Trends im Einkauf
Status: ERARBEITET aus den Vorlesungsfolien (kein offizielles Lösungsblatt). Laut Curriculum nicht im Detail geprüft, Basiswissen genügt.
1. Generelle Trends
Leitsatz: „Nichts bleibt, wie es ist, und alles ist ständig in Bewegung!"
| Trend | Auswirkung auf den Einkauf | Beispiel |
|---|---|---|
| Internationalisierung / Liberalisierung | Beschaffungsmärkte werden global | Global Sourcing |
| Steigender Kostendruck, geringere Gewinnspannen | Einkauf muss Einsparungen liefern | — |
| Sinkende Fertigungstiefe | immer mehr Zukauf von Komponenten über Lieferanten | Boeing 787 (s. u.) |
| Steigende Komplexität + kürzere Produktlebenszyklen | häufigere Neuvergaben, schnellere Lieferantenwechsel | Automobilbranche |
| Kleinere Stückzahlen in vielen Varianten | mehr Teilenummern, mehr Verhandlungen | BMW: > 80 Varianten |
| Internet / Markttransparenz | Ausschreibungen als Online-Auktionen | e-Procurement |
| Technologische Innovationsschübe, KI | neue Warengruppen, neue Werkzeuge | KI in fast allen Branchen |
2. Qualitätsmanagement als „Waffe" zur Kostenreduzierung
Grundgedanke: Mit sinkender Fertigungstiefe bestimmt die eingekaufte Qualität die eigene Produktqualität.
- Mangelnde Qualität → Imageschaden durch fehlerhafte Produkte
- Bestandsreduzierung / Just-in-Time funktioniert nur bei maximaler Qualitätszuverlässigkeit
- Lieferanten mit guter, stabiler Qualität sind auf Dauer wesentlich günstiger als solche mit wiederkehrenden Qualitätsproblemen
Qualitätskosten: Fehlerkosten durch schlechte Qualität überschreiten die Fehlerverhütungskosten im Regelfall um ein Vielfaches. Ziel-Zustand: mehr Vorbeugung + Prüfung, dadurch deutlich weniger Fehlerkosten.
Je später ein Fehler entdeckt wird, desto schwieriger und teurer ist seine Korrektur.
Maßnahmen zur Fehlerverhütung (Auswahl):
| Ansatzpunkt | Maßnahmen |
|---|---|
| Lieferant | Auswahl, Förderung/Schulung, Zertifizierung, Audits (Lieferanten-, Produkt-, Prozessaudit) |
| Gemeinsam | Q-Prozess gemeinsam gestalten, PPM-Raten gemeinsam festlegen, Qualität „beweisen" lassen |
| Prüfung | Prüfverfahren + Prüfhäufigkeit festlegen, Wareneingangskontrollen, geeignete Prüfmittel |
| Produkt | Produktgestaltung/Design anpassen, FMEA beim Lieferanten prüfen |
FMEA (Failure Mode and Effects Analysis): untersucht das Produkt auf Erfüllung der im Pflichtenheft festgelegten Funktionen und sammelt + bewertet Fehlermöglichkeiten, die zur Nichterfüllung führen.
Beispiel: Qualitätsmängel bei der Boeing 787
Die Boeing 787 dient als Paradebeispiel für geringe Fertigungstiefe: ein sehr großer Teil der Komponenten kommt von Zulieferern. Qualitätsmängel bei angelieferten Teilen schlagen deshalb direkt auf Endprodukt, Termine und Image durch (Quelle: Handelsblatt.de / Composites.com).
3. Nachhaltigkeit im Einkauf / Green Procurement
Im Kern geht es um die Verantwortung des Einkaufs für die Einhaltung ökologischer und ethischer Standards, und zwar über den gesamten Produktlebenszyklus, verankert in Unternehmens- und Einkaufsrichtlinien.
| Ursache für Green Procurement | Konkret |
|---|---|
| 1. Sensibilisierung der Gesellschaft für Umweltthemen | ökologische + soziale Aspekte bei der Auftragsvergabe |
| 2. Verschärfung gesetzlicher Auflagen | hohes Strafmaß, juristische + moralische Mitverantwortung |
| 3. Ressourcenknappheit, höhere Rohstoff-/Energiekosten | sorgsamer Ressourcenumgang ist renditewirksam |
Zukünftige Handlungsfelder des Einkaufs:
- Kosten der Umweltschonung einkalkulieren
- Gesamtkostenbetrachtung inkl. Recycling und Entsorgung
- Soziale Auswirkungen einkalkulieren (kein Kinderarbeit, Menschenrechte, gerechter Lohn)
- „Green Label Purchasing" auch auf Anbieter-/Produktseite platzieren
- Entsorgungssicherheit, Rohstoffrückgewinnung, transparente Warenströme, Frachtoptimierung
Beispiel MARS: ab 2020 nur noch Kakao aus nachhaltiger Produktion; Partnerschaft mit der Rainforest Alliance (Ziel: 100.000 t Rainforest-Alliance-zertifiziert + 100.000 t UTZ); Engagement gegen Kinderarbeit; Unterstützung sozialer Initiativen (Arbeitsbedingungen der Kleinbauern, Schulbildung der Kinder).
4. Einkauf 4.0
Industrie 4.0 = 4. industrielle Revolution. Definition (Kleemann/Glas 2017): „Konsequente und allumfassende Digitalisierung und Vernetzung von Produkten, Wertschöpfungsketten, Geschäftsmodellen."
Konstitutive Bestandteile: Kommunikation in Echtzeit · mehrstufige Vernetzung · intelligente Systeme.
Technologien (Status Quo): 3D-Druck / additive Fertigung · Virtual & Augmented Reality · Internet of Things · Cloud Services · Big Data Analytics · Künstliche Intelligenz. Treiber: die Kosten dieser Technologien sind extrem gesunken (z. B. 3D-Drucker 2007–2014 um Faktor 400, DNA-Analyse in 7 Jahren um Faktor 10.000).
Auswirkungen auf die Kernaufgaben des Einkaufs:
| Kernaufgabe | Veränderung durch 4.0 |
|---|---|
| Bedarfsermittlung | vernetzte Produkte/Dienstleistungen als neue Beschaffungsobjekte, ggf. neue Warengruppen, Lieferanten-Innovationen einbinden |
| Beschaffungsmarktforschung | Echtzeit-Daten (Big Data Analytics), hochvalide Prognosen |
| Make or Buy | Entscheidungshilfen bei strategischen Fragen via Big Data |
| Vertrag / Bestellabwicklung | Bedarfsübermittlung und Nachbestellung zeitgleich, System analysiert Bedarfsverläufe und löst selbständig Bestellungen aus |
| Strategisches Einkaufsmanagement / Controlling | Potenzial + strategische Bedeutung über Big Data bestimmt |
Umsetzungsmöglichkeiten: automatisierte Bestellprozesse · Vergabeentscheidungen bei Ausschreibungen · professionelles Risikomanagement. Veränderungen: Make-or-Buy durch 3D-Druck · Einkauf von Lizenzen zum Nachbau · Vorprodukte digital angereichert (embedded Software) · Impulse für die eigene Produktentwicklung · Produkt-Service-Kombinationen statt rein physischer Produkte · veränderte Lieferantenbasis. SCM-Bezug: Individualisierung von Kundenwünschen → kleinste Mengen zu Serienkosten, unternehmensübergreifende Vernetzung. Der Einkauf ist die Schnittstelle zur Zusammenarbeit mit den Lieferanten.
5. Ausblick
- Einkauf 4.0 wird integraler, strategisch hoch-relevanter Bestandteil von Industrie 4.0
- Automatisierungsgrad der Einkaufsprozesse steigt, Bestandsabgleiche entfallen
- Durchgängige Echtzeit-Vernetzung von Produktionsmaschine, Materialien (Objekten) und Lager
- Operative, taktische und strategische Einkaufsprozesse werden durch vernetzte, intelligente Systeme unterstützt oder sogar autonom abgewickelt (Cyber-Physische Systeme im Einkauf)
Dieses Kapitel ist laut Curriculum „(ex)", es wird also nicht im Detail abgefragt. Einordnen können sollte man trotzdem: (1) die generellen Trends, vor allem sinkende Fertigungstiefe → eingekaufte Qualität wird kritisch; (2) das Verhältnis Fehlerkosten ↔︎ Fehlerverhütungskosten (Fehlerkosten übersteigen Vorbeugung um ein Vielfaches) plus den Begriff FMEA; (3) Green Procurement mit seinen drei Ursachen (Gesellschaft, Gesetze, Ressourcenknappheit); (4) Einkauf 4.0 als Digitalisierung/Vernetzung mit Big Data, automatisierten Bestellprozessen und autonomen Einkaufsprozessen.