsicht, die den Ruf beschädigen; fehlende Angabe der eigenen Einkaufsbedingungen, so dass Angebote formell nicht vergleichbar zurückkommen (vgl. Abschnitt 2).
- Welche Probleme werfen unternehmenspolitische Vergleichsfaktoren für die Angebotsbearbeitung auf? → siehe Abschnitt 4.2 und Übungsaufgabe 1 b): sie sind nicht rechenbar, nicht objektivierbar und nicht dokumentierbar; sie können das Ergebnis des Angebotsvergleichs überstimmen und entwerten damit die vorangegangene Analyse; Compliance-Risiko („Golfplatz-Verbindung").
- Welche Ziele verfolgt ein Bestellschreiben? → siehe Abschnitt 8: rechtsverbindliche Willenserklärung abgeben, Leistung zweifelsfrei und beweisbar festlegen, Konditionen und Rechtsrahmen fixieren, Compliance- und Revisionsanforderungen erfüllen sowie die internen Stellen (Bedarfsträger, Terminkontrolle, Warenannahme, Rechnungsprüfung) informieren.
- Zeigen Sie Widersprüche auf, die sich beim gleichzeitigen Einsatz von Modular und Multiple Sourcing im Unternehmen ergeben. → siehe Übungsaufgabe 4 sowie Kapitel 1 (Sourcing-Strategien): Modular Sourcing bündelt komplette Baugruppen bei einem Systemlieferanten, Multiple Sourcing verteilt bewusst auf mehrere Anbieter; die Strategien ziehen bei derselben Warengruppe in entgegengesetzte Richtungen.
10. Anhang: Bestandsgrenzen und optimale Bestellmenge
Einordnung, bitte zuerst lesen. Diese beiden Themen stehen im Anhang zu Kapitel 4 (mit Verweis auf Kummer/Grün) und sind im Curriculum nicht als Schwerpunkt geführt. Sie tauchen in den Übungsaufgaben und in der Beispielklausur nicht auf. Trotzdem nicht überspringen: In der Klausur ist ein nicht-programmierbarer Taschenrechner zugelassen, und die Beispielklausur enthält mit der ABC-Analyse bereits eine Rechenaufgabe (12 Punkte). Eine Andler-Rechenaufgabe ist damit nicht ausgeschlossen. Aufwand-Nutzen-Empfehlung: die beiden Formeln sicher können, den Rechenweg einmal durchziehen, mehr nicht.
Die nachfolgenden Formeln sind Standardformeln der Materialwirtschaft (Kummer/Grün); die Zahlenbeispiele sind eigene Belegungen zum Nachvollziehen des Rechenwegs.
10.1 Bestandsgrenzen
Die Bestandsgrenzen beantworten zwei Fragen: Wann wird bestellt (Meldebestand) und wie viel darf maximal im Lager liegen (Höchstbestand). Der Sicherheitsbestand ist die Puffergröße dazwischen.
| Größe | Bedeutung | Formel |
|---|---|---|
| Sicherheitsbestand (Mindest-, eiserner Bestand) | Puffer gegen Verbrauchsschwankungen und Lieferverzug. Er wird planmäßig nicht angetastet und ist die Antwort auf unsichere Wiederbeschaffungszeit und schwankenden Bedarf. | wird festgelegt, z. B. Tagesverbrauch × Sicherheitszeit |
| Meldebestand (Bestellpunkt) | Bestand, bei dessen Unterschreiten die Bestellung ausgelöst wird, und zwar so, dass die Ware eintrifft, bevor der Sicherheitsbestand angebrochen wird. | Meldebestand = Sicherheitsbestand + (Tagesverbrauch × Wiederbeschaffungszeit) |
| Höchstbestand | Obergrenze; begrenzt Kapitalbindung, Lagerfläche und Überalterungsrisiko. | Höchstbestand = Sicherheitsbestand + Bestellmenge |
| Durchschnittsbestand | Rechengröße für die Lagerhaltungskosten. | Ø-Bestand = Sicherheitsbestand + Bestellmenge ÷ 2 |
Eigenes Rechenbeispiel: Jahresbedarf 12.000 Stück bei 250 Arbeitstagen → Tagesverbrauch 48 Stück. Wiederbeschaffungszeit 10 Arbeitstage, Sicherheitsbestand 300 Stück, Bestellmenge 600 Stück.
- Meldebestand = 300 + (48 × 10) = 780 Stück; bei 780 Stück muss bestellt werden.
- Höchstbestand = 300 + 600 = 900 Stück
- Durchschnittsbestand = 300 + 600 ÷ 2 = 600 Stück
Verbindung zu Kapitel 4: Hier wirken die einkäuferischen Vergleichsfaktoren kostenwirksam. Eine lange oder unzuverlässige Lieferzeit erhöht Wiederbeschaffungszeit und nötigen Sicherheitsbestand, damit unmittelbar auch Kapitalbindung und Lagerhaltungskosten. Das ist die rechnerische Untermauerung des Befundes, die Vergleichsfaktoren hätten „direkten Bezug zu den Lagerhaltungs-, Fehlmengen-, Bestellabwicklungs- und Anschaffungskosten".
10.2 Optimale Bestellmenge (Andler)
Das Grundproblem: zwei gegenläufige Kostenblöcke.
- Bestellabwicklungskosten (bestellfixe Kosten je Vorgang): Je größer die Bestellmenge, desto seltener wird bestellt → sinken je Stück.
- Lagerhaltungskosten (Kapitalbindung, Fläche, Versicherung, Schwund): Je größer die Bestellmenge, desto höher der Durchschnittsbestand → steigen.
Die optimale Bestellmenge ist die Menge, bei der die Summe beider Kostenblöcke ihr Minimum erreicht, rechnerisch genau dort, wo Bestell- und Lagerhaltungskosten gleich groß sind.
Andler-Formel:
| Symbol | Bedeutung |
|---|---|
| optimale Bestellmenge (Stück je Bestellung) | |
| Jahresbedarfsmenge (Stück) | |
| bestellfixe Kosten je Bestellvorgang (EUR) | |
| Einstandspreis je Stück (EUR) | |
| Lagerhaltungskostensatz (als Dezimalzahl, z. B. 0,20 für 20 %) |
Hinweis zur Schreibweise: Wird in Prozent eingesetzt (z. B. 20 statt 0,20), lautet der Zähler 200 · M · KB statt 2 · M · KB. Beide Schreibweisen sind gebräuchlich; in der Klausur die verwendete Einheit dazuschreiben, dann ist der Rechenweg eindeutig.
Eigenes Rechenbeispiel: = 12.000 Stück/Jahr · = 80 EUR je Bestellung · = 25 EUR/Stück · = 20 % = 0,20.
Probe (zeigt, dass das Optimum getroffen ist): Bestellhäufigkeit = 12.000 ÷ 620 ≈ 19,4 Bestellungen/Jahr.
- Bestellkosten = 19,4 × 80 EUR ≈ 1.549 EUR
- Lagerhaltungskosten = (620 ÷ 2) × 25 EUR × 0,20 ≈ 1.549 EUR
Beide Blöcke sind gleich groß: das ist das Kennzeichen des Optimums und die beste Kontrolle in der Klausur.
Kritik am Modell (gehört zu jeder vollständigen Antwort): Andler unterstellt einen konstanten, über das Jahr gleichmäßigen Bedarf, einen konstanten Preis ohne Mengenrabatte, unbegrenzte Lagerkapazität, sofortige Lieferung und keine Fehlmengen. Diese Annahmen treffen in der Praxis selten zu. Vor allem widerspricht die Modellprämisse „konstanter Preis" der zentralen Einkaufslogik der Mengenstaffel: sobald es Rabattstaffeln gibt, muss die Andler-Menge gegen die Staffelsprünge gerechnet werden. Das Ergebnis ist deshalb ein Richtwert, kein Sollwert.
Gelöste Übungsaufgaben
b) Welche Gefahren bringen nicht-rechenbare Vergleichsfaktoren mit sich?
c) Nennen Sie 6 wichtige Vergleichsfaktoren bei Mehrfaktorenvergleichen.
d) Woher stammen die Informationen zur Beurteilung der Vergleichsfaktoren?
e) Warum sind Scoring-Modelle beim Mehrfaktorenvergleich sehr gebräuchlich?
a) Beurteilung von Einfaktorenvergleichen
Beim Einfaktorenvergleich wird die Vergabeentscheidung anhand eines einzigen Vergleichsfaktors getroffen, in der Praxis fast ausnahmslos anhand des Einstandspreises. Das Verfahren ist damit schnell, transparent, ohne Ermessensspielraum und ohne Datenaufwand durchführbar; das Ergebnis ist eindeutig und gegenüber Dritten leicht zu begründen. Für C-Teile mit geringem Wertanteil und standardisierter Spezifikation ist es deshalb durchaus vertretbar und wirtschaftlich, weil der Bewertungsaufwand sonst höher wäre als der mögliche Vorteil.
Fachlich ist der Einfaktorenvergleich jedoch abzulehnen, sobald es um bedeutende Beschaffungsvorgänge geht. Die einkäuferischen Vergleichsfaktoren (Qualitätsniveau, Einstandspreis, Lieferzeit, Zuverlässigkeit, Kapazität, Service, Standort) haben direkten Bezug zu den Lagerhaltungs-, Fehlmengen-, Bestellabwicklungs- und Anschaffungskosten. Wer nur den Preis betrachtet, blendet also nicht „weiche" Kriterien aus, sondern echte Kostenblöcke:
- Eine lange oder unzuverlässige Lieferzeit erzwingt höhere Sicherheitsbestände → Lagerhaltungskosten.
- Terminverzug führt zu Produktionsstillstand oder Eilfracht → Fehlmengenkosten.
- Mängel erzeugen Reklamationen, Nacharbeit, Ausschuss → Qualitätskosten.
- Schlechter Service und häufige Rückfragen erhöhen den Bestellabwicklungsaufwand.
Das billigste Angebot ist deshalb häufig nur scheinbar das günstigste; das Kennzahlenverfahren macht genau diesen Effekt sichtbar, indem es aus 45,00 € Einstandspreis je nach Lieferantenleistung einen Vergleichspreis von 47,25 € bis 52,20 € macht. Hinzu kommt eine Verhaltenswirkung: Wenn Lieferanten wissen, dass nur der Preis zählt, optimieren sie den Angebotspreis und nicht ihre Leistung. Die Folge sind Billigangebote, Nachverhandlungen und sinkende Lieferantenqualität. Der Einfaktorenvergleich fördert damit kurzfristiges Preisdenken statt Lieferantenentwicklung.
Als Vorfilter oder für unkritische C-Teile ist der Einfaktorenvergleich brauchbar, für A-Teile und strategische Vergaben aber unzureichend. Dort ist der Mehrfaktorenvergleich mit Gewichtung die richtige Wahl.
b) Gefahren nicht-rechenbarer Vergleichsfaktoren
Nicht-rechenbare Faktoren sind solche, für die keine messbare Größe vorliegt: etwa Service, Image, Zuverlässigkeitseindruck, Innovationsfähigkeit oder die unternehmenspolitischen Faktoren (Konzernzugehörigkeit, Erfahrungswerte, Werbewert der Herstellermarke, „Golfplatz-Verbindung"). Daraus ergeben sich folgende Gefahren:
- Subjektivität und mangelnde Reproduzierbarkeit. Die Bewertung hängt vom einzelnen Einkäufer, seiner Erfahrung und seiner Sympathie ab. Zwei Einkäufer kommen bei demselben Angebot zu unterschiedlichen Punktzahlen; die Entscheidung ist nicht mehr sachlich determiniert.
- Scheingenauigkeit. Sobald aus „Service umfangreich" die Zahl 8 wird, sieht das Ergebnis exakt aus und verliert seinen Schätzcharakter. Die Zahl wird anschließend addiert, gewichtet und auf drei Nachkommastellen weiterverarbeitet. Die ursprüngliche Unschärfe ist im Ergebnis nicht mehr erkennbar.
- Manipulierbarkeit. Da die Bewertung im Ermessen liegt, lässt sich ein gewünschtes Ergebnis nachträglich herstellen: Man vergibt für den Wunschlieferanten beim „Service" zwei Punkte mehr, und die Rangfolge kippt. Die Entscheidung wird dann formal begründet, obwohl sie sachlich vorweggenommen war.
- Verdeckung sachfremder Motive und Compliance-Risiko. Nicht-rechenbare unternehmenspolitische Faktoren können persönliche Verflechtungen bemänteln. Das Stichwort „Golfplatz-Verbindung" steht genau dafür: das ist die Grenze zur Vorteilsannahme und damit ein Compliance-Thema (Kapitel 6).
- Fehlende Dokumentier- und Revisionsfähigkeit. Eine Bewertung, die sich nicht auf Belege stützt, hält einer internen Revision oder einer Vergabeprüfung nicht stand. Bei öffentlichen Auftraggebern wäre sie angreifbar.
- Entwertung des gesamten Angebotsvergleichs. Wird ein aufwendig erstellter Mehrfaktorenvergleich am Ende durch ein nicht begründetes unternehmenspolitisches Kriterium überstimmt, verliert das Verfahren seine Akzeptanz im Haus: der Aufwand war umsonst.
- Kompensationsproblem. Weil die Punkte additiv verknüpft werden, kann ein weich bewerteter Faktor eine harte, messbare Schwäche (z. B. 20 % Terminverzug) rechnerisch ausgleichen.
Gegenmaßnahme: Für nicht-rechenbare Faktoren Merkblätter zur Bewertung einsetzen (Beispiel Lieferzuverlässigkeit: „Termine werden immer eingehalten = 10 Punkte" … „sehr viele Terminverzögerungen = 3 Punkte"). Damit wird die Übersetzung verbaler Urteile in Zahlen standardisiert, nachvollziehbar und zwischen Einkäufern vergleichbar. Ergänzend: nicht-rechenbare Faktoren wo möglich durch messbare Ersatzgrößen ersetzen (statt „Zuverlässigkeit" die Quote verspäteter Lieferungen → Quotientenverfahren) und die Bewertung im Vier-Augen-Prinzip vornehmen.
c) Sechs wichtige Vergleichsfaktoren bei Mehrfaktorenvergleichen
Die einkäuferischen Vergleichsfaktoren (insgesamt sind es sieben, sechs davon genügen):
- Qualitätsniveau: Erfüllungsgrad der Spezifikation, Beanstandungsquote (z. B. I. vs. II. Wahl).
- Einstandspreis: Preis frei Empfangsort einschließlich Nebenkosten, abzüglich Rabatte und Skonti.
- Lieferzeit, also die Zeitspanne von der Bestellung bis zum Wareneingang.
- Zuverlässigkeit: Termintreue in der Vergangenheit (Quote verspäteter Lieferungen).
- Kapazität, verstanden als Fähigkeit, auch Bedarfsspitzen und Mehrbedarf abzudecken.
- Service: Umfang der Zusatzleistungen, also Beratung, Ersatzteilversorgung, Schulung, Rücknahme.
- (Siebter Faktor:) Standort mit Entfernung, Transportkosten, Zollraum und Reaktionszeit.
Wichtiger Zusatz für volle Punktzahl: Diese Faktoren haben direkten Bezug zu den Lagerhaltungs-, Fehlmengen-, Bestellabwicklungs- und Anschaffungskosten. Sie sind also kostenwirksam und nicht bloß qualitative Nebenaspekte. Davon zu unterscheiden sind die unternehmenspolitischen Vergleichsfaktoren (Konzernzugehörigkeit, Priorisierung, Erfahrungswerte, Qualität, Geografie/Image, Werbewert einer Herstellermarke), die nicht aus der Beschaffungslogik, sondern aus Vorgaben der Unternehmensleitung stammen.
d) Herkunft der Informationen zur Beurteilung der Vergleichsfaktoren
Die Beurteilungsinformationen stammen aus drei Quellenkreisen:
1. Unternehmensinterne Quellen (wichtigste Basis, weil objektiv und kostenlos):
- Angebot und Anfrageunterlagen selbst: Preis, Menge, Qualität, Lieferzeit, Geschäftsbedingungen; sie sind die Grundlage der formellen Prüfung (angefragt vs. angeboten).
- Lieferantenhistorie aus dem ERP-System: Anzahl der Lieferungen, davon verspätet, davon beanstandet, davon mit Servicemangel. Diese Daten speisen das Quotientenverfahren.
- Wareneingangs- und Qualitätsprüfung: Prüfprotokolle, Beanstandungs- und Reklamationsstatistik.
- Terminkontrolle und Rechnungsprüfung liefern Termintreue und Abweichungen zwischen Bestellung, Wareneingang und Rechnung.
- Bedarfsträger und Fachabteilungen: Erfahrungen mit Verarbeitbarkeit, technischem Support, Reaktionszeiten.
- Preisstrukturanalyse und Kalkulationen des Einkaufs (in der Vergabeverhandlung ausdrücklich als Argument genannt, siehe Abschnitt 7.3).
2. Lieferantenseitige Quellen:
- Selbstauskünfte, Lieferantenfragebögen, Zertifikate (z. B. Qualitätsmanagement), Referenzlisten, Werksbesichtigungen und Lieferantenaudits, Muster und Erprobungslieferungen.
- Kritisch: Diese Angaben sind interessengeleitet und müssen verifiziert werden.
3. Externe Quellen (Beschaffungsmarktforschung, Kapitel 3):
- Auskunfteien und Bonitätsauskünfte, Geschäftsberichte, Branchen- und Marktstudien, Fachpresse, Messen, Verbände und Kammern, Internetrecherche sowie Erfahrungsaustausch mit anderen Unternehmen.
Rechenbare Faktoren kommen überwiegend aus eigenen Ist-Daten (ERP, Wareneingang, Qualitätsprüfung), nicht-rechenbare aus Einschätzungen interner Stellen und externer Quellen. Der Wert eines Angebotsvergleichs steht und fällt mit der Qualität dieser Datenbasis. Für Neulieferanten fehlt die Historie vollständig, weshalb Quotienten- und Kennzahlenverfahren dort nicht anwendbar sind.
e) Warum Scoring-Modelle beim Mehrfaktorenvergleich sehr gebräuchlich sind
Die drei Kennzeichen der Scoring-Modelle erklären ihre Verbreitung:
- Zahlenmäßige Benotung verbaler Ausdrücke. Das Kernproblem des Mehrfaktorenvergleichs ist, dass die Faktoren in völlig unterschiedlichen Dimensionen vorliegen: Der Preis in Euro, die Lieferzeit in Tagen, die Qualität als „II. Wahl", der Service als „umfangreich". Diese Größen lassen sich nicht direkt miteinander verrechnen. Scoring-Modelle lösen das, indem sie alles auf eine einheitliche Skala übersetzen (Punkte 1–10, Raten 0–1, Kennzahl um 1,000). Erst dadurch werden qualitative und quantitative Kriterien überhaupt gemeinsam auswertbar.
- Rationale Ebene. Die Entscheidung wird vom Bauchgefühl auf eine nachvollziehbare, dokumentierte und begründbare Grundlage gehoben. Das ist gegenüber Fachabteilung, Geschäftsleitung und interner Revision argumentierbar und erfüllt Compliance- und Dokumentationsanforderungen.
- Alle Vergleichsfaktoren additiv miteinander verknüpfbar machen. Sind die Faktoren einmal auf einer Skala, lassen sie sich addieren. Das Ergebnis ist eine einzige Kennzahl je Angebot, und die Rangfolge steht sofort fest. Es braucht keine komplexe Optimierung, sondern nur eine Summenspalte.
Hinzu kommen praktische Gründe:
- Einfachheit und Verständlichkeit: das Prinzip „Noten vergeben und addieren" versteht jeder Beteiligte ohne mathematische Vorkenntnisse.
- Flexibilität: beliebig viele Faktoren aufnehmbar, je Warengruppe unterschiedlich zusammenstellbar, durch Koeffizienten gewichtbar.
- IT-Unterstützung: die Rechenlogik ist trivial und lässt sich in Tabellenkalkulation, ERP oder E-Procurement-Systeme abbilden; ein weiterer Vorteil der getrennten Abarbeitung ist damit der „Einsatz von IT".
- Standardisierung und Delegierbarkeit: mit Merkblättern wird die Bewertung reproduzierbar und kann auf mehrere Bearbeiter verteilt werden.
- Vergleichbarkeit über die Zeit: dieselbe Systematik erlaubt Lieferantencontrolling und Zielvereinbarungen, nicht nur eine Einmalentscheidung.
Einschränkend zu erwähnen: Die additive Verknüpfung ist zugleich die Schwachstelle: sie unterstellt Gleichgewichtung und erlaubt Kompensation (eine gute Bewertung gleicht eine gravierende Schwäche rechnerisch aus). Deshalb wird in der Praxis das Koeffizientenverfahren ergänzt, und K.-o.-Kriterien werden vorgeschaltet.
1. Einordnung
Die Lieferantenkennzahl, auch „vendor rating system" oder Anbieterselektionssystem genannt, ist das dritte der drei Scoring-Modelle des Mehrfaktorenvergleichs (neben Punktungs- und Quotientenverfahren). Ihre Besonderheit: Sie liefert als Ergebnis keine dimensionslose Punktzahl, sondern einen Vergleichspreis in Euro.
2. Funktionsweise Schritt für Schritt
Schritt 1, Basiswert: Ausgangspunkt für jeden Lieferanten ist der Wert 1,000. Er steht für einen Lieferanten mit vollkommen vertragsgemäßer Leistung.
Schritt 2, Bewertung der einzelnen Vergleichsfaktoren: Für jeden Faktor (Termin, Qualität, Service …) existiert ein Bewertungskatalog:
- Strafpunkte für schlechte Leistungen werden addiert (Kennzahl steigt),
- Gutschriften für gute Leistungen werden subtrahiert (Kennzahl sinkt).
Beispielkatalog für die Lieferzuverlässigkeit:
| Sachverhalt | Punkte |
|---|---|
| Lieferung erfolgt > 4 Wochen zu früh | + 0,02 |
| Lieferung erfolgt 1 – 4 Wochen zu früh | + 0,01 |
| Lieferung erfolgt 0 – 1 Woche zu früh | 0,00 |
| Lieferung erfolgt 0 – 1 Woche zu spät | + 0,01 |
| Lieferung erfolgt 2 – 3 Wochen zu spät | + 0,05 |
| Lieferung erfolgt 4 – 6 Wochen zu spät | + 0,10 |
| Lieferung erfolgt > 6 Wochen zu spät | + 0,20 |
Bemerkenswert: Auch die zu frühe Lieferung wird bestraft, weil sie ungeplante Bestände und Kapitalbindung erzeugt. Nur das Fenster „0 – 1 Woche zu früh" ist neutral (0,00): es ist das Wunschverhalten des Einkaufs.
Schritt 3, Zusammenfassung zur Lieferantenkennzahl: Aus der Zusammenfassung aller Einzelwerte ergibt sich die Kennzahl als Maßstab der Leistungsfähigkeit des Lieferanten.
Schritt 4, Multiplikation mit dem Einstandspreis: Die Kennzahl wird mit dem Einstandspreis multipliziert; man erhält den Vergleichspreis. Gewählt wird der Lieferant mit dem niedrigsten Vergleichspreis.
3. Beispielrechnung
| Lieferant | Termin | Qualität | Service | Lieferantenkennzahl |
|---|---|---|---|---|
| A | + 0,200 | + 0,010 | − 0,050 | 1,160 |
| B | 0,000 | + 0,100 | + 0,010 | 1,110 |
| C | 0,000 | + 0,050 | 0,000 | 1,050 |
Kennzahl = 1,000 + Strafpunkte − Gutschriften
- A: 1,000 + 0,200 + 0,010 − 0,050 = 1,160
- B: 1,000 + 0,000 + 0,100 + 0,010 = 1,110
- C: 1,000 + 0,000 + 0,050 + 0,000 = 1,050
Vergleichspreis = Einstandspreis × Lieferantenkennzahl (Einstandspreis bei allen dreien 45,00 €)
- A: 45,00 € × 1,160 = 52,20 €
- B: 45,00 € × 1,110 = 49,95 €
- C: 45,00 € × 1,050 = 47,25 €
Ergebnis: Obwohl alle drei Lieferanten denselben Einstandspreis von 45,00 € verlangen, unterscheiden sich die Vergleichspreise um bis zu 4,95 €. Lieferant C erhält den Zuschlag. Die Kennzahl übersetzt Leistungsmängel damit unmittelbar in einen Preisaufschlag: A zahlt für seine massiven Terminprobleme (+ 0,200) faktisch 7,20 € Aufschlag je Einheit, seine gute Serviceleistung (− 0,050) gleicht davon nur einen kleinen Teil aus.
Anmerkung: Rechnerisch ergibt sich für Lieferant B ein Vergleichspreis von 49,95 € (45,00 × 1,110); in der Vorlesung wurde 49,75 € genannt. An der Rangfolge ändert das nichts.
4. Vorteile
- Wirtschaftlich interpretierbares Ergebnis. Als einziges der drei Scoring-Verfahren liefert die Lieferantenkennzahl keine abstrakte Punktzahl, sondern einen Euro-Betrag. „Lieferant A kostet uns effektiv 52,20 € statt 45,00 €" ist eine Aussage, die Fachabteilung, Controlling und Geschäftsleitung sofort verstehen und akzeptieren.
- Verknüpfung von Preis und Leistung in einer Zahl. Preis und Leistungsfähigkeit werden nicht nebeneinandergestellt, sondern multiplikativ verrechnet. Das entspricht der wirtschaftlichen Realität: Schlechte Leistung verteuert die Beschaffung tatsächlich (Fehlmengen-, Lager-, Qualitäts- und Abwicklungskosten).
- Sichtbarmachung des „scheinbar billigen" Anbieters. Das Verfahren widerlegt den Einfaktorenvergleich zahlenmäßig: Der Anbieter mit dem niedrigsten Angebotspreis kann nach Kennzahl der teuerste sein.
- Standardisierter, wiederverwendbarer Bewertungskatalog. Die Punkteraster (z. B. das Terminraster) sind einmal festgelegt und gelten für alle Lieferanten gleich: das macht die Bewertung reproduzierbar, delegierbar und über die Zeit vergleichbar.
- Differenzierte Abbildung auch der Frühlieferung. Anders als einfache Termintreuequoten erfasst der Katalog, dass zu früh ebenfalls ein Mangel ist. Dieses Detail berücksichtigt Kapitalbindung und Lagerkosten korrekt.
- Belohnung guter Leistung möglich. Durch die Gutschriften (Subtraktion) kann überdurchschnittliche Leistung honoriert werden: das Verfahren ist nicht rein sanktionierend.
- Grundlage für laufendes Lieferantencontrolling. Die Kennzahl eignet sich nicht nur für die einmalige Vergabeentscheidung, sondern auch für Lieferantenbewertung, Zielvereinbarungen und Lieferantenentwicklung („Kennzahl von 1,160 auf unter 1,050 senken").
- Gute IT-Eignung. Die Zuordnung von Ist-Werten zu Punkten und die anschließende Rechnung sind vollständig automatisierbar aus ERP-Daten.
5. Nachteile
- Willkürliche Festlegung der Punktwerte. Warum kostet „2 – 3 Wochen zu spät" gerade + 0,05 und nicht + 0,03 oder + 0,08? Die Höhe der Straf- und Gutpunkte ist in der Regel gesetzt und nicht empirisch aus tatsächlichen Fehlmengen- und Lagerkosten abgeleitet. Damit ruht das ganze Verfahren auf einer nicht belegten Annahme: das ist der Kern der Bedenken gegenüber dem Verfahren.
- Scheingenauigkeit. Die Darstellung mit drei Nachkommastellen (1,160) und die Ausgabe eines Vergleichspreises auf den Cent genau suggerieren eine Präzision, welche die Datenbasis und die willkürlichen Punktwerte nicht hergeben. Aus einer Schätzung wird optisch eine exakte Größe.
- Implizite, verdeckte Gewichtung. Es gibt keine ausgewiesenen Koeffizienten; die Gewichtung steckt versteckt in der Höhe der Punktwerte. Weil der Terminkatalog bis + 0,20 reicht, ein Servicekatalog vielleicht nur bis + 0,02, wirkt Termintreue zehnmal so stark. Wer die Kataloge entwirft, entscheidet damit faktisch über das Vergabeergebnis, ohne dass dies transparent wäre.
- Manipulierbarkeit. Durch Anpassen der Punktekataloge lässt sich ein gewünschtes Ergebnis herstellen. Da die Kataloge selten hinterfragt werden, ist der Eingriff schwer erkennbar.
- Verzerrung durch die multiplikative Verknüpfung. Weil die Kennzahl mit dem Einstandspreis multipliziert wird, wirken identische Leistungsunterschiede bei teuren Teilen absolut viel stärker als bei billigen. Bei einem 5-€-Teil bedeutet eine Kennzahl von 1,160 einen Aufschlag von 0,80 €, bei einem 5.000-€-Teil 800 €, obwohl das Fehlverhalten dasselbe ist und die tatsächlichen Folgekosten nicht zwingend proportional zum Preis steigen.
- Setzt eine Leistungshistorie voraus. Für Neulieferanten liegen keine Termin-, Qualitäts- und Servicedaten vor; sie starten entweder mit dem neutralen Wert 1,000 (und erscheinen dadurch unrealistisch gut) oder können gar nicht bewertet werden. Das Verfahren zementiert damit den Lieferantenstamm und erschwert die Erschließung neuer Bezugsquellen.
- Hoher Einführungs- und Pflegeaufwand. Kataloge müssen erstellt, abgestimmt, gepflegt und die Ist-Daten fortlaufend erfasst werden. Für C-Teile steht dieser Aufwand in keinem Verhältnis zum Nutzen.
- Vergangenheitsbezug. Die Kennzahl bewertet, wie sich der Lieferant bisher verhalten hat. Strukturelle Veränderungen (neues Werk, neue Geschäftsführung, Kapazitätsausbau, Insolvenzrisiko) bildet sie nicht ab.
- Verdeckung der Ursachen. Eine Kennzahl von 1,160 sagt nicht, ob ein einmaliger Ausreißer oder eine dauerhafte Schwäche vorliegt. Für die Vergabeverhandlung, deren Ziel ausdrücklich die Beseitigung von Schwachstellen ist, muss ohnehin wieder auf die Einzelwerte zurückgegangen werden.
- Kompensation bleibt möglich. Eine Gutschrift beim Service kann einen gravierenden Terminmangel rechnerisch mildern, obwohl beide Sachverhalte für die Versorgungssicherheit nicht austauschbar sind.
6. Fazit
Die Lieferantenkennzahl ist das aussagekräftigste der drei Scoring-Verfahren, weil sie das Ergebnis in eine wirtschaftliche Größe übersetzt und damit die Schwäche des Einfaktorenvergleichs überzeugend widerlegt. Ihre Belastbarkeit steht und fällt jedoch mit der Herleitung der Punktwerte: Werden diese aus tatsächlichen Folgekosten kalibriert und die Kataloge dokumentiert und regelmäßig überprüft, ist das Verfahren ein starkes Steuerungsinstrument. Werden sie dagegen frei gesetzt, entsteht ein präzise aussehendes, aber im Kern willkürliches Ergebnis. Sinnvoll ist der Einsatz daher vor allem bei A-Teilen mit vorhandener Lieferantenhistorie, ergänzt um K.-o.-Kriterien und eine Plausibilisierung anhand der Einzelwerte.
a) Erläutern Sie, was darunter zu verstehen ist und was hierdurch bewirkt wird.
b) Welche anderen Aktivitäten können zur Unterstützung der durch „Job Rotation" verfolgten Zielsetzung ebenfalls eingesetzt werden?
c) Analysieren Sie kritisch, in wieweit sich Job Rotation und funktionsübergreifende Teams ausschließen.
a) Begriff und Wirkung
Job Rotation bezeichnet den planmäßigen, regelmäßigen Wechsel von Mitarbeitern zwischen verschiedenen Aufgabengebieten, im Einkauf konkret: den turnusmäßigen Wechsel der Zuständigkeit für Warengruppen, Materialgruppen oder Lieferanten. Ein Einkäufer betreut also nicht dauerhaft dieselben Lieferanten, sondern gibt sein Warengruppenportfolio nach einer festgelegten Frist (typischerweise zwei bis fünf Jahre) an einen Kollegen ab und übernimmt selbst ein anderes.
Wirkungen. Job Rotation ist ein Personalentwicklungsinstrument und verfolgt allgemein zwei Ziele: Qualifizierung und Wissensverbreiterung der Mitarbeiter einerseits, Unabhängigkeit und Kontrolle andererseits. Im Einkaufskontext steht dabei die Korruptionsprävention im Vordergrund, wegen der Ermessensspielräume bei der Vergabe und der engen Lieferantenkontakte; daneben wirkt sie ebenso als Personalentwicklung. Beide Stränge gehören in die Antwort:
1. Unabhängigkeit und Kontrolle (im Einkauf der vorrangige Zweck):
- Über die Jahre entstehen zwischen Einkäufer und Lieferant persönliche Bindungen. Genau das beschreibt der unternehmenspolitische Vergleichsfaktor „Golfplatz-Verbindung": Die Vergabeentscheidung wird nicht mehr von den einkäuferischen Vergleichsfaktoren getragen, sondern von der Beziehung. Der regelmäßige Wechsel unterbricht diese Bindungen, bevor sie sich verfestigen.
- Der Nachfolger sieht die Warengruppe mit frischem Blick und deckt Auffälligkeiten auf: überhöhte Preise, seit Jahren nicht neu ausgeschriebene Volumina, ungewöhnliche Nebenabreden, fehlende Dokumentation im Angebotsvergleich. Job Rotation wirkt damit zugleich als nachgelagerte Kontrolle.
- Allein die Erwartung des Wechsels wirkt präventiv: Wer weiß, dass ein Kollege seine Vorgänge in absehbarer Zeit übernimmt, dokumentiert sauberer und lässt sich weniger auf Gefälligkeiten ein.
2. Personalentwicklung und Organisation (der zweite, gleichrangig zu nennende Strang):
- Reduzierung von Abhängigkeiten (Klumpenrisiko Personal): Kein Einkäufer ist mehr der Einzige, der „seine" Warengruppe versteht. Krankheit, Kündigung oder Ruhestand gefährden die Versorgung nicht mehr.
- Wissensverbreiterung und Qualifizierung: Die Mitarbeiter lernen mehrere Beschaffungsmärkte, Materialgruppen und Verhandlungssituationen kennen; das erhöht ihre fachliche Breite und ihre Einsetzbarkeit.
- Methodentransfer: Gute Praktiken (z. B. ein sauber aufgesetztes Kennzahlenverfahren, ein bewährter Argumentationskatalog für Vergabeverhandlungen) verbreiten sich mit den Personen durch die Abteilung.
- Innovationsimpuls und Aufbrechen von Routinen: Neue Zuständige hinterfragen eingefahrene Lieferantenbeziehungen und lösen dadurch neue Anfragerunden, Marktanalysen und Preisverhandlungen aus.
- Motivation und Entwicklung: Der Wechsel wirkt gegen Monotonie und schafft Entwicklungsperspektiven ohne Beförderung.
Kehrseite (gehört zur vollständigen Antwort): Bei jedem Wechsel geht lieferanten- und produktspezifisches Erfahrungswissen verloren, das nicht dokumentiert ist. Es entstehen Einarbeitungszeiten, in denen die Verhandlungsposition schwächer ist, weil der neue Einkäufer die Kostenstrukturen des Lieferanten nicht kennt. Bei hochkomplexen technischen Warengruppen (z. B. Elektronik, Spezialchemie) kann der Wechsel deshalb kontraproduktiv sein. Der Erfahrungswert ist nicht umsonst selbst als unternehmenspolitischer Vergleichsfaktor gelistet: er hat auch einen legitimen Nutzen.
b) Andere Aktivitäten mit derselben Zielsetzung
Die verfolgte Zielsetzung ist Vermeidung persönlicher Verflechtungen, Sicherung objektiver Vergabeentscheidungen und Verbreiterung des Wissens. Die Frage lautet „welche anderen Aktivitäten"; eine geordnete, begründete Auswahl schlägt eine lange Liste. Diese acht decken alle drei Wirkrichtungen ab und genügen für die volle Punktzahl:
Organisation und Ablauf:
- Vier-Augen-Prinzip bei der Vergabe: Angebotsvergleich und Vergabeempfehlung werden von einer zweiten Person geprüft und gegengezeichnet.
- Funktionstrennung: Bedarfsanforderung, Bestellung, Wareneingang und Rechnungsfreigabe liegen bei verschiedenen Stellen. Gefordert ist genau diese Unterrichtung getrennter Stellen (Bedarfsträger, Terminkontrolle, Warenannahme, Rechnungsprüfung).
- Wertgrenzen und Unterschriftenregelung: ab bestimmten Auftragswerten entscheidet nicht mehr der einzelne Einkäufer.
- Pflicht zu mehreren Vergleichsangeboten und turnusmäßige Neuausschreibung von Rahmenverträgen; beides verhindert stillschweigende Dauervergaben.
Methode und System: 5. Standardisierte, dokumentierte Bewertungsverfahren: Punktungs-, Quotienten- und Kennzahlenverfahren mit Merkblättern machen die Entscheidung nachvollziehbar und entziehen sie dem freien Ermessen; Objektivierung durch Ist-Daten statt Benotung. 6. E-Procurement / elektronische Ausschreibungen und Auktionen (Kapitel 7): der persönliche Kontakt tritt zurück, der Ablauf wird lückenlos protokolliert; das sichert zugleich die Revisionsfähigkeit von Anfrage, Angebotsspiegel, Verhandlungsprotokoll und Vergabebegründung.
Compliance und Personal: 7. Verhaltenskodex mit Geschenke- und Einladungsregelung, regelmäßige Compliance-Schulungen, interne Revision mit Stichprobenprüfung von Vergabevorgängen und ein Hinweisgebersystem (Kapitel 6). 8. Job Enlargement / Job Enrichment sowie Tandem- und Patenmodelle mit gepflegter Lieferantenakte: Alternative, wenn ein vollständiger Wechsel fachlich nicht vertretbar ist; sichert zugleich das Erfahrungswissen unabhängig von der Person und mildert damit den Hauptnachteil der Job Rotation.
Vertiefung (nicht für die Klausurantwort nötig): Doppelbesetzung bei Lieferantenterminen · Urlaubsvertretung mit echter Übernahme der Vorgänge als „kleine Job Rotation" · Lieferantenaudits und Lieferantenbewertung im Team statt durch eine Person · Preisentwicklungs- und Lieferantenkonzentrationsanalysen als Auffälligkeitsprüfung.
c) Schließen sich Job Rotation und funktionsübergreifende Teams aus?
Kurzantwort: Nein, sie schließen sich nicht aus, stehen aber in einem realen Spannungsverhältnis, das aktiv gestaltet werden muss.
Funktionsübergreifende Teams (Cross-Functional Teams) sind dauerhafte oder projektbezogene Gruppen aus Einkauf, Entwicklung, Qualitätssicherung, Produktion, Logistik und Controlling, die gemeinsam Warengruppenstrategien, Lieferantenauswahl und Lieferantenentwicklung betreiben.
Argumente für einen Konflikt:
- Teamleistung braucht Kontinuität. Cross-funktionale Teams leben von eingespielter Zusammenarbeit, gegenseitigem Vertrauen und geteiltem Kontextwissen. Ein regelmäßiger Personalwechsel setzt die Teamentwicklung immer wieder zurück und kostet Anlaufzeit.
- Verlust technischer Tiefe. Im Team ist der Einkäufer der Vertreter der Beschaffungsmarkt-Expertise. Rotiert er alle zwei Jahre, kann er gegenüber Entwicklung und Qualitätssicherung fachlich nicht auf Augenhöhe argumentieren; sein Beitrag zum Team sinkt.
- Projektlaufzeiten passen selten zu Rotationszyklen. Ein Entwicklungsprojekt über vier Jahre verträgt keinen Zuständigkeitswechsel in der kritischen Phase der Lieferantenauswahl.
- Doppelter Beziehungsaufbau. Job Rotation zielt darauf, Beziehungen zu unterbrechen; funktionsübergreifende Teams zielen darauf, Beziehungen bewusst aufzubauen, nach innen zu den Fachbereichen und nach außen zu Systemlieferanten. Insofern wirken beide Konzepte an dieser Stelle gegenläufig.
Argumente gegen einen Ausschluss und für Ergänzung:
- Unterschiedliche Beziehungsrichtung. Job Rotation richtet sich gegen die verfestigte Zweierbeziehung Einkäufer–Lieferant. Funktionsübergreifende Teams stärken die interne Zusammenarbeit. Die eine Maßnahme adressiert also gerade nicht das, was die andere aufbauen will.
- Das Team ist selbst eine Korruptionsprävention. Wenn Lieferantenauswahl und -bewertung im Team erfolgen, entscheidet nie eine Person allein: das ist faktisch ein erweitertes Vier-Augen-Prinzip. Damit reduziert das Team den Bedarf an harter Rotation: Die Kontrollfunktion wird anders erreicht.
- Das Team ist der Wissensspeicher. Der zentrale Nachteil der Job Rotation, der Verlust des Erfahrungswissens, wird gerade durch das funktionsübergreifende Team aufgefangen: Technikwissen, Qualitätshistorie und Lieferantenerfahrung liegen verteilt bei Entwicklung, Qualitätssicherung und Logistik und gehen mit dem Wechsel des Einkäufers nicht verloren. Das Team macht Rotation überhaupt erst verkraftbar.
- Rotation erhöht die Teamqualität. Ein Einkäufer, der mehrere Warengruppen und Beschaffungsmärkte kennengelernt hat, bringt breitere Perspektive und Best Practices in das Team ein, statt nur die eingefahrene Sicht „seiner" Warengruppe zu vertreten.
Kritische Synthese: wie beides zusammengeht
- Rotationszyklus an Projekt- und Warengruppenlogik ausrichten: Wechsel zwischen Projekten, nicht mitten in laufenden Vergabeverfahren; längere Zyklen (drei bis fünf Jahre) für technisch komplexe A-Warengruppen, kürzere für standardisierte Volumina.
- Nach Risiko differenzieren: Konsequente Rotation dort, wo das Korruptionsrisiko hoch ist (hohe Auftragswerte, wenige Anbieter, große Ermessensspielräume, Dienstleistungen); Kontinuität dort, wo technische Tiefe entscheidet.
- Gestaffelte Rotation: Nie das ganze Team gleichzeitig wechseln, sondern versetzt; so bleibt in jedem Team Erfahrungswissen erhalten.
- Übergabe institutionalisieren: Strukturierte Übergabephase mit gemeinsamer Lieferantenrunde, gepflegte Lieferantenakte, dokumentierte Vergabehistorie und Bewertungsdaten (Kennzahlen-/Quotientenwerte) als Wissensträger.
- Ersatzmaßnahmen, wo Rotation nicht geht: Ist ein Wechsel fachlich nicht vertretbar, treten die unter b) genannten Instrumente an ihre Stelle: Vier-Augen-Prinzip, Doppelbesetzung bei Terminen, Revisionsstichproben, verpflichtende Neuausschreibung.
Job Rotation und funktionsübergreifende Teams verfolgen unterschiedliche, aber nicht unvereinbare Ziele. Sie schließen sich nur bei starrer, undifferenzierter Anwendung aus („alle rotieren alle zwei Jahre"). Richtig aufgesetzt, also risikodifferenziert, gestaffelt und mit institutionalisierter Übergabe, ergänzen sie sich sogar: Das Team trägt das Wissen, die Rotation die Unabhängigkeit.
a) Definieren Sie kurz die Begriffe „Multiple" und „Global Sourcing" und stellen Sie die jeweiligen Vorteile dar.
b) Wie wirkt sich das Ziel einer Minimierung der Anzahl der Lieferanten bei den in Teil a) genannten Sourcingstrategien aus?
a) Definitionen und Vorteile
⏱️ Antwortumfang beachten. Die Aufgabe sagt „Definieren Sie kurz" und „stellen Sie die jeweiligen Vorteile dar". Gefordert ist also je Strategie ein Definitionssatz plus die drei bis vier tragenden Vorteile, nicht eine erschöpfende Liste. Nachfolgend sind die ersten drei Vorteile je Strategie fett markiert: das ist die Klausurantwort, der Rest ist Vertiefung zum Verständnis. Die Definitionen in einem Satz: Multiple Sourcing = mehrere Bezugsquellen je Material (Abgrenzung über die Anzahl der Lieferanten), Global Sourcing = weltweiter Beschaffungsmarkt (Abgrenzung über den geografischen Suchraum). Dieser Unterschied in der Abgrenzungsdimension ist der Schlüssel für Teil b).
Multiple Sourcing = Beschaffung eines Materials bzw. einer Warengruppe bei mehreren Lieferanten gleichzeitig. Das Beschaffungsvolumen wird bewusst auf zwei oder mehr Anbieter aufgeteilt (z. B. 60 % / 40 %). Gegenbegriffe sind Single Sourcing (bewusst ein Lieferant) und Sole Sourcing (nur ein Anbieter am Markt verfügbar). Die Abgrenzung erfolgt über die Anzahl der Bezugsquellen je Material.
Vorteile des Multiple Sourcing (1 bis 3 fett = Klausurantwort):
- Versorgungssicherheit / Risikostreuung: fällt ein Lieferant aus (Brand, Streik, Insolvenz, Qualitätsproblem, Naturereignis), können die übrigen einspringen. Kein Produktionsstillstand, geringere Fehlmengenkosten.
- Wettbewerbsdruck bleibt erhalten, denn die Lieferanten stehen dauerhaft in Konkurrenz zueinander; das wirkt preisdämpfend und ist ein starkes Argument in der Vergabeverhandlung („starker Konkurrenzkampf der Lieferanten um Marktanteile", siehe Abschnitt 7.3).
- Vermeidung von Abhängigkeit: keine Monopolstellung eines Lieferanten, kein Machtungleichgewicht, keine Erpressbarkeit bei Preiserhöhungen.
Vertiefung (nur bei Zeitreserve): Kapazitäts- und Mengenflexibilität, denn Bedarfsschwankungen lassen sich verteilen · laufender Leistungsvergleich, der Quotienten- und Kennzahlenverfahren erst aussagekräftig macht · geringere Wechselkosten, weil eine zweite Quelle bereits qualifiziert ist.
Global Sourcing = weltweite, systematische Ausdehnung der Beschaffungsaktivitäten über die nationalen bzw. regionalen Grenzen hinaus. Der Beschaffungsmarkt wird international abgesucht; der Bezug erfolgt dort, wo weltweit die besten Konditionen erzielbar sind. Die Abgrenzung erfolgt über den geografischen Umfang des Beschaffungsmarktes (Gegenbegriffe: Local / Domestic Sourcing).
Vorteile des Global Sourcing (1 bis 3 fett = Klausurantwort):
- Kostenvorteile: Nutzung internationaler Faktorkosten- und Lohnkostenunterschiede, günstigerer Rohstoffzugang, Skaleneffekte großer internationaler Anbieter.
- Erweitertes Beschaffungsmarktangebot: Zugang zu Materialien, Technologien und Kapazitäten, die im Inland nicht oder nicht in ausreichender Menge verfügbar sind; damit auch Anschluss an internationale Technologieführer und deren F&E.
- Verschärfter Wettbewerb, denn inländische Anbieter geraten unter Preis- und Leistungsdruck; die eigene Verhandlungsposition verbessert sich spürbar.
Vertiefung (nur bei Zeitreserve): Qualitätsvorteile, wo die weltweit führenden Anbieter nicht im Inland sitzen · Risikostreuung über Währungs- und Wirtschaftsräume · Markterschließung, weil lokale Beschaffungspräsenz Absatzmärkte und Local-Content-Anforderungen stützen kann.
Zu ergänzen sind die Risiken (für die Bewertung in Teil b) wichtig): längere und unsicherere Lieferzeiten, höhere Transport-, Zoll- und Abwicklungskosten, Währungsrisiko, Sprach-, Rechts- und Kulturunterschiede, aufwendigere Qualitätssicherung, größere Distanz bei Reklamationen, politische Risiken. Zudem kann Global Sourcing der Praxisanforderung „alle Materialien müssen aus der EU kommen" direkt widersprechen.
b) Auswirkung des Ziels „Minimierung der Anzahl der Lieferanten"
Vorweg die Begründung des Ziels: Jeder zusätzliche Lieferant erzeugt Aufwand: Anfragen, Angebotsanalyse und -vergleich, Vergabeverhandlung, Bestellabwicklung, Qualifizierung, Auditierung, Bewertung, Stammdatenpflege, Rechnungsprüfung. Weniger Lieferanten bedeuten geringere Bestellabwicklungskosten, höhere Bündelungsvolumina je Lieferant (bessere Konditionen), intensivere Zusammenarbeit sowie deutlich weniger Aufwand bei der Lieferantenauswahl (vgl. die Frage nach „Möglichkeiten zur Reduzierung des Aufwandes bei der Lieferantenauswahl?" in Abschnitt 6).
Auswirkung auf Multiple Sourcing: direkter Zielkonflikt
Die Lieferantenminimierung steht dem Multiple Sourcing unmittelbar entgegen, denn Multiple Sourcing bedeutet definitionsgemäß mehrere Lieferanten je Material:
- Die Strategie wird in Richtung Dual oder Single Sourcing gedrängt. Konsequent zu Ende gedacht, hebt die Minimierung das Multiple Sourcing auf.
- Es entfallen genau die Vorteile, wegen derer die Strategie gewählt wurde: Versorgungssicherheit sinkt (kein Ausweichlieferant → steigendes Fehlmengenrisiko), Wettbewerbsdruck entfällt (der verbleibende Lieferant weiß, dass keine Alternative eingeführt ist), Abhängigkeit steigt (Machtverschiebung zum Lieferanten, schwächere Verhandlungsposition), Flexibilität bei Bedarfsspitzen sinkt.
- Auch der Angebotsvergleich leidet: Ohne aktive Zweitquelle fehlen Vergleichsdaten für Preis, Termintreue und Qualität. Die Preisrate des Quotientenverfahrens verliert ihren Referenzpunkt, das Preisbenchmark wird zur Schätzung.
Auflösung des Konflikts in der Praxis: Dual Sourcing als Kompromiss (genau zwei Quellen: Wettbewerb und Ausfallsicherung bei überschaubarem Aufwand); Differenzierung nach Materialbedeutung (Multiple Sourcing nur für versorgungskritische A-Teile und Engpassmaterialien, Single Sourcing für unkritische C-Teile); ungleiche Volumenaufteilung (z. B. 80/20, sodass der Zweitlieferant qualifiziert bleibt, ohne dass das Bündelungsvolumen wesentlich verwässert wird); qualifizierte Zweitquelle „auf Vorrat" (freigegeben und auditiert, aber ohne laufendes Volumen).
Auswirkung auf Global Sourcing: kein zwingender Konflikt, teilweise sogar Unterstützung
Global Sourcing macht keine Aussage über die Anzahl der Lieferanten, sondern über den geografischen Suchraum. Beide Ziele sind daher grundsätzlich vereinbar:
- Unterstützende Wirkung: Global Sourcing vergrößert den Kreis potenzieller Anbieter erheblich. Darunter finden sich große internationale Anbieter mit breitem Sortiment und hoher Kapazität, bei denen sich Volumina bündeln lassen, die im Inland auf mehrere kleine Lieferanten verteilt werden müssten. Ein weltweit ausgewählter Lieferant kann so mehrere bisherige ersetzen: Die Lieferantenzahl sinkt, die Konditionen verbessern sich. Global Sourcing kann die Minimierung also ermöglichen.
- Gegenläufige Wirkung, der Aufwand pro Lieferant steigt: Ausländische Lieferanten erfordern höheren Auswahl-, Qualifizierungs- und Betreuungsaufwand (Audits vor Ort, Sprache, Recht, Zoll, Qualitätsüberwachung, längere Reaktionswege). Wenn die Minimierung vor allem aus Aufwandsgründen verfolgt wird, wirkt Global Sourcing diesem Zweck teilweise entgegen: Weniger Lieferanten, aber jeder einzelne teurer in der Betreuung.
- Risikoverstärkung im Zusammenspiel mit der Minimierung: Hier entsteht die eigentliche Gefahr. Global Sourcing bringt ohnehin längere Lieferwege, höhere Transportzeiten und politische Risiken mit sich. Wird zusätzlich die Lieferantenzahl minimiert, kumulieren die Risiken: ein einziger weit entfernter Lieferant ohne Ausweichquelle. Ein Ausfall trifft dann besonders hart, weil weder eine Alternative bereitsteht noch die Distanz kurzfristige Nachlieferung erlaubt. Zusätzlich steigen die Sicherheitsbestände (Lagerhaltungskosten), was den Einspareffekt teilweise aufzehrt.
- Konflikt mit unternehmenspolitischen Vorgaben: Die Praxisanforderung „alle Materialien müssen aus der EU kommen" oder die unternehmenspolitischen Vergleichsfaktoren Geografie und Image können Global Sourcing begrenzen; dann steht für die Bündelung nur der kleinere regionale Anbieterkreis zur Verfügung.
Zusammenfassende Bewertung
| Strategie | Verhältnis zur Lieferantenminimierung | Konsequenz |
|---|---|---|
| Multiple Sourcing | Direkter Widerspruch: die Strategie beruht gerade auf mehreren Quellen je Material | Minimierung höhlt die Strategie aus: Versorgungssicherheit, Wettbewerb und Flexibilität gehen verloren → Kompromiss über Dual Sourcing, Differenzierung nach ABC/Versorgungsrisiko, ungleiche Volumensplits |
| Global Sourcing | Kein zwingender Widerspruch, teils förderlich (größere Anbieter, mehr Bündelungspotenzial), teils gegenläufig (höherer Aufwand je Lieferant) | Vereinbar, aber die Risikokumulation aus Distanz plus fehlender Zweitquelle muss abgesichert werden (Sicherheitsbestände, qualifizierte Ausweichquelle, ggf. regionale Zweitquelle neben dem globalen Hauptlieferanten) |
Die Lieferantenminimierung ist kein Selbstzweck, sondern ein Kostenziel, das gegen das Versorgungssicherheitsziel abgewogen werden muss. Deshalb wird sie in der Praxis materialgruppenspezifisch umgesetzt: aggressive Reduzierung bei unkritischen Standardteilen, bewusste Mehrquellenstrategie bei versorgungskritischen A-Teilen und Engpassmaterialien.