📚 LernsiteFach wählenKOLEFINAQUBAETFÜDIMAINFEINKMAEL ↗

ETFÜ U27 — Ethische Fallentscheidungen

ETFÜ · Unit-Dossier · ✅ quellenbelegt (1,0-Niveau)

ETFÜ U27 — Ethische Fallentscheidungen

⚡ Kurzform — zum Selbst-Formulieren (gegen Rohleders Kompass geprüft)
  • 7-Schritt-Raster: Bei jeder Fallaufgabe sichtbar abarbeiten: (1) Frage neutral fassen (tendenziöse Ausgangsformulierung entschärfen — 'wer paraphrasiert, bestimmt den Tonus'), (2) Perspektiven/Dimensionen (ökonomisch, ökologisch, sozial, rechtlich, politisch), (3) Fakten sammeln, (4) Stakeholder benennen, (5) ethische Prinzipien anlegen, (6) abwägen, (7) begründet entscheiden ('we agree to disagree'). Rohleder bewertet die Methode, nicht die 'richtige' Meinung — Fachbegriffe konkret am Fall anwenden, kein Geschwafel, eine Entscheidung treffen statt ausweichen.
  • Grundpositionen (Werkzeugkasten für Schritt 5): Tugendethik/Aristoteles = Charakter; Pflichtethik/Kant = Absicht+Maxime (deontologisch, Menschenwürde, Selbstzweckformel); Utilitarismus/Bentham+Mill = Folgen/Nutzen (teleologisch, aber 'blinder Fleck': einzelnes Menschenleben nicht gegen Mehrheitsnutzen aufrechenbar); Rawls = Gerechtigkeit der Regeln (Schleier des Nichtwissens + Maximin); Diskursethik/Habermas+Apel = Verfahren. Denkfehler benennen: Sein-Sollen-Fehlschluss ('haben wir immer so gemacht') und 'aus Pflicht' vs. bloß 'pflichtgemäß'. Rahmen: Wirtschaftsliberalismus (USA, kein Eingriff) vs. soziale Marktwirtschaft/Ordoliberalismus (DE, Leitplanken bei Marktversagen).
  • Angemessener Gewinn / Gekko: Neutralisieren — nicht 'Gier ja/nein', sondern 'legitimes nachhaltiges Gewinnstreben vs. schädliche Maximierung'. Zwei Gründe, warum AGs angemessene Gewinne brauchen: (1) Wettbewerb um Eigenkapital am Kapitalmarkt — Aktionäre riskieren Kapital, erwarten risikoadäquate Rendite, sonst Kapitalabzug/Kursverfall; (2) Substanzerhalt und Zukunftsfähigkeit (CAPEX, F&E aus dem Cashflow, nicht aus der Substanz ausschütten). Profitabilität (Marge, Gewinn/Umsatz) sauber von Rentabilität (Gewinn je eingesetztem Kapital, ROI/EKR) trennen. Fazit: angemessener Gewinn ist ethisch geboten; 'Gier' (kurzfristige Maximierung auf Kosten von Stakeholdern/Substanz) abzulehnen — Grenze = Nachhaltigkeit+Fairness, nicht die Gewinnhöhe.
  • Lieber reich und gesund (Rawls): Drei Ursachen der ~9 Jahre längeren Lebenserwartung Reicher: besserer Zugang zu Gesundheitsversorgung/Prävention, geringere körperliche/psychische Belastung + gesündere Lebensführung, besseres Wohnumfeld. Wirtschaftsliberalismus: Ungleichheit = legitimes Marktergebnis, Leistungsanreiz. Das entscheidende Rawls-Argument: Schleier des Nichtwissens + Maximin — Regeln so entwerfen, als wüsste man nicht, ob man arm oder reich geboren wird → man sichert selbst dem Ärmsten gute Gesundheit; Lebenschancen dürfen nicht von der 'Wiegenlotterie' abhängen (Gegenposition zum Utilitarismus, Grundgüter nicht verrechenbar).
  • Beamte in die Rentenkasse: Spannung Gleichheit/Gerechtigkeit vs. Vertrauensschutz/Alimentationsprinzip (Dienstherr sichert amtsangemessene Versorgung als Gegenleistung zum Streikrechtsverzicht). Rawls: hinter dem Schleier kaum ein Zwei-Klassen-System der Alterssicherung; Solidarität verbreitert die Beitragsbasis. Wirtschaftlichen Effekt mit plausiblen Annahmen schätzen (nicht auf exakte Zahlen fixieren): kurzfristig positiv (neue Beitragszahler → mehr Einnahmen), langfristig Bumerang, weil sie eigene Rentenansprüche erwerben (Umlagesystem). Als Diskursethik-Fall flaggen: Lastverschiebung auf künftige Generationen.
  • Weitere Fälle (Kurzraster): Subventionen — nur eng, degressiv/befristet bei echtem Marktversagen (Contra: 'wie eine Droge', Rent-Seeking, Wettbewerbsverzerrung). BASF China (Zhanjiang) — Marktzugang ja, aber heimischen Standort nicht 'ausbluten', faire Bedingungen beidseitig (Kant/License to Operate vs. Wettbewerbsfähigkeit/Brecht). 'Überbevölkerung' — fragwürdig als menschenfeindliches Framing (Wer ist 'zu viel'? → Nähe zu Sozialdarwinismus/Eugenik, Menschenwürde), legitim nur als ökologische Tragfähigkeitsfrage (Pro-Kopf-Konsum statt Kopfzahl). Immer Annahmen offenlegen und soziale Marktwirtschaft + Rawls explizit als Raster anlegen.
💡 Für Fachfremde — Ethik-Begriffe in Alltagssprache
  • Deontologisch / Pflichtethik (Kant) = Es kommt darauf an, ob eine Tat an sich richtig ist, egal was hinten rauskommt. Man fragt: Darf man das grundsätzlich tun? Beispiel: Nicht lügen, auch wenn die Lüge dir Ärger ersparen würde - Lügen ist einfach nicht in Ordnung.
  • Teleologisch / Utilitarismus (Bentham, Mill) = Umgekehrt: Es kommt nur auf das Ergebnis an. Richtig ist, was für möglichst viele Menschen das meiste Gute bringt. Beispiel: Wenn du eine Pizza unter Freunden aufteilst so, dass alle zusammen am glücklichsten sind, denkst du utilitaristisch.
  • Kategorischer Imperativ / Selbstzweckformel (Kant) = Behandle keinen Menschen bloß als Mittel zum Zweck, sondern immer auch als Menschen mit eigenem Wert. Beispiel: Du hilfst einem Kollegen nur, weil er dir später nützlich sein könnte - dann benutzt du ihn nur als Werkzeug. Falsch nach Kant.
  • Tugendethik (Aristoteles) = Hier zählt der Charakter des Menschen: Ist er ehrlich, anständig, verlässlich? Nicht die einzelne Regel steht im Mittelpunkt, sondern was für ein Mensch man ist. Beispiel: Der Bäcker, der seit 30 Jahren ehrlich wiegt, weil er einfach ein anständiger Kerl ist.
  • Stakeholder = Alle, die von einer Firma betroffen sind oder ein Interesse an ihr haben - nicht nur die Eigentümer. Beispiel: Bei einer Fabrik sind das die Mitarbeiter, die Kunden, die Nachbarn, die Lieferanten und die Stadt drumherum, nicht nur der Chef.
  • Rawls / Schleier des Nichtwissens = Ein Gedanken-Trick: Stell dir vor, du machst die Regeln für die Gesellschaft, weißt aber noch nicht, ob du selbst als Reicher oder als Armer geboren wirst. Dann machst du automatisch faire Regeln, weil es dich ja selbst treffen könnte. Beispiel: Wer einen Kuchen teilt, ohne zu wissen welches Stück er selbst bekommt, schneidet garantiert gerecht.
  • Maximin = Mach das schlechteste mögliche Los so gut wie möglich. Sorge zürst dafür, dass es dem Ärmsten noch anständig geht. Beispiel: Beim Regeln-Machen fragst du zürst: Wie geht es dem, der am wenigsten hat? - und sicherst den ab.
  • Diskursethik (Habermas) = Nicht eine einzelne Person entscheidet, was richtig ist - sondern alle Betroffenen reden fair miteinander und einigen sich. Der Weg (das Gespräch) ist entscheidend. Beispiel: Statt dass der Chef allein bestimmt, setzen sich alle an einen Tisch und diskutieren, bis eine Lösung für alle passt.
  • License to Operate = Die stille Erlaubnis der Gesellschaft, dass eine Firma überhaupt weitermachen darf. Nicht auf einem Papier, sondern im Ansehen. Beispiel: Wenn eine Firma den Fluss vergiftet, verliert sie das Vertrauen der Leute - und irgendwann will keiner mehr, dass sie da ist.
  • Blinder Fleck des Utilitarismus = Das Problem beim Denken 'Hauptsache das Gesamtergebnis stimmt': Dabei kann ein Einzelner geopfert werden, weil die Mehrheit profitiert. Aber ein Menschenleben darf man nicht gegen den Nutzen der Masse aufrechnen. Beispiel: Fünf Leute retten, indem man einen Unschuldigen opfert - das fühlt sich zu Recht falsch an.
  • Sein-Sollen-Fehlschluss = Nur weil etwas so IST oder immer so war, heißt das nicht, dass es so SEIN SOLL. Beispiel: 'Das haben wir schon immer so gemacht' ist kein Grund, dass es auch richtig ist - früher durften Frauen nicht wählen, das war auch mal 'normal'.
  • 'Aus Pflicht' vs. 'pflichtgemäß' (Kant) = Tust du das Richtige, weil es richtig ist - oder nur, weil es dir nützt? Beispiel: Ein Händler ist ehrlich, weil er sonst Kunden verlieren würde - das ist pflichtgemäß (er tut das Richtige), aber nicht aus echter Überzeugung. Nur aus Angst brav zu sein ist noch nicht moralisch.
  • Wirtschaftsliberalismus = Die Haltung: Der Staat soll sich aus der Wirtschaft raushalten, der Markt regelt alles selbst. Typisch für die USA. Beispiel: Preise, Löhne, alles sortiert sich von allein durch Angebot und Nachfrage - kein Eingreifen von oben.
  • Ordoliberalismus / soziale Marktwirtschaft = Die deutsche Haltung: Markt ja, aber der Staat setzt Leitplanken, wenn der Markt aus dem Ruder läuft. Beispiel: Es gibt freien Handel, aber auch einen Mindestlohn, damit niemand für einen Hungerlohn arbeiten muss. Wie eine Autobahn mit Leitplanken statt freier Wildbahn.
  • Marktversagen = Wenn der freie Markt allein ein Problem NICHT löst und der Staat einspringen muss. Beispiel: Saubere Luft bringt keiner Firma Geld, also kümmert sich niemand drum - da muss der Staat Regeln machen.
  • Profitabilität vs. Rentabilität = Zwei Arten, Erfolg zu messen. Profitabilität = wie viel bleibt vom Umsatz übrig (Gewinn aus dem Geschäft selbst). Rentabilität = wie gut sich das eingesetzte Geld verzinst. Beispiel: Ein Laden macht viel Gewinn (profitabel), aber wenn du eine Million reingesteckt hast und nur wenig zurückkommt, hat sich das Geld schlecht verzinst (unrentabel).
  • Eigenkapital / Aktionäre / risikoadäquate Rendite = Aktionäre sind Mit-Eigentümer einer Firma, die eigenes Geld reinstecken (Eigenkapital). Weil sie das Geld auch verlieren könnten (Risiko), wollen sie dafür einen anständigen Ertrag. Beispiel: Wenn du einem Freund Geld für sein Café gibst und dabei alles verlieren könntest, willst du bei Erfolg auch ordentlich was zurück - sonst legst du dein Geld lieber woanders an.
  • CAPEX / F&E / Substanzerhalt = CAPEX = größere Anschaffungen für die Zukunft (Maschinen, Gebäude). F&E = Forschung und Entwicklung (Neues erfinden). Substanzerhalt = die Firma nicht ausbluten, sondern gesund halten. Beispiel: Ein Bäcker muss vom Gewinn auch mal einen neuen Ofen kaufen - sonst steht er irgendwann ohne funktionierende Ausrüstung da.
  • Prinzipal-Agent-Problem = Wenn jemand für dich entscheidet, aber selbst andere Interessen hat als du. Beispiel: Der Manager einer Firma verdient auch dann gut, wenn er riskante Sachen macht, die den Eigentümern schaden - er spielt mit fremdem Geld, ohne selbst viel zu verlieren.
  • Alimentationsprinzip = Der Staat sorgt lebenslang für seine Beamten (auch im Ruhestand), dafür dürfen Beamte nicht streiken. Ein Geben und Nehmen. Beispiel: Wie ein Deal: 'Du bist immer verlässlich für uns da und streikst nie, dafür versorgen wir dich sicher bis ans Lebensende.'
  • Umlagesystem = Bei der Rente: Die Beiträge der heutigen Arbeiter zahlen direkt die heutigen Rentner - es wird nichts angespart. Beispiel: Wie ein Eimer, in den die Jungen einzahlen und aus dem gleichzeitig die Alten rausbekommen. Neue Einzahler helfen heute, wollen aber später selbst was rausholen.
  • Rent-Seeking = Wenn Firmen sich Vorteile beim Staat besorgen (z.B. Fördergeld), statt sie sich am Markt zu verdienen. Beispiel: Statt ein besseres Produkt zu bauen, gibt eine Branche viel Geld für Lobbyisten aus, damit der Staat ihr Zuschüsse zahlt.
  • Subventionen = Geld oder Vergünstigungen vom Staat, um eine Branche zu stützen. Kann helfen, kann aber auch abhängig machen. Beispiel: Wie ein Dauer-Taschengeld - kurz hilft es, aber wer sich dran gewöhnt, strengt sich vielleicht nicht mehr an.
  • Sozialdarwinismus / Eugenik = Gefährliche, menschenverachtende Ideen, dass manche Menschen 'weniger wert' oder 'zu viel' seien. Beispiel: Wenn jemand sagt, bestimmte Menschen seien 'überflüssig' - da ist die entscheidende Rückfrage: Wer bestimmt das, und mit welchem Recht?
  • Neutralisieren / tendenziös / paraphrasieren = Eine Frage tendenziös stellen heißt: schon in der Frage eine Meinung mitschwingen lassen. Neutralisieren = die Frage fair und ohne Schlagseite neu formulieren. Beispiel: 'Ist Gier gut oder böse?' ist gefärbt - fairer wäre 'Ab wann ist Gewinnstreben in Ordnung, ab wann schädlich?'. Wer die Frage umformuliert (paraphrasiert), bestimmt heimlich schon die Richtung der Antwort.
  • 'We agree to disagree' = Man einigt sich darauf, dass man sich nicht einig ist - und das ist okay. Beispiel: Zwei Freunde diskutieren über den besten Fußballverein, kommen nicht zusammen, geben sich aber die Hand: 'Wir sehen das eben verschieden.'

Modul: Wirtschaftsethik & Unternehmensführung · TH Bingen · B.Eng. Wirtschaftsingenieurwesen Prüfer: Prof. Dr. Andreas Rohleder Status: GEPRÜFT (quellenbelegt)

Quellenlage: Kein eigenes Kompass-Aufgabenblatt für U27 (Kompasse enden bei U25). U27 bündelt die ethischen Fallentscheidungen, die Rohleder in Vorlesung und Altklausur durchspielt. Grundlage: aufbereitetes Kapitel-Material Ethische Fallentscheidungen und Ethische Grundpositionen (aus Vorlesung/Folien verdichtet) sowie der Altklausur-Modellschlüssel 18.07.2025. Die Fälle „Angemessener Gewinn/Gekko“, „Lieber reich und gesund“, „Beamte in die Rentenkasse“ sind dort belegt. Diese Unit ist eine Methoden-/Anwendungs-Unit: Rohleder prüft nicht Wissen, sondern die strukturierte Argumentation am Fall — und wertet „KI-Geschwafel“ mit 0 Punkten.


0. Aufgabe / Charakter der Unit

Anwendung des ethischen Begriffsapparats (U04–U09) auf konkrete Fälle. Erwartet wird eine nachvollziehbare Argumentationskette mit den Fachbegriffen (License to Operate, Stakeholder, deontologisch/teleologisch, blinder Fleck, Schleier des Nichtwissens, Sein-Sollen-Fehlschluss) — angewandt auf den Fall, mit begründeter Entscheidung. Kein Ausweichen, kein Aufzählen ohne Abwägung.


A) Das Argumentationsraster für ethische Fälle (7 Schritte)

(a) ANTWORT

Jede Fallbewertung folgt derselben Struktur (angelehnt an Rohleders Methodik einer guten Diskussion, U06):

  1. Zielformulierung / Diskussionsgegenstand schärfen — Worum geht es genau? Die Ausgangsformulierung ist oft nicht neutral, sondern tendenziös (Rohleder: „Wer paraphrasiert, bestimmt den Tonus“ → Manipulationsgefahr). Erst die Frage neutral fassen.
  2. Perspektiven/Dimensionen entwickeln — welche Blickwinkel sind relevant (ökonomisch, ökologisch, sozial, rechtlich, politisch)?
  3. Fakten sammeln — belastbare Faktengrundlage, keine Behauptungen.
  4. Stakeholder identifizieren — wer ist betroffen/interessiert (traditionell + modern)?
  5. Ethische Prinzipien anlegen — deontologisch (Kant) vs. teleologisch (Utilitarismus), Rawls, Tugendethik, Diskursethik.
  6. Abwägen — Fakten vor dem Hintergrund der Zielformulierung bewerten, gegenüberstellen, priorisieren.
  7. Begründete Entscheidung treffen + „we agree to disagree“ festhalten.

Timeboxing. Zeitbudget je Schritt setzen; abbrechen, wenn nichts Neues mehr kommt. Gretchenfrage: „Hat jemand noch Argumente, die nicht gehört wurden?“

Basisdefinition Unternehmen (für Stakeholder-Fälle): eine zeitlich befristete Koalition verschiedener Interessengruppen mit gemeinsamen Zielen — macht die Stakeholder-Analyse anschlussfähig.

Rohleders Erwartung: Er will eigenständige, strukturierte Argumentation mit den Fachbegriffen — nicht „seitenweise inhaltsleeres Geschwafel“. Eine gute Antwort benennt die Fachkonzepte und wendet sie konkret auf den Fall an. Eine Entscheidung treffen und begründen — nicht ausweichen.

Fazit. Das 7-Schritt-Raster ist die Antwortschablone jeder Fallaufgabe: neutralisieren → Perspektiven/Fakten/Stakeholder → Prinzipien anlegen → abwägen → entscheiden.

(c) WARUM Rohleder bewertet die Methode, nicht die „richtige“ Meinung. Wer das Raster sichtbar abarbeitet und dabei die Fachbegriffe konkret einsetzt, holt die Punkte — auch bei strittigem Fazit.


B) Ethische Grundpositionen als Werkzeugkasten (Kurzreferenz)

(a) ANTWORT — die in Schritt 5 anzulegenden Prinzipien (Vertiefung: Dossiers U07–U09):

Position Vertreter Bewertet Typ Fall-Nutzen
Tugendethik Aristoteles den Charakter ehrbarer Kaufmann, Vertrauen
Pflichtethik Kant Absicht/Maxime deontologisch Menschenwürde, „aus Pflicht“ vs. „pflichtgemäß“, Selbstzweckformel
Utilitarismus Bentham/Mill Folgen/Nutzen teleologisch Gesamtnutzen — aber blinder Fleck (Minderheiten/Menschenwürde geopfert)
Vertragstheorie 20. Jh. Rawls Gerechtigkeit der Regeln deontologisch geprägt Schleier des Nichtwissens + Maximin gegen zynisches Kosten-Nutzen-Denken
Diskursethik Habermas/Apel Verfahren der Normbegründung prozedural zukünftige Generationen, Teilnahmerecht

Zentrale Denkfehler, die man benennen soll:

  • Sein-Sollen-Fehlschluss: aus einem Ist- nicht auf ein Soll schließen („Das haben wir immer so gemacht“).
  • Blinder Fleck des Utilitarismus: das einzelne Menschenleben hat einen Eigenwert, der sich nicht gegen den Mehrheitsnutzen aufrechnen lässt (Kollateralschaden → Kriegsverbrechen). Genau hier setzt Rawls an: Grundrechte dürfen nie Gegenstand wirtschaftlicher Kalküle sein.
  • Handeln aus Pflicht vs. pflichtgemäßes Handeln (Kant): Fairness nur aus Angst vor Boykott/Kundenverlust ist pflichtgemäß, aber nicht aus Pflicht — rational/nützlich, aber nicht moralisch.

Rahmen für Wirtschaftsfälle: Wirtschaftsliberalismus (USA — jeder Markteingriff falsch) vs. Ordoliberalismus / soziale Marktwirtschaft (DE — Staat zieht bei Marktversagen Leitplanken, Musterbeispiel Mindestlohn).

Fazit. Wer diese Werkzeuge parat hat, kann in Schritt 5 gezielt greifen, statt vage „ethisch/unethisch“ zu urteilen.

(c) WARUM Rohleder prüft die korrekte Zuordnung (Vertreter, deontologisch/teleologisch) und die Anwendung, nicht das Nacherzählen der Theorien.


C) Fall „Angemessener Gewinn“ / Gordon Gekko

(a) ANTWORT

Sachverhalt. Gordon Gekko (Film Wall Street, 1987): „Greed, for lack of a better word, is good.“ Vielen Unternehmen wird „Gier“ vorgeworfen, wenn sie ambitionierte Gewinnziele verfolgen. Frage: Gibt es „Übergewinne“ und eine „Gierflation“? Ist ein hohes Gewinnstreben ethisch verwerflich?

Schritt 1 (neutralisieren): Nicht „Gier ja/nein“, sondern: Ist ein nachhaltiges, angemessenes Gewinnstreben legitim — und wo verläuft die Grenze zur schädlichen Maximierung?

Zwei Gründe, warum AGs auf nachhaltige, angemessene Gewinne angewiesen sind (Altklausur A3b):

  1. Wettbewerb um Eigenkapital am Kapitalmarkt: Aktionäre sind Eigentümer, die ihr Kapital riskieren und dafür eine risikoadäquate Rendite erwarten. Bleibt der Gewinn/die Rentabilität aus, ziehen sie ihr Kapital ab (verkaufen) → Kurs fällt, Kapitalbeschaffung wird teuer/unmöglich. Ohne angemessenen Gewinn kein Eigenkapital → keine Investitionen → kein „Morgen verdienen“.
  2. Substanzerhalt und Zukunftsfähigkeit (CAPEX): Gewinne finanzieren F&E, Ersatz- und Erweiterungsinvestitionen (Innenfinanzierung über den Cashflow). Wer keine angemessenen Gewinne erzielt, kann nicht in Potenziale investieren und wird überholt (vgl. GoPro/Segway, U03). „Nachhaltig“ heißt zudem: nicht aus der Substanz ausschütten (Gegenbeispiel: Dividende trotz halbiertem Gewinn kaum gesenkt → höhlt den Konzern aus).

Begriffliche Schärfe (Rohleders Erwartung): Profitabilität (absolute Ertragskraft/Marge, Gewinn/Umsatz) vs. Rentabilität (Gewinn relativ zum eingesetzten Kapital, EKR/GKR/ROI) sauber trennen. „Gier“ (kurzfristige Maximierung auf Kosten anderer) ≠ angemessener, nachhaltiger Gewinn (Voraussetzung des Fortbestands). Der Gekko-Punkt „Management hat keinen Stake“ (Prinzipal-Agent-Problem: Vorstand besitzt <3 % → Interessenkonflikt) ist ein legitimer Teilaspekt.

Abwägung & Entscheidung. Angemessener Gewinn ist ethisch geboten (sichert Kapital, Investitionen, Arbeitsplätze, License to Operate). „Gier“ im Sinne kurzfristiger Maximierung auf Kosten von Stakeholdern oder Substanz ist abzulehnen — sie gefährdet Vertrauen und langfristigen Wert. Die Grenze verläuft an Nachhaltigkeit und Fairness, nicht an der Gewinnhöhe selbst.

(b) VERWANDTE FRAGEN

  1. „Profitabilität vs. Rentabilität?“ — absolute Marge (operative Leistungsfähigkeit) vs. Kapitalverzinsung (Attraktivität für Kapitalgeber); ein profitables Geschäft kann unrentabel sein (zu viel Kapital gebunden) — beide nötig.
  2. „Warum ist ‚Gewinnmaximierung um jeden Preis' langfristig riskant?“ — Sie kann Substanz, Stakeholder-Beziehungen und Legitimität (License to Operate) beschädigen und so künftige Erfolgspotenziale zerstören.

(c) WARUM Rohleder will die Kapitalmarktlogik (Wettbewerb um Eigenkapital) plus die saubere Profitabilität/Rentabilität-Trennung — und die ethische Differenzierung Gier ≠ angemessener Gewinn. War Altklausur-Aufgabe 3.


D) Fall „Lieber reich und gesund“ (Rawls-Fall)

(a) ANTWORT

Sachverhalt. Wer reich ist, genießt sein Alter im Schnitt rund neun Jahre länger als ein Armer.

a) Drei mögliche Ursachen:

  1. besserer Zugang zu Gesundheitsversorgung/Prävention (privat versichert, IGeL),
  2. geringere körperliche/psychische Belastung im Beruf + gesündere Lebensführung (Bildung, Ernährung, weniger Stress/Existenzangst),
  3. besseres Wohnumfeld (weniger Lärm/Schadstoffe, mehr Erholung).

b) Aus Sicht des Wirtschaftsliberalismus (kein ethisches Problem): Ungleichheit ist das legitime Ergebnis freier Marktprozesse — jeder trägt Verantwortung für sein Handeln, Leistung wird belohnt, Umverteilung wäre ein ungerechtfertigter Eingriff in Angebot/Nachfrage. Der Markt reguliert sich selbst; die Aussicht auf Wohlstand ist ein produktiver Leistungsanreiz.

c) Das wichtige Rawls-Argument (Schritt 5, deontologisch): Schleier des Nichtwissens + Maximin. Würde man die Gesellschaftsregeln entwerfen, ohne zu wissen, ob man arm oder reich geboren wird, würde man ein System wählen, in dem selbst der Ärmste noch eine gute Gesundheitsversorgung und Lebenserwartung hat (Maximin: das schlechteste Los so gut wie möglich machen). Lebenschancen/Grundgüter dürfen nicht vom Zufall der Geburt („Wiegenlotterie“) abhängen — genau das lehnt Rawls gegen den Utilitarismus ab.

Abwägung & Entscheidung. Die liberale Position erklärt die Ungleichheit, rechtfertigt aber nicht die Ungleichheit von Lebenschancen. Rawls' Schleier des Nichtwissens ist das schärfere Argument: Ein gerechtes System sichert allen — auch dem Ärmsten — Grundgüter (Gesundheit), weil niemand seine Startposition gewählt hat.

(b) VERWANDTE FRAGEN

  1. „Was ist der Schleier des Nichtwissens?“ — Gedankenexperiment: Regeln so entwerfen, als wüsste man die eigene spätere Rolle nicht → faire Regeln, weil man mit der schlechtesten Position rechnen muss.
  2. „Warum lehnt Rawls den Utilitarismus ab?“ — Weil Grundrechte/Grundgüter nicht gegen den Mehrheitsnutzen verrechnet werden dürfen (Antwort auf den blinden Fleck).

(c) WARUM Direkte Prüfung des Rawls-Werkzeugs. Rohleder fragt gezielt nach „dem wichtigen Argument von Rawls“ — gemeint ist Schleier des Nichtwissens + Maximin.


E) Fall „Beamte in die Rentenkasse“

(a) ANTWORT

Sachverhalt. Durchschnittliche Beamtenpension ~3.240 €/Monat (mehr als das Doppelte der gesetzlichen Durchschnittsrente); Pensionen kosten den Staat >53 Mrd. €/Jahr. Sollten Beamte in die gesetzliche Rentenkasse einzahlen?

a) Ethische Bewertung (soziale Marktwirtschaft): Spannung zwischen dem Gleichheits-/Gerechtigkeitswert (warum eine privilegierte Gruppe?) und dem Vertrauensschutz/Alimentationsprinzip (Beamte verzichten auf das Streikrecht, der Dienstherr sichert dafür die Versorgung — ein „Vertrag“). Rawls: Wer hinter dem Schleier des Nichtwissens entscheidet, würde ein Zwei-Klassen-System der Alterssicherung kaum wählen. Solidaritätsargument: Eine Rentenkasse, in die auch Beamte (und Selbstständige) einzahlen, verbreitert die Basis.

b) Wirtschaftlicher Effekt einer Aufnahme (Größenordnung, mit plausiblen Annahmen schätzen): Kurzfristig positiv (zusätzliche Beitragszahler → mehr Einnahmen, Entlastung der laufenden Kasse), langfristig aber erkaufte Mehrbelastung (die neuen Beitragszahler erwerben eigene Rentenansprüche). Klassisches Umlagesystem-Problem: heute Entlastung, morgen zusätzliche Auszahlungsverpflichtung. Als Fall der Diskursethik / zukünftige Generationen zu flaggen — die Entscheidung verschiebt Lasten in die Zukunft.

Abwägung & Entscheidung. Gerechtigkeits- und Solidaritätsargument sprechen für die Einbeziehung; der Vertrauensschutz (Alimentationsprinzip) und der Umlage-Bumerang (spätere Ansprüche) mahnen zur Vorsicht. Eine tragfähige Position benennt beide Seiten und flaggt die Lastverschiebung an künftige Generationen (Diskursethik).

(b) VERWANDTE FRAGEN

  1. „Was ist das Alimentationsprinzip?“ — Der Dienstherr sichert die amtsangemessene Versorgung der Beamten (auch im Ruhestand) als Gegenleistung u. a. für den Streikrechtsverzicht.
  2. „Warum ist der kurzfristige Kassen-Effekt trügerisch?“ — Weil neue Beitragszahler künftige Rentenansprüche erwerben (Umlagesystem) → die heutige Entlastung wird morgen zur Mehrbelastung.

Rohleders Erwartung (alle U27-Fälle): mit plausiblen, naheliegenden Annahmen eine Größenordnung schätzen (nicht auf exakte Zahlen fixieren) und die soziale Marktwirtschaft (Ordoliberalismus) sowie Rawls als Bewertungsraster explizit anlegen.

(c) WARUM Prüft das Schätzen mit Annahmen + das Anlegen des sozialen-Marktwirtschaft-/Rawls-Rasters + die Diskursethik-Dimension (zukünftige Generationen).


F) Weitere prüfungsrelevante Fälle (Kurzraster)

  • Subventionen (Altklausur A1): Pro (Sozialstaat/Ordoliberalismus): Korrektur von Marktversagen, Schutz strategischer Industrien, Strukturhilfe. Contra (Wirtschaftsliberalismus): entkoppeln von echter Nachfrage („wie eine Droge“ — Dienstwagen, Kohle, Baukindergeld), begünstigen lobbystarke Branchen (Rent-Seeking), verzerren Wettbewerb, belasten Steuerzahler. Entscheidung: nur eng begrenzt, degressiv/befristet, bei echtem Marktversagen — nicht als Dauersubvention.
  • BASF China (Zhanjiang): Dilemma Kosten sparen ↔︎ Arbeitsplätze/Standort erhalten. Contra Verlagerung (Kant/Rawls/License to Operate): faire Bedingungen aus Einsicht; kein „Ausbluten“ von Ludwigshafen. Pro (utilitaristisch/ökonomische Ethik): ohne Wettbewerbsfähigkeit ist das ganze Unternehmen gefährdet (Brecht). Entscheidung: Marktzugang China ja, aber nicht auf Kosten des heimischen Standorts, faire Bedingungen an beiden.
  • „Überbevölkerung“ (Altklausur A2): ethisch fragwürdig als menschenfeindliches Framing (wer ist „zu viel“? → Nähe zu Sozialdarwinismus/Eugenik, blinder Fleck, Menschenwürde/Kant), legitim als nüchtern-ökologische Tragfähigkeitsfrage (Pro-Kopf-Konsum, nicht Kopfzahl). Immer fragen: Wer ist angeblich „zu viel“ und wer definiert das?
  • Trigema (Standorttreue): Inland vs. China/Bangladesch; „Bezahlen meine Kund*innen für Ethik?“ (T-Shirt 7,50–9 € vs. ethisch garantiert 28 € — aber selbst 70 € garantieren keine faire Fertigung).
  • Zivilcourage / Sozialauswahl bei Kündigung: deontologische Pflicht vs. teleologisches Eigeninteresse; Betriebszugehörigkeit vs. soziale Verantwortung (Alleinverdiener).

2. Klärungsbedarf (#90) · 3. Feedback (#99)

(persönlich — selbst ausfüllen; 0 = alles klar … 3 = völlig unklar)

Fall Priorität Konkrete Frage
7-Schritt-Raster _0 (selbst)
Angemessener Gewinn _0 (Profitabilität/Rentabilität sicher trennen?)
Lieber reich & gesund _0 (Rawls-Argument in eigenen Worten?)
Beamte/Rentenkasse _0 (Umlage-Effekt schätzen üben)
  • Sonstige Frage: … · Hinweis: … · Bitte: … · Vorschlag: … · Lob: … · Kritik: …

Quellen

  • Rohleder, A.: ETFÜ-Vorlesungsmaterial Ethische Fallentscheidungen (etfue/content/ethische-fallentscheidungen.md) und Ethische Grundpositionen (etfue/content/ethische-grundpositionen.md) — Fälle, 7-Schritt-Raster, Kant/Rawls/Utilitarismus-Anwendung.
  • Altmeisterklausur ETFÜ 18.07.2025 + Modellschlüssel (altklausur-ETFUE-loesung.md) — Subventionen (A1), Überbevölkerung (A2), Angemessener Gewinn/Profitabilität-Rentabilität (A3).
  • Rawls, J. (1971): A Theory of Justice (Schleier des Nichtwissens, Maximin).
  • Kant, I. (1785): Grundlegung zur Metaphysik der Sitten (kategorischer Imperativ, Selbstzweckformel).
  • Bentham/Mill (Utilitarismus, „blinder Fleck“); Eucken/Müller-Armack (Ordoliberalismus, soziale Marktwirtschaft).
  • Holzmann, R. (2022): Wirtschaftsethik, 3. Aufl., Springer Gabler (Lehrbuch der Ethik-Hälfte).

Erstellt mit Unterstützung generativer KI (Claude/Anthropic), eigenständig zu überarbeiten. Sachquellen siehe oben.