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đŸ›ïž Aktienrente

FINA — Finanzwirtschaft · Prof. Rohleder · 90 P · stark theorielastig

Aktienrente & Kapitalstock (Rechenaufgabe)

💡 FĂŒr Fachfremde — Begriffe & Formeln in Alltagssprache
  • Umlagefinanzierte Rente = das Geld, das die Arbeitenden heute einzahlen, wird sofort an die heutigen Rentner weitergegeben. Wie ein Eimer, in den die Jungen oben reinschĂŒtten und aus dem die Alten unten gleich wieder rausschöpfen. Es wird nichts gespart, es fliesst direkt durch.
  • BeitrĂ€ge = das monatliche Geld, das vom Lohn fĂŒr die Rente abgezogen wird. Wie ein fester Betrag, der jeden Monat automatisch vom Gehalt abgezwackt und in den Renten-Topf gelegt wird.
  • AN und AG = Arbeitnehmer (der Angestellte) und Arbeitgeber (die Firma/Chef). Beide zahlen zusammen in die Rente ein, so wie zwei Leute sich eine Rechnung teilen.
  • Demografische Entwicklung / demografieabhĂ€ngig = wie sich die Alters-Zusammensetzung der Bevölkerung verĂ€ndert, also wie viele Junge (die einzahlen) es im Vergleich zu Alten (die Rente bekommen) gibt. Wenn viele Rentner und wenige Arbeitende da sind, wird es eng, wie wenn wenige Leute die Kneipenrechnung von vielen bezahlen mĂŒssen.
  • Kapitaldeckung / Aktienrente = statt das Geld gleich wieder auszuzahlen, wird ein grosser Geld-Vorrat angelegt und vermehrt sich selbst. Nur die Gewinne daraus zahlen die Rente. Wie ein Obstbaum: der Baum bleibt stehen, man isst nur die FrĂŒchte jedes Jahr.
  • Kapitalstock = der grosse gesparte Geldberg, der angelegt bleibt und arbeitet. Wie ein grosses Sparschwein, das man nie schlachtet, sondern nur die Zinsen davon abschöpft.
  • Kapitalmarkt (Aktien/Anleihen) = der Ort, wo man Geld anlegt, damit es mehr wird. Aktien = kleine Anteile an Firmen (man ist Mit-Besitzer und profitiert wenn die Firma gut lĂ€uft). Anleihen = man leiht jemandem (z.B. dem Staat) Geld und bekommt feste Zinsen zurĂŒck, wie ein Kredit den man selbst vergibt.
  • ErtrĂ€ge / ErtrĂ€ge = die Gewinne, die der angelegte Geldberg jedes Jahr abwirft. Wie die Zinsen, die aufs Sparkonto oben draufkommen, ohne dass man das Ersparte selbst anfasst.
  • Rendite = wie viel Prozent Gewinn das angelegte Geld pro Jahr bringt. Beispiel: 5 % Rendite heisst, aus 100 Euro werden in einem Jahr 5 Euro Gewinn. p. a. = 'pro Jahr' (lateinisch per annum), also jedes Jahr aufs Neue.
  • Ewige Rente / Barwert = ein Geldberg, der so gross ist, dass seine jĂ€hrlichen Gewinne fĂŒr immer eine bestimmte Zahlung decken, ohne dass der Berg selbst kleiner wird. Barwert = was dieser 'fĂŒr-immer-Strom' heute an Geld wert ist, also wie viel man heute hinlegen muss, damit ewig genug rauskommt.
  • Die Formel Kapitalstock = jĂ€hrlicher Bedarf Ă· Rendite: Man teilt den Betrag, den man jedes Jahr braucht, durch die Prozentzahl (als Kommazahl). Beispiel: brauche ich 5 Euro pro Jahr und mein Geld bringt 5 % (= 0,05), dann 5 Ă· 0,05 = 100 Euro muss ich hinlegen. Je weniger Gewinn (Rendite), desto grösser muss der Berg sein.
  • Kehrwert = die Zahl umgedreht: aus 5 % (0,05) wird 1 geteilt durch 0,05 = 20. 'Kehrwert der Rendite mal Bedarf' heisst also einfach: Bedarf mal 20. Beides ist dasselbe wie durch 0,05 teilen, nur anders ausgedrĂŒckt.
  • Teilweise Kapitaldeckung = nur ein Teil der Rente kommt aus dem angelegten Geldberg, der grosse Rest bleibt das alte Umlage-System. Wie wenn man eine Rechnung zum Teil bar und zum Teil mit Gutschein bezahlt.
  • Ampel-Koalition / Koalitionsvertrag = die damalige Regierung aus drei Parteien (nach ihren Farben Rot-Gelb-GrĂŒn 'Ampel' genannt); der Koalitionsvertrag ist ihr gemeinsames Arbeits-Vertrags-Papier, in dem steht, was sie machen wollen.
  • Bundesmittel / Bundeshaushalt = Geld des Staates. Der Bundeshaushalt ist der gesamte Geld-Plan des Staates fĂŒr ein Jahr, also wie das grosse Familien-Budget: was reinkommt und wofĂŒr es ausgegeben wird.
  • Bundeszuschuss zur Rentenversicherung = zusĂ€tzliches Steuergeld, das der Staat in die Rentenkasse gibt, weil die BeitrĂ€ge der Arbeitenden allein nicht reichen. Wie wenn die Eltern beim leeren Haushaltskonto der Kinder aushelfen und was drauflegen.
  • Anteil am Bundeshaushalt (15,8 %) = wie viel Prozent des gesamten Staatsgeldes fĂŒr diesen Rentenzuschuss draufgeht. Rechnung: 78,9 geteilt durch 498 = 0,158 = 15,8 %. Also von 100 Euro Staatsausgaben gehen fast 16 Euro allein in diesen einen Zuschuss.
  • Mrd. / Bio. = AbkĂŒrzungen fĂŒr riesige Zahlen. Mrd. = Milliarde = 1.000 Millionen (eine 1 mit 9 Nullen). Bio. = Billion = 1.000 Milliarden (eine 1 mit 12 Nullen). 1,578 Billionen sind also 1.578 Milliarden.
  • Ausgewogenes Portfolio / Asset-Allokation = eine gute Mischung aus verschiedenen Geldanlagen (etwas riskante Aktien, etwas sichere Anleihen), damit es im Schnitt stabil lĂ€uft. Asset-Allokation = die Aufteilung 'wie viel wovon'. Wie ein gemischter Obstkorb statt nur eine Sorte, damit nicht alles auf einmal schlecht wird.
  • Die Pointe (Faktor 158 / Tropfen auf den heissen Stein): Um den ganzen Zuschuss von 78,9 Mrd. nur aus Gewinnen zu zahlen, brĂ€uchte man 1.578 Mrd. angelegt. Geplant waren aber nur 10 Mrd. Das ist rund 158-mal zu wenig. Aus 10 Mrd. bei 5 % kommen nur 0,5 Mrd. Gewinn im Jahr, gebraucht werden 78,9 Mrd. Deshalb bringt das kaum was, wie ein Fingerhut Wasser gegen einen Waldbrand.
  • 2 NKS = 'zwei Nachkommastellen', also auf zwei Ziffern hinter dem Komma genau gerechnet (z.B. 15,84 statt 15,8437...). Einfach: nach dem Komma nur zwei Stellen stehen lassen.

FINA – Finanzwirtschaft (Prof. Rohleder, TH Bingen). Rechenaufgabe zur kapitalgedeckten Altersvorsorge. Selbst nachgerechnet (2 NKS).


Konzept-Intro

Umlagefinanzierung vs. Kapitaldeckung

  • Umlagefinanzierte Altersrente: Die aktuellen BeitrĂ€ge der ErwerbstĂ€tigen (Arbeitnehmer + Arbeitgeber) finanzieren unmittelbar die Renten der heutigen Rentner. Stark abhĂ€ngig von der demografischen Entwicklung (VerhĂ€ltnis ErwerbstĂ€tige : Rentner). Basis der gesetzlichen Rentenversicherung in Deutschland.
  • Kapitaldeckung / „Aktienrente“: Ein Kapitalstock wird am Kapitalmarkt (Aktien/Anleihen) angelegt; die ErtrĂ€ge finanzieren (teilweise) die Rente.

Kapitalstock-Formel (ewige Rente / Ertragsdeckung)

Kapitalstock=jÀhrlicher FinanzierungsbedarfRendite\text{Kapitalstock} = \frac{\text{jÀhrlicher Finanzierungsbedarf}}{\text{Rendite}}

Der Kapitalstock, dessen laufender Ertrag einen jÀhrlichen Bedarf dauerhaft deckt, ist der Kehrwert der Rendite mal dem Bedarf (Barwert einer ewigen Rente).


Aufgabe (19.07.2022, Aufg. 4 · 14 P) — Aktienrente

Original-Abbildung der Klausuraufgabe (Scan)
Abbildung 2 der Aufgabenstellung Aktienrente

Kontext (Artikel focus.de, 22.01.2022): Die Ampel-Koalition will in einem ersten Schritt zehn Milliarden Euro aus Bundesmitteln in einen Kapitalstock (Aktien + Anleihen) fĂŒr eine teilweise Kapitaldeckung der gesetzlichen Rentenversicherung anlegen.

a) (4 P) Konzept der umlagefinanzierten Altersrente

Die aktuellen Rentenzahlungen werden durch die BeitrÀge der erwerbstÀtigen Bevölkerung finanziert:

  • BeitrĂ€ge der ErwerbstĂ€tigen: AN und AG zahlen monatlich in die Rentenversicherung ein.
  • Zahlungen an Rentner: Die BeitrĂ€ge werden unmittelbar zur Finanzierung der aktuellen Renten verwendet.

Das System ist stark demografieabhĂ€ngig: ein hoher Anteil ErwerbstĂ€tiger sichert die Finanzierung; eine alternde Bevölkerung (mehr Rentner, weniger ErwerbstĂ€tige) belastet das System. Gegenmaßnahmen: höheres Renteneintrittsalter, Beitragssatzanpassung, zusĂ€tzliche Finanzierungsquellen.

b) (4 P) Bundeszuschuss zur Rentenversicherung 2021

  • BundeszuschĂŒsse an die allgemeine Rentenversicherung 2021: ≈ 78,9 Mrd. €
  • Bundeshaushalt 2021: ≈ 498 Mrd. €
  • Anteil am Bundeshaushalt: ≈ 15,8 %

Verifikation: 78,9 / 498 = 0,15843 = 15,84 % ✓ (Musterlösung: 15,8 %)

[prĂŒfen] — GrĂ¶ĂŸenordnung: Die Zahlen sind plausibel, aber grobe SchĂ€tzwerte. Je nach Quelle lag der Bundeszuschuss 2021 bei rund 80–106 Mrd. € (inkl. zusĂ€tzlichem/erhöhtem Zuschuss) und der Bundeshaushalt 2021 (Ist, corona-bedingt) deutlich ĂŒber 498 Mrd. €. FĂŒr die Aufgabenlogik (SchĂ€tzung + Rechenweg) ist der Wert akzeptabel; als exakte Statistik nicht zitierfĂ€hig.

c) (4 P) Realistische Rendite des Kapitalstocks

Bei Anlage in Aktien und Anleihen:

  • Aktienrendite: langfristig ≈ 8 % p. a. (globale AktienmĂ€rkte)
  • Anleihenrendite: ≈ 3 % p. a. (Staatsanleihen)
  • Ausgewogenes Portfolio: ≈ 5 % p. a. (abhĂ€ngig von der Asset-Allokation)

d) (2 P) Erforderlicher Kapitalstock

Um den Bundeszuschuss von 78,9 Mrd. € allein durch KapitalertrĂ€ge zu finanzieren:

Kapitalstock=78,9Mrd. €0,05=1,578Billionen €\text{Kapitalstock} = \frac{78{,}9\ \text{Mrd. €}}{0{,}05} = 1{,}578\ \text{Billionen €}

Verifikation: 78,9 Mrd / 0,05 = 1.578 Mrd = 1,578 Bio. € ✓ (Musterlösung: 1,578 Billionen)

Pointe der Aufgabe: Der erforderliche Kapitalstock (≈ 1,578 Bio. €) liegt um den Faktor ≈ 158 ĂŒber den geplanten 10 Mrd. € aus dem Koalitionsvertrag. Das verdeutlicht, warum das „Aktien-Versprechen“ laut Artikel „nur ein Tropfen auf den heißen Stein“ bzw. ein „Bluff“ ist – der Ertrag von 10 Mrd. € bei 5 % wĂ€re lediglich 0,5 Mrd. € p. a., gegenĂŒber 78,9 Mrd. € Bedarf.


📜 Original-Klausuraufgaben aus den Altmeisterklausuren — gelöst

Rohleders eigener Wortlaut aus den Klausuren 2021 bis 2024. In FINA wiederholt er anders als in seinen ĂŒbrigen FĂ€chern keine Aufgaben wortgleich, sondern stellt zu denselben Themen neue Fragen. Der grĂŒne Block sichert deshalb jeweils das ganze Thema ab, nicht nur die gestellte Frage.

Aufgabe #429 · 14 P. · Aktienrente und die GrĂ¶ĂŸenordnung des nötigen Kapitalstocks · Original-AufgabenstellungQuelle: focus.de vom 22.01.2022, zuletzt abgerufen 2022-07-15. Die Koalition plant, in einem ersten Schritt zehn Milliarden Euro aus Bundesmitteln als Kapitalstock in Aktien und Anleihen anzulegen, um die gesetzliche Rente teilweise kapitalgedeckt zu finanzieren.
a) 4 P. ErlÀutern Sie das Konzept der umlagefinanzierten Altersrente!
b) 4 P. Wie hoch war der Bundeszuschuss zur Rentenversicherung 2021 ungefÀhr? Wie viel Prozent des Bundeshaushalts waren das?
c) 4 P. SchĂ€tzen Sie eine realistische Rendite des im Artikel genannten Kapitalstocks aus Bundesmitteln, wenn er wie geplant in Aktien und Anleihen investiert wird. BegrĂŒnden Sie Ihre SchĂ€tzung!
d) 2 P. Mit Ihren Ergebnissen aus b) und c): Wie groß hĂ€tte der Kapitalstock 2021 sein mĂŒssen, damit sein Ertrag ausgereicht hĂ€tte, um den Bundeszuschuss zur gesetzlichen Rente zu finanzieren?
Original-Abbildung der Klausuraufgabe (Scan)
Abbildung 1 der Aufgabenstellung Aktienrente

Verwendete Symbole

Symbol Bedeutung Wert
ZZ Bundeszuschuss an die gesetzliche Rentenversicherung 2021 78,90 Mrd. EUR
HH Bundeshaushalt 2021 (Ausgabevolumen) 498,00 Mrd. EUR
qq Anteil des Bundeszuschusses am Bundeshaushalt gesucht (b)
rr erwartete jÀhrliche Rendite des Kapitalstocks gesucht (c)
KK erforderlicher Kapitalstock gesucht (d)

a) 4 P. – Konzept der umlagefinanzierten Altersrente

⟹2⟩ Grundmechanik. Beim Umlageverfahren wird kein Kapital angespart. Die BeitrĂ€ge, die die heute ErwerbstĂ€tigen und ihre Arbeitgeber in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlen, werden unmittelbar – im Wesentlichen innerhalb desselben Monats – als Renten an die heutigen Rentnerinnen und Rentner ausgezahlt. Es findet also ein laufender Transfer von der aktiven Generation zur Rentnergeneration statt („Generationenvertrag"). Die Beitragszahler erwerben dadurch keinen Anspruch auf ein individuell fĂŒr sie angelegtes Guthaben, sondern lediglich Entgeltpunkte, die einen Anspruch auf einen Anteil an den kĂŒnftigen Beitragseinnahmen begrĂŒnden. Ein nennenswerter Kapitalstock existiert nicht; die NachhaltigkeitsrĂŒcklage betrĂ€gt nur wenige Wochen an Ausgaben.

⟹4⟩ Die entscheidende AbhĂ€ngigkeit. Weil die laufenden Ausgaben aus den laufenden Einnahmen bestritten werden, hĂ€ngt die TragfĂ€higkeit des Systems unmittelbar vom zahlenmĂ€ĂŸigen VerhĂ€ltnis zwischen Beitragszahlern und LeistungsempfĂ€ngern sowie von der Lohnentwicklung ab. Der demografische Wandel – geburtenstarke JahrgĂ€nge gehen in Rente, gleichzeitig sinkt die Zahl der ErwerbstĂ€tigen und steigt die Lebenserwartung – verschlechtert dieses VerhĂ€ltnis dauerhaft. Da nur an drei Stellschrauben gedreht werden kann (Beitragssatz erhöhen, Rentenniveau senken, Renteneintrittsalter anheben) und alle drei politisch unpopulĂ€r sind, wird die LĂŒcke faktisch ĂŒber einen wachsenden Zuschuss aus dem Bundeshaushalt geschlossen. Genau dieser Zuschuss ist der Gegenstand von Teilaufgabe b).

b) 4 P. – Bundeszuschuss 2021 und Anteil am Bundeshaushalt

⟹2⟩ Bundeszuschuss. Die ZuschĂŒsse des Bundes an die allgemeine gesetzliche Rentenversicherung lagen 2021 bei rund

Z=78,90 Mrd. EURZ = 78,90 \text{ Mrd. EUR}

Dabei handelt es sich um die Summe aus allgemeinem Bundeszuschuss, zusĂ€tzlichem Bundeszuschuss und Erhöhungsbetrag. Rechnet man die knappschaftliche Rentenversicherung und weitere rentenbezogene Bundesleistungen hinzu, kommt man je nach Abgrenzung auf ĂŒber 100 Mrd. EUR; fĂŒr die Aufgabe genĂŒgt die GrĂ¶ĂŸenordnung von rund 80 Mrd. EUR.

⟹3⟩ Bundeshaushalt. Das Ausgabevolumen des Bundeshaushalts 2021 lag in der hier zugrunde gelegten Abgrenzung bei

H=498,00 Mrd. EURH = 498,00 \text{ Mrd. EUR}

⟹4⟩ Anteil.

q=ZH=78,90498,00=0,1584=15,84%q = \frac{Z}{H} = \frac{78,90}{498,00} = 0,1584 = 15,84\ \%

Der Bundeszuschuss zur Rentenversicherung machte damit rund 15,8 Prozent des Bundeshaushalts aus – jeder sechste Euro des Bundes floss in die Rente. Das ist der mit Abstand grĂ¶ĂŸte Einzelposten des Haushalts und grĂ¶ĂŸer als die Etats fĂŒr Verteidigung, Bildung und Verkehr zusammen.

c) 4 P. – Realistische Rendite des Kapitalstocks (mit BegrĂŒndung)

Die Aufgabe verlangt eine begrĂŒndete SchĂ€tzung, keine exakte Zahl. Die BegrĂŒndung fĂŒhrt ĂŒber die beiden Anlageklassen und ihre Gewichtung.

⟹1⟩ Aktienbaustein. Global breit gestreute Aktienanlagen haben ĂŒber sehr lange ZeitrĂ€ume eine nominale Durchschnittsrendite von etwa 8 Prozent pro Jahr erbracht. Diese Rendite ist die VergĂŒtung fĂŒr das ĂŒbernommene Kursrisiko (RisikoprĂ€mie) und gilt nur im langfristigen Mittel; einzelne Jahre können zweistellig negativ ausfallen.

⟹2⟩ Anleihebaustein. Sichere Staatsanleihen guter BonitĂ€t liefern langfristig etwa 3 Prozent pro Jahr. Im Umfeld des Jahres 2022 lag die laufende Verzinsung sogar noch deutlich darunter; 3 Prozent ist bereits eine ĂŒber den Zyklus geglĂ€ttete, eher wohlwollende Annahme.

⟹4⟩ Portfoliorendite und BegrĂŒndung der Gewichtung. Da es sich um Bundesmittel handelt, die eine Sozialleistung absichern sollen, ist eine reine Aktienanlage politisch und haftungsrechtlich nicht darstellbar; umgekehrt wĂ€re eine reine Anleiheanlage sinnlos, weil sie kaum ĂŒber der Inflationsrate lĂ€ge. Realistisch ist ein ausgewogenes Mischportfolio mit etwa hĂ€lftiger Gewichtung. Damit ergibt sich als Erwartungswert

r=0,5⋅8,00%+0,5⋅3,00%=5,50%r = 0,5 \cdot 8,00\ \% + 0,5 \cdot 3,00\ \% = 5,50\ \%

FĂŒr die weitere Rechnung wird konservativ auf r = 5,00 Prozent pro Jahr abgerundet, weil von der Bruttorendite noch Verwaltungskosten abgehen und die Rendite nominal, also vor Inflation, zu verstehen ist. Real – nach Abzug einer Inflationsrate von rund 2 Prozent – blieben nur etwa 3 Prozent ĂŒbrig. Das ist bei der Beurteilung des Ergebnisses in d) mitzudenken.

d) 2 P. – Erforderlicher Kapitalstock

⟹1⟩ Ansatz. Der Kapitalstock soll den jĂ€hrlichen Zuschuss dauerhaft allein aus seinem laufenden Ertrag decken, ohne selbst verzehrt zu werden. Das ist die Barwertformel der ewigen Rente:

K=ZrK = \frac{Z}{r}

⟹2⟩ Berechnung und Ergebnis.

K=78,90 Mrd. EUR0,05=1.578,00 Mrd. EUR=1,578 Billionen EURK = \frac{78,90 \text{ Mrd. EUR}}{0,05} = 1.578,00 \text{ Mrd. EUR} = 1,578 \text{ Billionen EUR}

K≈1,58 Billionen EUR\boxed{K \approx 1,58 \text{ Billionen EUR}}

Einordnung – die Pointe der Aufgabe. Der geplante Kapitalstock von 10 Mrd. EUR erreicht rund 0,63 Prozent des erforderlichen Betrags; anders gesagt mĂŒsste er das 158-Fache betragen. Sein Ertrag belĂ€uft sich auf

10 Mrd. EUR⋅0,05=0,50 Mrd. EUR pro Jahr10 \text{ Mrd. EUR} \cdot 0,05 = 0,50 \text{ Mrd. EUR pro Jahr}

also 500 Millionen EUR gegenĂŒber einem Bedarf von 78,90 Mrd. EUR – das sind 0,63 Prozent des Bundeszuschusses. Der im Artikel geweckte Eindruck, die gesetzliche Rente werde nun teilweise kapitalgedeckt finanziert, ist damit rechnerisch nicht haltbar. Zum Vergleich: 1,58 Billionen EUR entsprechen etwa dem Dreifachen eines gesamten Bundeshaushalts und rund 44 Prozent der deutschen Jahreswirtschaftsleistung.

Über die geforderten Punkte hinaus

⟹+2⟩ Umlage gegen Kapitaldeckung – die Systemfrage sauber gegenĂŒbergestellt. Das Umlageverfahren ist demografieabhĂ€ngig, aber inflations- und kapitalmarktunabhĂ€ngig; es kommt ohne Anspardauer aus und konnte deshalb 1957 sofort wirken. Das Kapitaldeckungsverfahren ist demografisch robuster, dafĂŒr kapitalmarktabhĂ€ngig, inflationsanfĂ€llig und benötigt eine sehr lange Ansparphase. Der zentrale, oft ĂŒbersehene Punkt: Ein Umstieg vom Umlage- auf das Kapitaldeckungsverfahren erzeugt zwangslĂ€ufig eine doppelte Belastung einer Übergangsgeneration, die gleichzeitig die laufenden Renten der Altrentner tragen und den eigenen Kapitalstock aufbauen mĂŒsste. Genau daran scheitert die vollstĂ€ndige Umstellung, nicht an der Rendite.

⟹+3⟩ Weshalb „Aktienrente" der falsche Name ist. Das deutsche Modell ist eine kreditfinanzierte Kapitalanlage: Der Bund nimmt Schulden auf, legt das Geld am Kapitalmarkt an und hofft auf eine Rendite oberhalb seiner Refinanzierungskosten. Das ist ökonomisch nichts anderes als ein staatlicher Leverage-Effekt (siehe Financial Leverage) – mit demselben Risiko: Liegt die Kapitalmarktrendite unter dem Zins, den der Bund zahlt, entsteht ein Verlust, der wiederum aus Steuern zu decken wĂ€re.

⟹+4⟩ Das schwedische Vorbild (AP-Fonds) ist nicht vergleichbar. In Schweden fließt ein fester Anteil des Beitragssatzes (2,5 Prozentpunkte) in individuelle, kapitalgedeckte Konten. Das ist beitragsfinanziert und nicht kreditfinanziert, und es wurde ĂŒber Jahrzehnte aufgebaut. Wer das schwedische Modell zum Beleg heranzieht, muss diesen Unterschied benennen.

⟹+6⟩ SensitivitĂ€t des Ergebnisses aus d). Die GrĂ¶ĂŸenordnung ist robust gegenĂŒber der Renditeannahme, was das Argument stĂ€rkt:

Rendite rr Erforderlicher Kapitalstock K=Z/rK = Z/r
3,00 % 2.630,00 Mrd. EUR
4,00 % 1.972,50 Mrd. EUR
5,00 % 1.578,00 Mrd. EUR
7,00 % 1.127,14 Mrd. EUR

Selbst bei optimistischen 7 Prozent lÀgen die geplanten 10 Mrd. EUR noch um den Faktor 113 daneben. Die Aussage der Aufgabe hÀngt also nicht an der RenditeschÀtzung.

⟹+8⟩ Warum die Rechnung real, nicht nominal gefĂŒhrt werden mĂŒsste. Der Bundeszuschuss wĂ€chst mit den Löhnen und Renten, also mindestens mit der Inflation. Ein Kapitalstock, der nur seinen Nominalertrag ausschĂŒttet, verliert real an Substanz und deckt einen wachsenden Bedarf immer schlechter. Streng genommen mĂŒsste man deshalb mit der Realrendite rechnen: bei rreal = 3 Prozent ergĂ€be sich K=78,90/0,03=2.630K = 78,90 / 0,03 = 2.630 Mrd. EUR, also 2,63 Billionen EUR. Wer diesen Gedanken in der Klausur ergĂ€nzt, zeigt, dass er den Unterschied zwischen Nominal- und RealgrĂ¶ĂŸe verstanden hat – ein Punkt, auf den Rohleder in mehreren Aufgaben Wert legt.

⟹+9⟩ Die NachhaltigkeitsrĂŒcklage – der einzige „Kapitalstock", den es tatsĂ€chlich gibt. Die gesetzliche Rentenversicherung hĂ€lt eine Schwankungsreserve, die gesetzlich zwischen 0,2 und 1,5 Monatsausgaben liegen muss. Das sind bei Jahresausgaben von rund 360 Mrd. EUR höchstens etwa 45 Mrd. EUR – eine reine LiquiditĂ€tsreserve zum Ausgleich unterjĂ€hriger Schwankungen, kein Kapitalstock im Sinn der Kapitaldeckung. Wer sie als Beleg fĂŒr eine teilweise Kapitaldeckung anfĂŒhrt, verwechselt Puffer und Vorsorge.

⟹+10⟩ Wie der individuelle Rentenanspruch entsteht. Wer genau das Durchschnittsentgelt aller Versicherten verdient, erhĂ€lt fĂŒr ein Jahr einen Entgeltpunkt; die Summe der Entgeltpunkte wird mit dem aktuellen Rentenwert multipliziert. Daran wird die Umlagelogik unmittelbar sichtbar: Der Rentenwert wird jĂ€hrlich politisch beziehungsweise nach der Rentenanpassungsformel festgesetzt und hĂ€ngt von Lohnentwicklung und Beitragszahlerzahl ab – der Anspruch ist also keine feste Zusage ĂŒber einen Geldbetrag, sondern ein Anteil an kĂŒnftigen Einnahmen.

⟹+11⟩ Der norwegische Staatsfonds als echter Gegenentwurf. Norwegen legt Öl- und Gaseinnahmen in einem Fonds an, der inzwischen ein Vielfaches der jĂ€hrlichen Wirtschaftsleistung des Landes umfasst, und entnimmt jĂ€hrlich nur einen begrenzten Prozentsatz. Entscheidend fĂŒr den Vergleich: Der Fonds wurde aus ÜberschĂŒssen gespeist, nicht aus Krediten, und ĂŒber Jahrzehnte aufgebaut. Genau diese beiden Voraussetzungen fehlen im deutschen Fall.

⟹+12⟩ Der Bezug zur privaten Vorsorge. Die Rechnung aus Teilaufgabe d) lĂ€sst sich unmittelbar auf den Einzelnen ĂŒbertragen: Wer im Ruhestand monatlich 1.000 EUR aus KapitalertrĂ€gen beziehen will, benötigt bei 5 Prozent Rendite einen Kapitalstock von 12.000/0,05=240.00012.000 / 0{,}05 = 240.000 EUR, bei realistischeren 3 Prozent Realrendite 400.000 EUR. Dieselbe Formel, dieselbe ErnĂŒchterung – und das beste Argument fĂŒr einen frĂŒhen Sparbeginn.

⟹+14⟩ Das „Generationenkapital" als Nachfolgemodell. Der ursprĂŒngliche Plan wurde spĂ€ter zu einem kreditfinanzierten Fondsmodell weiterentwickelt, das ĂŒber mehrere Jahre auf eine mittlere dreistellige Milliardensumme anwachsen soll und dessen ErtrĂ€ge ab den 2030er-Jahren den Beitragssatz stabilisieren sollen. Auch damit Ă€ndert sich die GrĂ¶ĂŸenordnung des Ergebnisses aus d) nicht grundsĂ€tzlich: Ein Kapitalstock von 200 Mrd. EUR liefert bei 5 Prozent rund 10 Mrd. EUR pro Jahr – hilfreich zur DĂ€mpfung des Beitragssatzes, aber weit entfernt davon, den Bundeszuschuss zu ersetzen. FĂŒr die Klausur zĂ€hlt die Rechenlogik, nicht der jeweils aktuelle Gesetzesstand.

Rohleders Erwartung: Er will keine auswendig gelernte Zahl, sondern einen nachvollziehbaren SchĂ€tzweg: Zuschuss und Haushalt beziffern, Rendite ĂŒber die beiden Anlageklassen begrĂŒnden, dann die Kehrwertformel der ewigen Rente anwenden. Die Pointe – 10 Mrd. gegenĂŒber 1,58 Billionen – muss am Ende ausdrĂŒcklich benannt werden.